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26.01.2013
Lifestyle
Wir sind Kaffee
Modernes Leben
VON ANNEKE QUASDORF

"Gott sei’s gedankt, in der nächsten Welt wird es keinen Kaffee geben. Denn es gibt nichts Schlimmeres, als auf Kaffee zu warten, wenn er noch nicht da ist."

Die Ungeduld, die den Philosophen Immanuel Kant bereits im 18. Jahrhundert umtrieb, kennen Millionen Menschen weltweit auch heute nur zu gut. Sie zeigt den unaufhörlichen Siegeszug eines Getränks, das auch mehr als 300 Jahre nach seiner Entdeckung nichts von seinem Reiz verloren hat, im Gegenteil: In vielen Ländern der Erde ist der Kaffee Lieblingsgetränk Nummer eins, Verbrauch steigend. Allein der Deutsche trinkt pro Jahr mehr als 150 Liter. Damit liegt das Wachmach-Getränk in der Menge des Verbrauchs vor Mineralwasser, Limo, Bier, Fruchtsäften und Tee, hat eine gemeinschaftliche Studie des Kaffeerösters Tchibo und des Wissenschaftsmagazins brand eins ergeben.

Wie stark das braune Gebräu unseren Alltag verändert hat, lässt sich allerdings längst nicht so einfach in Zahlen fassen, so unmerklich haben sich Latte Macchiato, Cappuccino und Coffee to go in unsere Bestellungen und unsere Gewohnheiten geschlichen. Kaum jemand kann sich wohl daran erinnern, wann und warum er plötzlich einen "Caffe Latte" statt des guten alten Kännchen Kaffees orderte. Genauso schleichend verlief parallel ein anderer Prozess: Schließlich geht es heute im Café nicht mehr um den einfachen Konsum eines Getränks, sondern um die Definition des gesamten Lebensstils – so viel ist spätestens seit hitzigen Debatten um Latte-Macchiato-Mütter im Prenzlauer Berg und auf Apple-Notebooks tippenden Hipstern bei Starbucks klar. Warum aber sagt ein Getränk etwas darüber aus, wer wir sind?

Weil es eigentlich nie nur um den Kaffee ging. Das ist zumindest die Antwort des Historikers Wolfgang Schivelbusch, der sich in seiner Abhandlung "Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft. Eine Geschichte der Genussmittel" mit den Auswirkungen des Kaffees auf die neuzeitlichen Gesellschaften befasst hat. "Das Kaffeehaus wirkt als sozialer Ort, als Ort der Kommunikation und der Diskussion, während der Kaffee, der serviert wird, dabei keine erkennbare Rolle mehr spielt. (. . .) Es ist im 18. Jahrhundert das Lokal bürgerlicher Öffentlichkeit, ein Ort, an dem das Bürgertum kommerziell wie kulturell neue Formen entwickelt." Auch Dietmar Klenke, Professor für Neueste Geschichte an der Universität Paderborn, weiß: "Die Kaffeehäuser waren ein wichtiges Forum, eine Kontaktstätte, wo zum allerersten Mal Menschen unabhängig von ihrem Stand zusammenkamen, um sich auszutauschen."Dass diese Aspekte auch für das 21. Jahrhundert zutreffen, wissen die Gastronomen der Bielefelder Innenstadt. Eine ganze Straße, ursprünglich der "Gehrenberg", heißt hier im Volksmund nur noch "Kaffeemeile", so viele Coffeeshops haben sich angesiedelt. Alle sind sie durchdesignt, alle laufen gut – und alle bieten sie den Raum für die Entwicklung von Schivelbuschs "neuen kulturellen Formen". Schaulaufen gehört dazu, Sehen und Gesehen werden, Geselligkeit. Der Kaffee ist da nur mehr schmackhaftes Accessoire.

Das beobachtet Rolf Grotegut, Inhaber des "M-Kaffee" jeden Tag. "Der Mensch ist ein Gesellschaftstier, immer schon, und im 21. Jahrhundert ist der Coffeeshop sein zweites Wohnzimmer geworden." Auch Hassan Mimouni, Besitzer des "Thumel 1504" sieht darin den Erfolg der Coffeeshops: "Hier kann jeder unter Menschen sein, ohne sich verabreden zu müssen und es sieht immer so aus, als ob man zusammen gekommen ist, dafür sorgt schon die Anordnung der Tische und Stühle." Ganz ungezwungen nutzten die Gäste das Café als Aufenthaltsraum: "Der eine liest, der andere arbeitet, der dritte kommt zur geschäftlichen Besprechung. Wir haben sogar Leute hier, die sich zum Schachspielen verabreden."

Ist die neue deutsche Kaffee-Kultur dann also nichts weiter als ein Abklatsch vergangener Zeiten? Eben nicht, laut Wolfgang Schivelbusch. Denn der Kaffeehaus-Trend, der im 17. und 18. Jahrhundert England, Österreich und Frankreich fest im Griff hat, greift damals nicht auf Deutschland über – auch, weil ohne Kolonialstatus die Versorgung mit Kaffee ein großes Problem darstellt. "Die ,öffentlich-heroische’ Periode des Kaffeehauses", so Schivelbusch, "die der Kaffee in England wie in Frankreich durchmacht, wird in Deutschland übersprungen. Hier tritt er sofort auf als privat-häusliches Getränk." Heißt: Die Damen halten Kaffeekränzchen, die Herren trinken einfach so. Im schlimmsten Fall Zichorien-Ersatzkaffee.

Eine blühende Kaffeehaus-Kultur hat es bis vor zehn Jahren in Deutschland somit nicht gegeben – kein Wunder also, dass wir (Nachhol)bedarf haben. Wie groß das Bedürfnis war, hat Rolf Grotegut vor 12 Jahren erlebt. Er war der erste Gastronom in Ostwestfalen-Lippe, der seinen Laden nach amerikanischem Vorbild als Coffeeshop gestaltete, damals hieß der Betrieb noch "Miner’s Coffee". "Wir verkaufen Atmosphäre, keinen Kaffee" lautet seine Devise – heute wie damals. Und so war das "Miner’s" erstmals eine helle, stylische Alternative zum gediegenen, bisweilen verplüschten, manchmal gar angestaubten Café – und schlug ein wie eine Bombe. Doch nicht nur in OWL, in Großstädten in der ganzen Bundesrepublik entdeckten die Deutschen das Design.

Und der Kaffee an sich, der soll nun mit alledem nichts zu tun haben? Schwer zu glauben. Immerhin reicht unsere Bohnen-Begeisterung so weit, dass es laut Tchibo eine Typologie der Kaffeetrinker gibt: Puristen sind darunter, Anspruchsvolle, Klassiker und Pragmatiker. Letztere trinken gern viel und schnell. Kant war wohl einer von ihnen.

Kommentare
Ja ja, die guten alten Genussmittel aus Drittweltländern.Vielleicht müssen wir uns in den kommenden Jahren (ich hoffe, es sind noch Jahrzehnte) daran gewöhnen, dass ein Pfund Kaffee 20€ kostet.Genau wie Kakao.Eine Tafel Schockolade kostet dann ca. 5€.Schluss mit falschen Ettiketten, die uns Bio oder Fair Trade vorgauckeln wollen, denn dann wird´s ernst.Kaffee und Kakao gehören zu den bedrohten Gütern der westlichen Welt.Durch Klimawandel, Monokulturen, fehlendem Bauernnachwuchs (neue Generationen gehen lieber studieren um richtig Geld zu verdienen, und nicht für ein Paar lausige Cents von früh bis spät auf den Feldern zu malochen, damit wir Kaffee und Co.haben, der dort fürn Appel und nen Ei gekauft wird und hier von Konzernen für verhältnismäßig viel Geld verkauft wird).Mit anderen Worten, bald wird ein Alfred Ritter für seine Schockolade selbst auf die Plantagen gehen und Kakao anbauen müssen, für diese Luxusgüter sieht es jedenfalls zuküntig nicht mehr rosig aus.


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