Manchmal gucke ich in den Spiegel und suche dabei nach mir selbst. Ich habe blaue Augen, braune Haare – und eine markante kleine Nase, die ich von meiner Mutter geerbt habe. Aber die Augen? Die sind vermutlich von meinem biologischen Vater. So wie vielleicht auch die dunklen Schatten darunter, wenn ich müde bin. Genau weiß ich das aber nicht – weil ich ihn noch nie gesehen habe. Mehr noch: Ich weiß nicht einmal, wer er ist. Ich bin das Kind eines Samenspenders.
Es ist gut 18 Jahre her, dass meine Mutter mir die Geschichte meiner Entstehung erzählte. Ich war zehn, lag schon im Bett, meine Mutter war noch bei mir und wir unterhielten uns darüber, wem in unserer Familie ich ähnlich sehe. Ich kann mich noch genau an diesen Abend erinnern, weil er zu den wichtigsten meines Lebens gehört – denn plötzlich fiel mir auf, dass ich optisch nichts von meinem Vater, also dem Mann, bei dem ich aufgewachsen bin, habe. Wir sind nicht total verschieden, weil sich die Ärzte bei der Wahl des Spenders sehr am Aussehen meines Vaters orientiert haben, aber wir sind uns eben in keinem Detail richtig ähnlich.
Hintergrund
Kinder anonymer Samenspender haben ein Recht auf den Namen ihres Vaters. So urteilte am Mittwoch vergangener Woche das Oberlandesgericht Hamm über die Klage einer 21-jährigen Frau. Andere Menschen, die durch eine Samenspende entstanden sind, profitieren allerdings vielleicht nicht von der Entscheidung, da in vielen Fällen die entsprechenden Dokumente
nicht mehr vorliegen.
Meine Mutter sah mich in dem Moment, in dem ich das sagte, intensiv an. Dann erklärte sie mir, dass mein Vater keine Kinder zeugen kann. Dass er zwar mein Papa sei, aber nicht mein Erzeuger. Ich fand das damals eher spannend als schlimm und wollte so viel wie möglich wissen. Ich löcherte meine Mutter mit Fragen, die sie mir alle beantwortete. Nur zum wichtigsten Punkt, wer denn dieser andere Mann sei, konnte sie mir nichts sagen. Er hatte anonym gespendet.
Ich weiß, dass sich in genau diesen Sekunden der Wahrheit für viele Spenderkinder das Leben von Grund auf ändert. Vor allem für die, die es erst spät und unter manchmal komischen Umständen erfahren. Viele leiden sehr unter der Situation. Das war bei mir zum Glück nicht so, vielleicht, weil ich mich bei meinen Eltern so geborgen fühlte. Ich dachte eher positiv: Dann habe ich ja noch einen Vater. Ich nannte ihn für mich "Heinrich".
In den nächsten Tagen und Wochen haben meine Eltern und ich viel darüber gesprochen. Ich habe versucht herauszufinden, ob sich etwas anders anfühlt. Aber alles war wie immer. Mein Papa war immer noch mein Papa. Trotzdem gab es plötzlich diese Spannung. Wie in einem Krimi, von dem man gerne wissen möchte, wie er ausgeht.
Je älter ich wurde, umso häufiger dachte ich ernsthaft darüber nach, wie er wohl sein könnte. Ob er sich manchmal fragt, was aus seiner Samenspende geworden ist. Ob er mich dann gerne kennenlernen würde. Wie er aussieht, wie er spricht. Ob ich ihm ähnlich bin. Er wurde mir immer wichtiger, obwohl ich ihn gar nicht kannte. Gleichzeitig habe ich mich manchmal gefragt, was ich mir davon erhoffe, meinen biologischen Vater kennenzulernen. Was, wenn ich ihn nicht mag?
Ich überlegte mir auch, was das für meine Eltern bedeuten würde, besonders für meinen Vater. Ich wollte sie nicht verletzen, indem ich mich einfach auf die Suche begebe. Darum habe ich immer alles mit ihnen besprochen. Auch meinen Entschluss, mit 19 bei der Klinik nachzufragen, in der ich gezeugt wurde.
Es waren noch dieselben Ärzte dort wie damals. Sie haben sich Zeit für mich genommen, aber meinen Wunsch, meinen Erzeuger kennenzulernen, konnten sie nicht verstehen. Sie sagten: "Sie haben doch einen sozialen Vater." Und: "Die Gene sind doch nicht so wichtig." Dann sagten sie noch, dass sie wahrscheinlich gar keine Unterlagen mehr hätten. Ob das stimmte, konnte ich nicht nachvollziehen. Ich bin ja eines der ersten Samenspenderkinder in Deutschland – und obwohl es verschiedene Regelungen über die Aufbewahrungspflicht der Unterlagen und das Recht etwas über seine Herkunft zu erfahren gibt, ist das alles gerade bei Samenspenderkindern eine große Grauzone zwischen Theorie und Praxis.
Seit dieser Zeit ist viel passiert. Ich habe mich mit anderen Betroffenen zusammengeschlossen und mit ihnen den Verein "Spenderkinder e.V." gegründet. Wir kämpfen für das Recht aller Spenderkinder, ihren Erzeuger kennenzulernen. Wir haben auch Sarah P. unterstützt: Dass es jetzt dieses Urteil gibt, ist ein großer Erfolg für uns alle, denn bisher konnten wir nur auf die Kooperation der Ärzte setzen.
Ich hätte mir in meinem Fall gewünscht, dass die Ärzte noch mehr eine Art Vermittlerrolle eingenommen hätten und, wenn der Spender einverstanden gewesen wären, einen Kontakt ermöglicht hätten. Aber jetzt wird es ja vielleicht gesetzlich geregelt – zumindest habe ich nach diesem Urteil vielleicht doch noch die Chance, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Ich habe wieder Hoffnung, und sie ist durch diesen Prozess auch wieder realistisch geworden.
Es geht uns Spenderkindern nicht darum, die Familien dieser Männer zu stören, oder Unterhaltsforderungen zu stellen. Darum sollen finanzielle Ansprüche auf beiden Seiten auch gesetzlich ausgeschlossen werden. Nein, es ist die Suche nach der zweiten Hälfte meines Ichs. Darum würde ich meinem biologischen Vater einfach nur gern mal Hallo sagen und wissen, wie er aussieht. Ich möchte mit ihm reden, seine Stimme hören und wissen: Worüber kann er lachen? Was macht ihn traurig? Und natürlich: Worin ähneln wir uns? Ich und viele andere möchten einfach nur wissen, wo unsere Wurzeln sind.
Ein nicht mehr anonymer Spender, der später als Vater kennen gelernt werden möchte, entscheidet allerdings selbst und freiwillig, ob er sich auf den Wunsch des "Kindes" einlässt oder nicht. Ein Kennenlernen kann nicht, auch nicht rechtlich erzwungen werden.
Aus SIcht eines Kindes, erst recht erwachsenen Kindes ist der Wunsch des Kennenlernens verständlich. Diesen Wunsch wird auch jeder soziale Vater verstehen. Er hat ja nichts mit ihm zu tun.
Glaube nicht, dass an Samenspenderväter besondere Erwartungen, die über ein Kennenlernen hinaus gehen, gerichtet werden.
Viele Kinder haben heute sehr komplizierte Ursprünge mit diversen verwandten und nichtverwandten Bezugs- und Erzeugerpersonen.
Denke, auch seine Leihmutter würde man kennen lernen wollen, ohne zu erwarten, dass diese Muttergefühle entwickelt. Trotzdem möchte man sich ein Bild von ihr machen.