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23.02.2013
Leben
Alte Liebe postet nicht
VON ANNEKE QUASDORF

Stefan liebt Laura. Aber Laura liebt Stefan nicht mehr. Was folgt, ist das traurige, aber leider ganz alltägliche Ende: Tränen, Türenknallen, Trennung. Nach und nach werden aus zwei Vertrauten zwei Fremde, die sich allenfalls noch mal zufällig in der Stammkneipe treffen, die daraufhin einer von beiden wechselt. Und dann: alles auf Anfang. Neubeginn.

Im neuen Jahrtausend sieht die Sache anders aus. Denn es gibt eine neue Stammkneipe, und die kann Stefan nicht so einfach verlassen: Das soziale Netzwerk Facebook verbindet Millionen Menschen rund um den Globus miteinander, statistisch nutzt es jeder Siebte weltweit – natürlich auch Laura. Und während ein Aufeinandertreffen im realen Leben zufällig stattfindet und mit ein paar pflichtschuldigst gewechselten Worten schnell beendet werden kann, trifft in der virtuellen Welt das Netzwerk die Entscheidung, wer wie viel vom anderen zu sehen bekommt – und das ist in der Regel eine ganze Menge.

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Süchtig nach dem Netz

Da soziale Netzwerke ein relativ junges Phänomen sind, gibt es in diesem Bereich bislang sehr wenig Forschung zum Thema Abhängigkeit, weiß Bernd Werner, Projektleiter der Stiftung Medien- und Onlinesucht in Lüneburg. "Man vermutet allerdings, dass hier auch viele Kriterien zutreffen, die für den Bereich Mediensucht generell zutreffen." Dabei handelt es sich um ganz klar abgesteckte Faktoren:

1. exzessive Nutzungszeit (mehr als fünf Stunden pro Tag),

2. das Auftreten eines Kontrollverlusts, was diesen Zeitrahmen betrifft,

3. die Vernachlässigung von schulischen oder beruflichen Aufgaben, von realen sozialen Kontakten, von Hobbys und von Körperpflege,

4. das Akzeptieren und Billigen von negativen Konsequenzen dieser Vernachlässigungen.

Bleiben Stefan und Laura Facebook-Freunde, wird er weiterhin auf seiner Startseite sehen, was sie postet. Eine Bemerkung über den Partyabend mit ihren Freundinnen, ein Fotoalbum vom Kurzurlaub und der anzügliche Kommentar eines anderen Mannes setzen sich so Stück für Stück zu einem Bild über Lauras neues Leben zusammen. Und weil Stefans Herz noch weit davon entfernt ist, auf alles Laura-hafte gleichgültig zu reagieren, wird er die Einträge lesen oder gar danach suchen. "Und so kann der Liebeskummer nicht aufhören", sagt Carola Sander.

Sie muss es wissen, begleitet sie doch Menschen nach Trennungen als ausgebildeter Liebeskummer-Coach durch die schwere Zeit. "Wichtig für die Heilung ist vor allem, dass derjenige irgendwann loslassen kann, einen klaren Schlussstrich zieht, den Fokus auf sich selbst richtet statt auf den Expartner. Nur so kann er die Trauer überwinden." Immer wieder erlebt Sander, dass soziale Netzwerke diesen Prozess erheblich be-, wenn nicht gar ganz verhindern.

Das zeigt auch eine Studie aus Großbritannien. Die Psychologin Tara Marshall von der Brunel-Universität befragte 464 Personen, die gerade eine Trennung hinter sich hatten, aber über Facebook weiterhin die Aktivitäten des Expartners verfolgen konnten. Das klare Ergebnis: Je öfter sich die Probanden auf dem Facebook-Profil des Verflossenen herumtrieben und es beobachteten, desto schlechter ging es ihnen. Viele empfanden mehr Sehnsucht, Verlangen, Trauer und Angst als jene Probanden, die sich auf Facebook in puncto "Ex-Spionage" zurückgehalten hatten.Einleuchtende Schlussfolgerung also: Wenn Stefan sich besser fühlen will, muss er Facebook und damit Laura meiden. Klingt einfach, ist es aber nicht, weiß der Psychologe und Stalking-Fachmann Jens Hoffmann. "Das Bedürfnis, nach einer Trennung die Bindung zum Partner aufrechtzuerhalten, ist tief in uns angelegt und ganz normal. Wir sind eben Gruppentiere, das ist emotional in uns verankert." Gibt es also die Möglichkeit, dem Ex auf der Spur zu bleiben, werden die meisten Verlassenen sie auch nutzen – und schon schnappt die Facebook-Falle zu.

Schnell schlägt neugieriges Stöbern dann um in intensives, masochistisches Bespitzeln. Masochistisch deshalb, weil sich natürlich jeder Hinweis darauf, dass der Expartner ein zufriedenes, gar glückliches neues Leben führt, wie ein Widerhaken ins Herz bohrt. Lassen können es trotzdem die wenigsten.

Dieses Muster trifft allerdings nicht nur auf Menschen mit Liebeskummer zu, haben Forscher der Humboldt-Universität zu Berlin und der Technischen Universität Darmstadt herausgefunden. Ihr Ergebnis: Menschen, die Facebook nur passiv nutzen, also lediglich die Profile anderer Menschen ansehen und deren Leben beobachten, fühlen sich oft schlecht, empfinden Neid und Eifersucht und sind somit generell unzufriedener.

"Der Mensch vergleicht sich immer mit anderen", sagt Projektleiterin Hanna Krasnova. "Und da die Nutzer auf Facebook natürlich nur positive Dinge über sich posten, entsteht schnell der Eindruck: ,Ich schneide nicht so gut ab wie der Rest. Die anderen haben ein besseres Leben.‘ Das gilt natürlich auch für den Vergleich mit dem Expartner."

Sind wir also alle kleine Stalker mit Facebook als perfekter, weil anonymisierender Spielwiese? Den Impuls, zu verfolgen, was die anderen so treiben, kennt schließlich jeder, darin ist der Erfolg von Facebook in hohem Maße begründet. Stalking-Experte Hoffmann gibt Entwarnung. "Stalking definiert sich über zwei Ebenen: zum einen durch den wiederholten, einseitigen Versuch, Kontakt aufzunehmen, und zum anderen über die fixe Idee im Kopf, dass derjenige, den ich verfolge, für mich bestimmt ist."

Dennoch sollten Frischgetrennte ihr Verhalten in sozialen Netzwerken gut im Auge behalten. "Problematisch wird es dann, wenn das Beobachten des Partners im Internet das ganze Leben definiert und man sich nicht weiterentwickelt."

Dieser Ansicht ist auch Liebeskummer-Coach Carola Sander. "Menschen, die unter starkem Liebeskummer leiden, verlieren manchmal den Bezug zur Realität, konzentrieren sich nur noch auf den Expartner und dessen Leben. Das kann krankhaft sein und tut niemandem gut. Aber die Kraft, sich gegen die über die Netzwerke zur Verfügung stehenden Informationen abzugrenzen, die muss man eben erst mal haben."

Unterm Strich geht es also wieder mal um den Aspekt der Liebe, der dem Menschen schon immer am schwersten gefallen ist: das Loslassen. Es ist nur noch schwieriger geworden in einem Zeitalter, in dem man Menschen nicht mehr einfach so aus den Augen verlieren kann. Sondern sich per Mausklick von ihnen entfreunden muss, um weniger über sie zu erfahren.


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