Schrift

02.03.2013
Interview
Gabriele Rodruígez: "Vornamen dürfen nicht lächerlich sein"
Vornamens-Foscherin im Interview

Deutschlands einzige Vornamens-Forscherin

Frau Rodríguez, ganz Großbritannien spekuliert gespannt, welchen Namen wohl das Kind von Prinz William und seiner Frau Kate tragen wird. Hätten Sie einen Tipp für die beiden?
GABRIELE RODRÍGUEZ:
Von Paaren, die in der Öffentlichkeit stehen, erwartet man immer besondere Namen. Jungen haben als Stammhalter schon immer traditionellere Namen erhalten, in einem Königshaus wird man sicher einen bodenständigen Namen wählen. Bei einem Mädchen könnte es ein ausgefallenerer Name werden.

Info

Die Top-Favoriten

Mia und Ben – das sind schon seit Jahren die beliebtesten Vornamen der Deutschen. Sowohl 2011 als auch 2012 schafften es die beiden Namen laut einer Auswertung von Geburtsstatistiken durch den Hobby-Namenforscher Knud Bielefeld mit großem Vorsprung auf Platz 1. Ebenfalls gern an den Nachwuchs vergeben: Luca, Paul, Jonas und Fynn für Jungen, Emma, Hanna, Lea und Sophia für Mädchen.

Das schwedische Königshaus hat mit der Wahl "Estelle" für die Tochter von Kronprinzessin Victoria für eine Überraschung gesorgt.
RODRÍGUEZ:
"Estelle" bedeutet "Stern" und ist wirklich ein sehr schöner Name.

Deutsche mögen es klassisch | FOTO: DPA

Einige Schweden fanden, "Estelle" klinge wie eine Nachtclub-Königin. Wie kommt es zu so unterschiedlichen Assoziationen, wenn wir einen Namen hören?
RODRÍGUEZ:
Jeder Mensch macht im Laufe seines Lebens positive oder negative Erfahrungen mit Namen generell. Es gibt aber auch ein kollektives Empfinden, das heißt, dass die Mehrheit einen Namen als altmodisch, modern, jung oder dynamisch empfindet.

Warum werden denn zum Beispiel "Cindy", "Mandy" und "Kevin" als typische Unterschichtsnamen empfunden?
RODRÍGUEZ:
Menschen, die sich sehr stark an den englisch und amerikanisch geprägten Medien orientieren, gehören tendenziell bildungsferneren Schichten an. Die geben dann englische Namen. Das ist ein Symptom unserer Zeit, dass Namen über die Medien aufkommen und schnell wieder verschwinden. 2002 ist "Shakira" bekannt geworden, sofort wurden Mädchen nach ihr benannt. Heute findet man den Namen eher selten.

Über Jahre hinweg waren die "Harry Potter"-Bücher und -Filme Millionenerfolge. Warum wird der Name "Harry" kaum vergeben?
RODRÍGUEZ:
"Harry" ist ein alter deutscher Name, aber keine Modeerscheinung. Im Unterschied zu anderen Kulturen wählen die Deutschen die Vornamen ihrer Kinder vor allem nach deren Wohlklang aus und nicht nach deren Bedeutung. Vokale wie "a" oder "i" klingen im Deutschen eher weiblich, zum Beispiel "Maria", "Ida", "Anna".

Welche Trends beobachten Sie noch?
RODRÍGUEZ:
Wie in der Mode gibt es Wellenbewegungen. Im Moment sind altdeutsche Namen besonders populär. Es gibt auch einen ganz starken Trend zur Individualisierung, zu selten gewordenen Namen. Selbst die häufigsten Vornamen, wie "Marie", "Alexander", "Mia" oder "Ben", werden nur noch zu ein bis zwei Prozent vergeben. Das Kind soll auf keinen Fall so heißen wie die anderen in der Klasse. Noch ein Trend: Alle hundert Jahre kommen Namen wieder.Das heißt, 2050 werden wir dann wieder viele "Renates", "Dieters" und "Günthers" haben? Oder sterben manche Namen auch aus?
RODRÍGUEZ:
Alte germanische Namen wie Gangolf oder Hartrud werden nicht mehr vergeben. Höchstens als Zweit- oder Drittname in Anlehnung an Familienangehörige. Günther oder Wilhelm erscheinen jetzt schon wieder häufiger. Es kommt auch auf das Alter der Eltern an. Ganz junge Eltern sind sehr fantasievoll, ältere Eltern machen sich viel mehr Gedanken darüber, was der Name für das Kind später bedeuten könnte. Manche Eltern sind bei der Namenssuche von den Reaktionen des Umfeld überfordert. Sofort kommen verschiedenste Meinungen, und die Eltern sind nicht mehr sicher, ob der Name noch gut ist. Am besten ist es, den Vornamen für das Kind erst nach der Geburt bekannt zu geben.

Sie bieten an der Universität Leipzig eine Namensberatung an. Wer ruft bei Ihnen an?
RODRÍGUEZ:
Bei mir melden sich viele Akademiker, die Angst haben, dass der Name, den sie für das Kind gewählt haben, der bildungsferneren Schicht zugerechnet werden könnte. Sie wollen nicht, dass ihr Kind in der Schule benachteiligt wird. Ich schaue mir dann die Tradition des Namens an: Wie hat er sich entwickelt? Gibt es Tendenzen, einer Gruppe zugeordnet zu werden? Es ist schwierig, Prognosen zu geben, wie ein Name in 20 Jahren wirken wird. Früher war eine "Jacqueline Müller" etwas Exotisches, heute ist das normal.

Welche Regeln müssen Eltern bei der Namensgebung beachten?
RODRÍGUEZ:
Generell dürfen die Eltern frei entscheiden, dennoch müssen Kriterien beachtet werden: Der Name darf das Kind nicht der Lächerlichkeit preisgeben, muss als Vorname erkennbar sein und sollte das Geschlecht erkennen lassen, wobei das letzte Kriterium schwankt. In Frankreich oder den Niederlanden gibt es das gar nicht.

Wie gehen Sie vor, wenn Eltern einen Namen wünschen, der nicht akzeptabel ist?
RODRÍGUEZ:
Wir versuchen, Alternativen anzubieten. Eine andere Schreibform oder eine Abwandlung. Wir hatten mal eine Anfrage für "Crazy Horse", eine historische Figur. Der indianische Ausgangsname war allerdings "Taschunka Witko", und das ging. Die Eltern hatten einen starken Bezug zu Amerika und wollten auswandern.

Wäre "Crazy Horse" denn in den USA möglich gewesen?
RODRÍGUEZ:
Ja, dort kann man alles eintragen lassen, sogar einzelne Buchstaben oder Ziffern. Dort tragen Kinder "Adolf Hitler" oder "Stalin" als Vorname. Sie können die Namen mit Semikolon, Leerzeichen oder mittendrin mit Großbuchstaben versehen. Geht alles. Viele Namen von Stars, die bei uns ursprünglich nicht zulässig waren, wie "Blue", "Sky", "Summer", "Peaches" oder "Apple" werden mittlerweile auch in Deutschland eingetragen.

Welchen Einfluss hat der Vorname auf die Persönlichkeit eines Kindes?
RODRÍGUEZ:
Man fragt sich manchmal wirklich, wie die Kinder damit zurechtkommen, aber es gibt dazu keine Studien. Es gibt nur amerikanische Studien über die Wahrnehmung von Namen in der Bevölkerung. "Justin" ist ein weißer Name, kein Afroamerikaner würde seinen Sohn so nennen. Es gibt in den USA auch die Tendenz, den Mädchen einen Jungennamen zu geben, damit sie bessere Karrierechancen haben.

In welcher Beziehung steht in Deutschland der Vorname zu den Berufschancen eines Kindes? Hat es "Kevin" schwerer als "Alexander"?
RODRÍGUEZ:
Wir haben seit diesem Jahr die Möglichkeit, die Namen aller Absolventen der Universität Leipzig seit 1813 zu beobachten, können das aber pauschal nicht bestätigen. "Kevin" kam in den 50er und 60er Jahren in den alten Bundesländern in der Mittelschicht auf und wurde erst in den 90er Jahren vermehrt in bildungsfernen Schichten vergeben und somit uninteressant für gebildete Familien. Damit wurde der Name abgewertet. Man muss immer die Hintergründe einer Namensgebung kennen.

Wie sieht es bei Einwanderern aus?
RODRÍGUEZ:
Wir können kleine Tendenzen sehen, dass Arbeitgeber auf Grund des Namens Bewerbungen ablehnen. Wenn Einwanderer  nachweisen können, dass sie als "Ali" keine Aufträge oder Arbeit bekommen, können sie den Namen ändern lassen. Auch Personen, die psychisch unter ihrem Namen leiden, haben diese Möglichkeit. Allerdings liegen die Erfolgschancen auf Namensänderung nur bei etwa 20 Prozent.

Kommentare
Au weia, liebe Frau Rodriguez! da haben Sie aber danebengetroffen mit Ihrem Kommentar zum Namen "Justin" in den USA. Villeicht mal Zeitung lesen? Sportberichte? Schauen Sie sich mal die Fotos an zu Justin Gatlin (Leichtathletik), Justin Dentmon (Basketball), Justin Blalock (Fussball), Justin Upton (Baseball). Alles Afro-Amerikaner, und nicht nur das, ihr sportlicher Erfolg und ihre Popularität regen weitere Familien zum Gebrauch dieses Vornamens an. Da haben Sie die Leser aber ordentlich missinformiert.


Das könnte Sie auch interessieren
Interview
Jan Delay: "Börsenmakler sind nicht funky"
Herr Delay, vom "Absoluten-Hip-Hop-Beginner" über Reggae, Soul und Funk zum Metal – fehlt nur noch etwas Ernstes in Ihrem Repertoire. Eine Oper vielleicht? mehr

Leidenschaft
Das Geheimnis 
des Drachen
Ein kleiner roter Plüschdrache baumelt an seinem Schlüsselbund. Erst mal nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlicher erscheint da schon die wuchtige Metallkiste in seinem Kofferraum. Inhalt ist ein rotes Drachenkostüm. mehr

E-Mails
Sie haben Post
Als die Nachricht aus den USA bei dem deutschen Wissenschaftler Professor Michael Rotert ankam, wusste er zwar, dass sich von nun an einiges ändern würde, die Dimensionen konnte er aber nicht absehen. "Uns war klar, dass die Kommunikation nun deutlich schneller würde, vor allem auf internationaler Ebene. mehr

Schamgefühl
Der Sinn des Schämens
Ob Schweißausbrüche im Büro oder der hängende Bauch am Strand, gerade im Sommer gibt es viele Dinge,  für die wir uns schämen. 
Aber warum eigentlich? Und was können wir dagegen tun? mehr




Anzeige

Schon wieder Lust auf Fußball?





Summ, summ
Es mag fast etwas zu dick aufgetragen sein, was Kultschauspieler Sylvester Stallone in seinem neuesten Film "The Expendables 3" anbietet. Denn in die Jahre gekommene Action-Leinwandhelden geben sich die Klinke in die Hand. mehr

ACHIM BLOMENKAMP KOCHT: Kürbissuppe mit Knoblauch
Alle an einem Tisch – dieser Ausdruck bekommt im Restaurant-Café Kachelhaus eine ganz neue Bedeutung. mehr




Jobs bei der NW


Zeitungsdruck Rotationsdruck Rheinisches Format   NW Logistik