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09.03.2013
Interview
"Ich bin ein Einzelgänger"
Der Radiomoderator im Interview

Radiomoderator Jürgen Domian

Herr Domian, die meisten Menschen kennen Sie als Moderator Ihrer Talk-Radiosendung. Sie sind aber auch Autor – und führen in Ihrem neuesten Buch ein Interview mit dem Tod. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
JÜRGEN DOMIAN: Der Hintergrund ist, dass mich das Thema Tod schon mein ganzes Leben lang beschäftigt. Das fing bereits als Jugendlicher an, so mit 12, 13 Jahren. Und mittlerweile bin ich ja auch beruflich, in meiner Sendung, fast jede Nacht mit dem Thema konfrontiert. Über die Jahre habe ich in meiner Sendung mit tausenden Menschen darüber gesprochen – aber eben noch nie mit dem Tod selbst. So ist die Idee entstanden.

Fasziniert Sie der Tod, oder macht er Ihnen Angst?
DOMIAN: Im Grund war es über Jahrzehnte eine Angst, denn der Tod ist ja nun das größte Mysterium unserer Existenz. Niemand kann den Tod erklären, niemand weiß, ob es ein Weiterexistieren gibt. Durch das Schreiben des Buches allerdings, durch das Ausformulieren all dessen, was ich Jahrzehnte mit mir herumgetragen habe, habe ich diese Angst vor dem Tod fast verloren.

Info

Moderator, Autor, Zuhörer

Jürgen Domian studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaften an der Uni Köln und jobbte danach als Kabelträger. Ab 1993 moderierte er auf WDR 1 die Radiosendung "Die heiße Nummer". Am 1. April 1995 lief erstmals "Domian" auf dem WDR-Sender Eins Live. Mittlerweile hat Jürgen Domian mehrere Publikationen veröffentlicht, darunter drei Romane. Am Samstag, 9. März, liest er in Bielefeld aus seinem Buch "Interview mit dem Tod". Die Lesung ist ausverkauft.

Viele denken bei Ihrer Sendung automatisch an Gespräche mit Leuten, die mit Hackfleisch kopulieren oder abgöttisch in ihre Heimorgel verliebt sind. Die höchsten Einschaltquoten bringen aber Sendungen über das Thema Tod und Sterben. Wie erklären Sie sich das?
DOMIAN: "Sex sells" funktioniert nicht mehr so wie früher. Die Menschen sind durch das Internet völlig überinformiert oder sogar abgestumpft. Auch wir in der Sendung haben fast alle Variationen von Sexualität besprochen. Ich erinnere mich an den Anfang, als wir den ersten Windelfetischisten in der Sendung hatten. Das war eine Sensation. Wenn heute einer anrufen würde mit diesem Thema, dann gäbe das gar keine Aufregung mehr, wohingegen die Themen "Tod", "Sterben", "Abschied" nach wie vor spektakulär sind in dem Sinne, dass es die Leute beschäftigt, berührt – auch Jugendliche. Jeder ist betroffen, durch Erfahrungen, Abschiede von Eltern, Verwandten, Freunden.

Aber geht es nicht vielmehr um Voyeurismus als um Identifikation mit anderen?
DOMIAN: Natürlich spielt Voyeurismus eine Rolle, aber keine so große, wie man denken könnte. Das zeigen uns die vielen Anrufe und Mails von Zuhörern und Zuschauern, die berichten, dass sie in ähnlichen Situationen waren wie ein bestimmter Anrufer und dass sie sich nach dem Gespräch besser gefühlt haben.Also wollen Menschen Ihnen beim Zuhören zuhören. Kurios, oder?
DOMIAN: Finde ich mittlerweile nicht mehr. Aber damals, als wir anfingen, haben wir selbst nicht geglaubt, dass das Format funktioniert, vor allem im Fernsehen. Die Menschen waren ja da schon etwas ganz anderes gewohnt, viel mehr Reize, viel mehr Aktion. Aber es hat funktioniert und tut es heute besser denn je.

Sind die Menschen in unserer Gesellschaft so einsam, dass sie einen fremden Menschen im Radio anrufen müssen, um über ihre Probleme sprechen zu können?
DOMIAN: Ich glaube, ja! Das kriegen wir allnächtlich präsentiert, dass es viele Menschen gibt, die alleine sind, keine Freunde haben oder die Freunde haben, mit denen sie aber nicht über existentielle, sie wirklich bewegende Dinge sprechen können. Ich weiß allerdings nicht, ob das anders wäre, wenn man die Zeit 40 Jahre zurückdrehen würde. Vielleicht wäre es genauso gewesen, und man wusste es nur nicht, weil damals alles unter den Teppich gekehrt wurde.

Damals hätte es auch so eine Sendung wie Ihre nicht geben dürfen.
DOMIAN: Von Seiten der Zuhörer vielleicht schon. Aber damals hätte keine Rundfunkanstalt ein solches Format geduldet, weil wir immer wieder an Tabus rühren, Grenzen überschreiten. Und da muss ein Sender dahinterstehen.

War Ihnen in den Anfangszeiten unwohl beim Tabubrechen?
DOMIAN: Nein. Es war immer mein Anliegen, dass wir auf einer soliden journalistischen Basis arbeiten. Dass es nicht um Effekthascherei geht, dass es nicht ins Pornografische geht, dass es nicht um den Tabubruch als solchen geht.

Mittlerweile ist Reality-TV gang und gäbe in Deutschland. Empfinden Sie sich als Vorreiter?
DOMIAN: Vorreiter klingt so hochgestochen. Aber es stimmt schon, dass wir in unserer kleinen Nachtsendung viele Dinge gemacht haben, die so vorher noch niemand zur Sprache gebracht hatte. Und es sind auch Dinge thematisiert worden, über die in den Jahren davor absolut geschwiegen wurde. Zum Beispiel haben wir schon 1995 öffentlich über sexuellen Missbrauch in der Familie und in der Kirche gesprochen. Das war ein Tabubruch damals. Heute ist das ein gängiges Thema – leider, weil es so oft passiert und gut, weil das bedeutet, dass das Schweigen darüber endlich gebrochen worden ist.

Fühlen Sie sich bei den Gesprächen eigentlich nie unwohl?
DOMIAN: Doch, natürlich. Für mich ist es nach wie vor schwierig, und das wird auch immer so sein, wenn sich schwer betroffene Menschen äußern, jemand, der im Sterben liegt, jemand, der einen engsten Angehörigen verloren hat. Da werde ich mir immer sehr bewusst, dass ich nicht wirklich helfen kann. Ich kann Trost spenden, für einen sehr begrenzten Zeitraum von zwölf oder dreizehn Minuten. Aber dann entlasse ich die Menschen wieder in die Nacht, in die Einsamkeit und in ihren Schmerz. Das ist sehr schwer, und da gibt es auch keine Lösung.Wie lange brauchen Sie, um nach solchen Gesprächen runterzukommen?
DOMIAN: Ich gehe nie vor fünf oder halb sechs Uhr morgens ins Bett. Ich surfe im Internet, gucke im Fernsehen Wiederholungen aus dem Abendprogramm. In den vergangenen Jahren habe ich oft noch Korrektur gelesen in meinen Büchern, das geht. Schreiben ginge nicht, da wäre ich noch zu abgelenkt.

Geregelter Alltag ist also nicht?
DOMIAN: Das ist das Problem, das geht nicht. Ich lebe einen völlig anderen Rhythmus als die meisten, der Tag ist komplett verdreht. 16 Uhr ist für mich Vormittag. Und das ist natürlich mit großen Schwierigkeiten verbunden, was Termine mit Ärzten, Behörden, Handwerkern angeht. Ich kann mich auch unter der Woche nicht mit Freunden treffen, weil ich abends vor der Sendung gar nicht entspannt genug bin dafür. Ich lege immer alles aufs Wochenende, wobei das in den vergangenen Jahren auch immer sehr eng war, weil ich da dann an meinen Büchern gearbeitet habe. Das endete dann damit, dass ich mich sonntagnachts um ein Uhr in Köln in einer Bar mit einem Freund traf.

Das klingt recht einsam.
DOMIAN: Das ist einfach so, meine Woche steht unter dem Zeichen der Sendung, der Arbeit. Aber das entspricht auch meinem Wesen. Ich bin ein Einzelgänger, habe keine Familie. Sonst ginge das nicht.


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