Schrift

16.03.2013
Religion
Das Kreuz mit dem Glauben
VON ANNEKE QUASDORF

Thema Leben

Glauben Sie an Gott? Einfache Frage, oder? Doch nicht? Dann geht es Ihnen wie vielen Deutschen. Anders als Zehntausende Pilger, die in zwei Wochen nach Rom reisen, um mit dem Papst das wichtigste Fest der Christen zu feiern, tun sich immer mehr Menschen schwer mit einem simplen Ja oder Nein, mit dem Glauben, mit Gott.

Dass der Wind sich dreht, merken die christlichen Kirchen seit Jahren an sinkenden Mitgliederzahlen, an leeren Kirchenbänken während der Gottesdienste. 2010 war die Zahl der Austritte aus der katholischen Kirche erstmals höher als die der Taufen.

Wer daraus aber den Schluss zieht, die Deutschen seien ein Haufen Ungläubiger, der liegt daneben – sie lassen sich nur nicht mehr vorschreiben, an wen oder was sie zu glauben haben. Selbermachen ist angesagt, und das gilt auch für die Sinnsuche. Und so bastelt sich jeder Fünfte einen Glauben, der zu ihm passt, und zwar aus allem, was die großen Weltreligionen und esoterischen Strömungen so hergeben.

Info

Glaubensgemeinschaften in Deutschland 2010:

Christen (katholisch, evangelisch, orthodox, freikirchlich): 50.100.000
Muslime: 4.000.000
Buddhisten: 270.000
Juden: 200.000

Konfessionslose: 24,8 Millionen Quelle: REMID

Laut dem Religionsmonitor, einer seit 2007 von der Bertelsmann-Stiftung herausgegebenen Umfrage, "praktizieren 22 Prozent aller Deutschen diese Patchwork-Religiosität", sagt Christel Gärtner, Religionssoziologin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. "Das kann damit zusammenhängen, dass religiös Interessierte nach Antworten suchen, die sie in der eigenen Tradition nicht finden."

In der Praxis sieht das dann so aus, dass wir christlich unseren Nächsten lieben, indisch uns beim Yoga entspannen, auf Holz klopfen, wenn die Fußballmannschaft gewinnen soll, uns über den kommenden Tag per Horoskop informieren und die Zähne nur bei abnehmendem Mond ziehen lassen. Gott ist in diesen Systemen nur noch eine Größe unter vielen und muss mit ausgleichender Gerechtigkeit, dem Schicksal und Schutzengeln konkurrieren.

Auch Religionsforscher haben diesen Trend längst erkannt und ihn in der "Transformationstheorie" zusammengefasst. Sie geht davon aus, dass sich die Menschen vom traditionellen Glauben in einer Religionsgemeinschaft abwenden, um sich einer viel persönlicheren Spiritualität zu widmen.

Spiritualität bedeutet Geistigkeit, die Wahrnehmung all dessen, was unsere unmittelbaren sinnlichen Erfahrungsmöglichkeiten übersteigt. Es ist eine Welt voller Möglichkeiten, ein Marktstand mit reichhaltigem Angebot an Lebenshilfe – und keiner bestimmt, was in die Einkaufstüte wandern darf.Diese Freiheit ist neu, zumindest in der Welt der Christen. Der große Gewinner: die Esoterik-Industrie, die es mit ihren Ratgebern und Räucherstäbchen, ihrem Chakren-Schmuck und Geistheiler-Sitzungen derzeit auf rund 10 Milliarden Euro Jahresumsatz bringt. Der große Verlierer: die christlichen Kirchen. Denn die Sehnsucht nach der Geistigkeit lässt einen leider außen vor: den Heiligen Geist.

Im Grunde kann diese Neuorientierung niemanden ernsthaft überraschen. Warum schließlich sollte das selbstbestimmte, freie Individuum, zu dem der Mensch des 21. Jahrhunderts geworden ist, Halt machen vor den Gesetzen und Einschränkungen des konfessionellen Christentums, einer der letzten dogmatischen Bastionen aus den Vorzeiten der Aufklärung? Schließlich lebt es sich in buddhistischer Erleuchtung unter Umständen so viel entspannter als in christlicher Gottesfurcht.

Diese Veränderung setzte bereits in den 60er Jahren ein, weiß Religionssoziologin Gärtner: "Durch das Wirtschaftswunder und Prozesse der Enttraditionalisierung kam es zu einer Vermehrung von möglichen Lebensentwürfen. Die Menschen hinterfragten Dogmen, und kirchliche Autoritäten verloren an Macht. Ende der 60er Jahre sahen sich die Kirchen der ersten großen Austrittswelle ausgesetzt."

Auch der Schweizer Theologe und Professor für Religionspädagogik Anton Bucher hat sich mit den Veränderungen der Religiosität beschäftigt und sieht in den aktuellen Entwicklungen etwas ganz Normales: An Religion, so sagte er in einem Interview mit der Frauenzeitschrift Brigitte, sei schon immer herumgebastelt worden, "auch das reine Christentum hat es nie gegeben".

Dieser Ansicht ist auch Klaus Müller, römisch-katholischer Priester und Professor für Fundamentaltheologie und Religionsphilosophie. "Es gibt in jeder Religion vom Menschen konstruierte Anteile. Auch das Christentum hat Symbole oder Metaphern aus anderen Gesellschaften übernommen. Ein gutes Beispiel ist die Figur vom guten Hirten, der das Schaf auf der Schulter trägt. Dabei stellt dieses Bild ursprünglich eigentlich den griechischen Gott Hermes dar."
Woran wir glauben, scheint vor diesem Hintergrund eine Frage zu sein, die man getrost vernachlässigen kann. Warum aber glauben wir in einer Zeit, in der wir so viel mehr sicher wissen als unsere Vorfahren, in einer Zeit, in der wir fundierte, wissenschaftliche Ergebnisse und Erklärungen für viele Phänomene jederzeit im Internet bei Wikipedia nachlesen können?

Hirnforscher glauben mittlerweile, dass wir von Natur aus zum Glauben programmiert sind. Theologe Müller hat eine schlichtere Antwort: Weil wir nicht anders können. "Wir wollen das große Ganze verstehen, uns ein umfassendes Bild von der Wirklichkeit machen, in der wir uns befinden. Das ist eine Art Heimatsuche, und da hilft der Glaube ungemein, weil religiöse oder philosophische Konzepte eine Erklärung liefern."

Geglaubt wird also, was gefällt. Dabei stören wir uns denn auch nicht daran, dass es mangels tieferen Wissens diverse Ungereimtheiten an unseren selbstgebastelten Wegweisern gibt. So betrachten zum Beispiel viele die in Hinduismus oder Buddhismus verankerte Reinkarnation, die Wiedergeburt, als Heil – "dabei handelt es sich in Wahrheit um ein Strafverfahren", so Theologe Müller.

Das alles kann der Kirche zwar nicht recht sein, aufhalten lässt sich der Trend aber nicht. Deshalb haben sich viele Gotteshäuser angepasst. Sie stellen ihre Räume jenen zur Verfügung, die streng genommen als Ketzer gelten. Und so verrenken sich Frauengruppen beim Yoga unter dem Kreuz zum Sonnengruß, entspannen sich Gestresste bei Reiki-Kursen neben dem Altar. Hat doch was: Glaubensfusion statt Glaubenskrieg.

Kommentare
wenn jemand an nichts glaubt ist das ja auch ein glaube.
die menschen sind eigentlich alle auf der suche weil keiner so richtig an ein endloses ende glauben möchte.
mir gibt der glaube jedenfalls sehr viel halt und zuversicht und ich beneide die sog. nichtgläubigen in keinster weise - aber das muss ja jeder für sich selbst entscheiden

Sehr geehrte(r) Anonymous,
in der Tat (Bezugsjahr 2010): 24,7 Mio. Katholiken + 23,9 Mio. EKD + 1,5 Mio. Freikirchen und Sondergemeinschaften + 1,4 Orthodoxe und orientalische Kirchen = 51,5 Mio.

Zudem ist die Zahl vom Buddhismus Bezugsjahr 2011 (2010: 0,25 Mio.) und die Zahl vom Judentum zählt diejenigen mit, deren religiöser Status aufgrund fehlender Gemeindezugehörigkeit unklar ist (daher REMID-Angabe für 2010 im Datenblatt nur 0,12 Mio.).


(Link unterdrückt)
(Link unterdrückt)

Mit freundlichen Grüßen

Christoph Wagenseil
REMID, Vorstand

Man sollte eigentlich am besten seinem Herzen und der eigenen Intuition folgen, wenn es um Gott geht, da kann man ja wissenschaftlich nichts beweisten, dass ist das Problem für viele. Für mich beschrebit zum Bespiel dieses buch sehr genau woran ich schon immer geglaubt habe aber "Im Kreis des Lebens - Buch 2". Erst als ich es durchgelesen habe wurde mir klar dass das der Fall ist. Es beschreibt deutlich was genau nach dem Tod passiert. Faszinierend.

In dem Infokasten fehlen einige Millionen der römtherischen Kathogelischen! (Der Mix aus Mann/Frau mit unterschiedlichen Konfessionen, die dann nicht mehr erfasst werden). Dann würde das in der Addition auch mit der Einwohnerzahl der BRD passen, was es so, wie es jetzt steht, nicht tut.

Sehr geehrte Damen und Herren,
danke, dass Sie auf uns verweisen. Allerdings hatte unser Datenblatt, Bezugsjahr 2010, eine Zahl von lediglich 24,8 Mio. Konfessionslosen. Es gibt bereits einen Artikel bei dw.de, welcher falsche Angaben unter unserem Namen verbreitet.

Mit freundlichen Grüßen
Christoph Wagenseil, Vorstand REMID

NW: Danke für den Hinweis, Herr Wagenseil. Wir haben den Fehler behoben.


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