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15.06.2013
Interview
"Satire darf fast alles"
Ein Interview mit Christoph Maria Herbst

Christoph Maria Herbst | FOTO: Christian Hartmann

Herr Herbst, aktuell geben Sie mal wieder den Hitler. Diesmal leihen Sie ihm aber nur Ihre Stimme als Leser der Politsatire "Er ist wieder da". Hat Hitler im Humor immer noch nicht ausgedient?
CHRISTOPH MARIA HERBST:
Anscheinend nicht. Wobei mich das auch wundert, weil ich finde, dass man sich im Humorbereich schon prima an dieser Figur abgearbeitet hat, sei es Charlie Chaplin, Mel Brooks oder Helge Schneider.

Was macht denn den Reiz aus?
HERBST:
Ich glaube, dabei geht es um unsere zutiefst menschliche Art und Weise, sich ein Ventil zu suchen, weil man sonst gar nicht wüsste, wohin mit seiner Aggression im Hinblick auf die jüngste deutsche Vergangenheit. So geht es mir zumindest, und mir hilft es dann, wenn ich solch eine Figur persifliere.

Info

Lesestunde

Am Sonntag, 16. Juni liest Christoph Maria Herbst im Bielefelder Theater aus Timur Vermes Polit-Satire "Er ist wieder da". Die Veranstaltung ist ausverkauft.

Christoph Maria Herbst ist nicht der Einzige seines Namens in seiner Familie. Auch seine zwei älteren Schwestern Isabell und Stefanie tragen den Zweitnamen "Maria".

Sie sind einer der Grenzgänger unter den deutschen Schauspielern. Gibt es etwas Satirisches, das Sie nicht machen würden?
HERBST:
Der Holocaust ist für mich tabu. Da würde ich nicht zur Verfügung stehen. Aber ansonsten darf Satire alles und muss auch alles dürfen. Wir leben Gott sei Dank in einem Staat, wo man fast alles machen darf.

Das nutzen Sie auch aus. Für Ihre Rolle als Bernd Stromberg haben Sie sich sogar schon mal eine Ohrfeige auf offener Straße eingehandelt. Schockieren Sie solche Erlebnisse?
HERBST:
Nein. Als Humorfachmann muss ich damit rechnen, und ich finde es ja gerade klasse zu polarisieren. Mainstream ist viel einfacher, das können immer alle, aber das sollen dann auch andere machen. Dafür bin ich nicht der Richtige. Ich habe es gerne, wenn man sich an mir und an dem, was ich tue, reibt. Und dann muss ich damit leben, dass ich auch mal eine Abreibung kriege. Aber Reibung erzeugt Wärme, und noch finde ich es ganz kuschelig so.

Sie rühren ja in allen Pötten, schauspielern, lesen, synchronisieren. Was muss ein Angebot haben, damit es Sie reizt?
HERBST:
Meine Hauptentscheidungsinstanz ist mein Bauch, der ist mein Stratege. Und so muss mich ein Angebot berühren, mich "kurzweilen". Ich habe es noch nie erlebt, dass ich jemanden unterhalten konnte, wenn ich selbst schon gelangweilt war. Und das Angebot muss sich möglichst unterscheiden von den Dingen, die ich vorher gemacht habe, weil eben das genau mein liebster Sport ist: in allen Pötten zu rühren und alle Herdplatten anzumachen. Dieses widersprüchlich Aufgestellte mache ich am liebsten.

Ihre Darstellung lebt von winzigen Details, etwa einer hochgezogenen Augenbraue. Sind Sie ein Pedant?
HERBST:
Wenn man mich lässt: ja. Gerade an Filmsets, wo unheimlich viel kaputtgespart wird, nicht zuletzt an Drehzeit, neigen viele Regisseure mittlerweile leider zum Hudeln. Ich bin aber jemand, der vom Proben kommt. Ich schüttele die Dinge nicht so einfach aus dem Ärmel, sondern versuche, dem Kern einer Szene langsam nahezukommen. Und da bin ich dann schon sehr pedantisch, sehr genau und präzise. Ich finde das auch wichtig.Eine Journalistin hat mal über Sie geschrieben, Sie seien ein gefährlicher Beobachter.
HERBST:
Also, es ist ja nicht so, dass ich im Privaten Leute seziere. Aber ich stelle schon fest, dass ich mir Menschen, mit denen ich mich unterhalte, immer auch auf einer zweiten Ebene anschaue, bestimmte Marotten oder einen Satzbau im Unterbewusstsein abspeichere. Und das kann ich im richtigen Moment, auch Jahre später, wieder erbrechen. Das würde ich als eine Gnade bezeichnen. Vieles ist aber auch die gute alte Loriotschule: Vicco von Bülow hat es wie kein anderer verstanden, das allzu Menschliche aufs Bravouröseste zu inszenieren. Diesen genauen Blick habe ich mir abgeguckt, weil ich Loriot so sehr verehre.

Herr Herbst, ich würde jetzt gern über "Stromberg" sprechen. Darf ich?
HERBST:
Natürlich! Wieso nicht?

Weil Sie in den vergangenen Jahren bei diesem Thema bisweilen etwas gereizt reagierten.
HERBST:
Ach, Sie glauben nicht, wie viele Rollen mir angeboten wurden, die im Fahrwasser des Bernd Stromberg konzipiert waren. Da fasse ich mir an den Kopf und denke: Leute, guckt doch mal genau hin, genau das mache ich doch schon die ganze Zeit! Soll ich mich jetzt selbst plagiieren oder initiieren? Das ist doch Quatsch! Kommt doch lieber mit spannenderen Figuren um die Ecke!

Welche Rolle spielt da die Sorge, für immer am Stromberg festzuhaften?
HERBST:
Die Gefahr gibt es natürlich, vor allem, wenn man eine Figur, die markant ist und einen sperrigen Charakter hat, in Serie spielt. Das geht ja selbst einem Götz George so. Ich finde das aber eigentlich eher schmeichelhaft. Schließlich habe ich dem Stromberg seine Markanz verliehen. Und Leute, die sich näher mit mir beschäftigen, stellen relativ schnell fest, dass ich weder Frauenfeind bin noch Rassist, noch Egoist oder darauf bedacht, einen überdachten Parkplatz zu haben. Deshalb und weil ich so viel anderes mache, fühle ich mich auch nie auf den Stromberg reduziert.

Nun ist ohnehin sein Ende gekommen. Der Kinofilm ist gerade abgedreht, danach ist Schluss. Sind Sie befreit oder befremdet?
HERBST:
Es fühlt sich auf jeden Fall ganz komisch an. Befreit ja, aber auch wehmütig. Schließlich habe ich der Figur viel zu verdanken. Man soll ja aufhören, wenn es am schönsten ist. Und es fühlt sich so an, als sei es jetzt am schönsten und die Figur auserzählt. Aus einer Serie überhaupt einen Kinofilm machen zu dürfen und den dann auch noch von einer treuen Fangemeinde finanziert zu bekommen – ich glaube, mehr Superlative gibt es nicht.

Das hört sich fast so an, als fragten Sie sich, was jetzt noch kommen soll.
HERBST:
Tue ich auch! Ich habe manchmal das Gefühl, dass ich meinen künstlerischen Zenit mit Stromberg überschritten habe. Aber das kann auch nur eine Momentaufnahme sein. Ich bin von Natur aus eigentlich sehr optimistisch und hoffe, es gibt noch viele schöne Figuren, denen ich meinen Körper und meine Stimme und meine Gesten schenken darf.

Mit Stromberg geht auch das einzige Ekel der aktuellen deutschen Fernsehlandschaft. Schon schade, oder?
HERBST:
Ach, nur Ekel war der doch gar nicht, oder? Ich hatte immer das Gefühl, dass man den manchmal auch einfach nur in den Arm nehmen möchte, ihm weiterhelfen möchte.

Aber er ist jetzt auch kein Sympathieträger. Und das deutsche Fernsehen richtet sich ansonsten eher auf Figuren zum Liebhaben aus.
HERBST:
Zumindest ist das deutsche Fernsehen sehr auf Kuschelmainstream ausgerichtet. Die Amerikaner oder Engländer trauen sich in dieser Hinsicht viel mehr. Wir Deutschen kommen da ja eher so vom Volkstheater, klopfen uns auf die Schenkel und am Ende ist alles "piep, piep piep, wir ham uns alle lieb". Meins ist das nicht, ich mag die schrägeren Sachen lieber, wo man sich denkt: Das hat der jetzt nicht im Ernst gesagt!


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