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29.06.2013
Gesellschaft
Das Geheimnis der Sympathie
Alte Instinkte leiten und durch die moderne Gesellschaft
VON TINA GALLACH

Kontakte

Es gibt Menschen, die betreten einen Raum und sind gleich der Mittelpunkt – ohne sich aufzudrängen. Sie sind die tollsten Kollegen, nett und hilfsbereit – ohne dass sie jemals ausgenutzt würden. Sie sind im Freundeskreis die Beliebtesten – und zwar in der Realität, denn sie brauchen keine Facebook-Freunde. Es sind Menschen mit diesem gewissen Etwas, das niemand richtig fassen kann, das aber jeden in seinen Bann zieht. Sie sind extrem sympathisch, Naturtalente im sozialen Geflecht. Und sie haben einen Namen: High-Self-Monitors.

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Die Drei-Sekunden-Regel

Meist genügt schon ein einziger Blick, und wir wissen, ob wir jemanden mögen oder nicht. Wissenschaftler nennen diese Einschätzung die "Drei-Sekunden-Regel". Es ist unsere Intuition, die den anderen blitzschnell scannt und uns dazu bringt, sofort eine Entscheidung zu treffen. Um bei wichtigen Terminen also möglichst sofort gut anzukommen, gibt es ein paar Tipps:
" Natürlich bleiben. Wer sich verstellt, sendet missverständliche Doppelbotschaften.
" Blickkontakt halten und so signalisieren: Ich interessiere mich für dich.
" In natürlicher Stimmlage sprechen. Hohe Tonlagen klingen gekünstelt.
" Sich zurückhalten. Das kommt besser an als Ichbezogenheit.

Soziologen, Psychologen und andere Wissenschaftler versuchen seit Jahren, ihr Geheimnis zu lüften und das Besondere ihrer Persönlichkeit zu erforschen. Dabei wurden Verhaltensmuster gefunden, die all diesen Menschen eigen sind. Und das Tolle daran: Theoretisch kann sie jeder nachahmen.

Ein paar Beispiele: Sind Sie vielleicht Kellner und möchten Ihr Trinkgeld aufstocken? Oder sind Sie vielleicht Arzt und möchten, dass Ihre Patienten die Scheu vor Diagnosen und Behandlungen verlieren? Dann probieren Sie es doch mal mit folgenden Tricks: Als Kellner wiederholen Sie einfach die letzten Worte der Bestellung Ihres Gastes: ". . . ein Sekt und zwei Weinschorlen". Dann haben Sie die Chance auf bis zu 68 Prozent mehr Tipp. Als Arzt berühren Sie Ihre Patienten während eines Gesprächs nur für den Bruchteil einer Sekunde mit der Hand am Arm. Ihr Vertrauensbonus wird von dem Moment an schlagartig steigen. Ein Nebeneffekt ist übrigens noch, dass Patienten, die nach einer leichten Berührung an ihre Medikamente erinnert werden, diese regelmäßiger nehmen. Das zumindest sind die Ergebnisse der Sympathie-Forschung: Wen wir mögen und wem wir vertrauen, unterliegt ganz klaren Regeln.

Dass eine sanfte Berührung am Arm sympathisch macht, haben Wissenschaftler der Universität der Bretagne so erforscht: Sie fragten fremde Menschen auf der Straße nach ihrer Telefonnummer. Von 240 Angesprochenen wurden 120 dabei kurz berührt. Sie gaben ihre Nummer fünfmal schneller heraus als die anderen, weil eine Berührung Zuneigung signalisiert. Der Trinkgeld-Trick der Kellner funktioniert darum so gut, weil das Wiederholen des letzten Teils der Bestellung signalisiert: "Da ist jemand, der mir wirklich zuhört." Eine Eigenschaft, die in der heutigen schnelllebigen Zeit sofort Vertrauen schafft. Und Vertrauen ist ein Verwandter der Sympathie.

Aber natürlich ist es ganz so einfach dann doch wieder nicht: Die größte nett gemeinte Geste wird nämlich nicht als freundliches Angebot wahrgenommen, wenn sie nicht echt ist – und wenn die Chemie zwischen Geber und Empfänger nicht stimmt. Denn obwohl wir Menschen im Jahr 2013 als hoch entwickelte Zivilisation gelten, handeln wir noch immer nach Mustern, die schon das Überleben in der Steinzeit gesichert haben.Psychologen aus Stanford haben herausgefunden, dass Nähe zu diesen Mustern gehört. Damit ist nicht die körperliche, sondern die soziale Nähe gemeint. Klar, manche Nachbarn können wir einfach nicht ausstehen, und auch der eine oder andere Kollege geht uns auf die Nerven. Generell ist es aber so, dass uns Menschen in unserem unmittelbaren Umfeld am sympathischsten sind. Wir mögen sie, weil es eine gemeinsame Basis gibt: Was früher die Höhle war, in der sich unsere Urahnen aneinanderkuschelten, kann heute die gleiche Straße sein, die Kneipe, der Arbeitsplatz – oder eine ähnliche Lebensgeschichte.

Ein anschauliches Beispiel, das diese These untermauert, ist Bill Clinton, der wenige Monate vor der Präsidentschaftswahl 1992 in der Gunst der Wähler nicht besonders hoch stand. Dann rieten seine Berater ihm, in Talkshows aus seinem Leben zu plaudern. Über seine Herkunft aus ärmlichen Verhältnissen, über seinen Stiefvater, der Alkoholiker war, über die Sorgen seiner Mutter. So etwas hatte noch kein Präsidentschaftskandidat gewagt – und es hätte schiefgehen können. Aber es funktionierte. Clintons potenzielle Wähler sahen, dass dieser große Gouverneur auch nur ein Mensch war wie sie selbst. Sie akzeptierten ihn als einen der Ihren. Und sie wählten ihn.

Das bedeutet nicht, dass man jedem Menschen, den man neu kennenlernt, nun sofort seine komplette Lebensgeschichte erzählen soll. Aber ein kleines Geständnis im richtigen Moment kann durchaus helfen, Sympathiepunkte zu sammeln.

So viel zu den Tricks – zu denen High-Self-Monitors allerdings gar nicht erst greifen müssen, weil sie diese sozialen Regeln anscheinend intuitiv beherrschen. Eine weitere mögliche Erklärung für die spontanen Sympathiewerte einiger Menschen ist zudem die, dass Zuneigung auch über die Nase entsteht. So kann unter Umständen schon die Wahl des Parfüms am Morgen darüber entscheiden, wie das Vorstellungsgespräch am Mittag verläuft. Ist der potenzielle neue Vorgesetzte zum Beispiel ein Davidoff-Fan, hat der Kandidat es mit diesem Duft vermutlich leichter als der Konkurrent, der nach einer ungeliebten Marke riecht – Gerüche wecken nämlich Erinnerungen und können das aktuelle Empfinden damit beeinflussen, ohne dass wir es bemerken.

Manche Menschen haben aber auch von Natur aus genau den richtigen körpereigenen Duftcocktail, der fremde Nasen, für den Verstand völlig unbemerkt, davon überzeugt, dass der neue Bekannte einfach super ist. Oder dass es eine gute Idee wäre, mit der Frau vom Nachbarsitz im Bus vielleicht irgendwann eine Familie zu gründen. Oder mit dem Mann, der an der Supermarktkasse vor einem steht, romantisch in den Sonnenuntergang zu reiten . . .

In diesem Punkt sind wir tatsächlich machtlos, denn unser Körper folgt einem Millionen Jahre alten genetischen Programm. Wobei man natürlich auch hier nachhelfen kann: Frischer Atem hilft sicherlich dabei, dem anderen überhaupt so nahe kommen zu können, um einen Hauch seines persönlichen Geruchs einzufangen. Denn trotz aller genetischen Verbundenheit hat unsere Entwicklung doch einen kleinen Sprung gemacht. Das Motto "Wo alle stinken, riecht niemand" ist schon seit dem Mittelalter out.

Kommentare
Richtig erhellend wäre der Artikel, wenn ein Zusammenhang zum "self-monitoring" hergestellt würde. Die Wissenschaftler haben ja nicht sympathische Menschen so genannt - sondern festgestellt, dass sehr selbstreflektierte Menschen sympathischer sind.
Statt dessen auf die Intuition zu Verweisen ist schlicht falsch.


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