Im Kamin knistert ein Feuer. Von den holzgetäfelten Wänden schauen aus goldenen Rahmen in Öl verewigte Patriarchen herab. Hier hat alles seinen rechten Platz. Der beeindruckende, polierte Samowar im Zentrum der Halle, die antike Standuhr am Rande des Raumes, das reinweiße Tuch auf dem Arm des Kellners, das feine Gebäck auf der Silber-Etagere. Perfekt.
Die exklusive Wohnhalle des Hotels Vier Jahreszeiten in Hamburg hat sich Judith Rakers als Treffpunkt ausgesucht. "Ich dachte mir, dass das für Touristen doch wunderbar ist mit dem Blick auf die Alster", sagt sie und schaut zu den großen, von rubinroten bodenlangen Vorhängen eingefassten Fenstern, hinter denen der graue, wolkenverhangene Himmel über dem zugefrorenen Fluss zu sehen ist. Der Ort passt zu "Miss Tagesschau". Mit ihrer aufrechten, geraden Haltung, die jegliche Tendenz, in dem mächtigen Polstersessel gemütlich zu versinken, im Keim erstickt; mit der schlanken, hochgewachsenen Figur und den langen glänzend-blonden Haaren fügt sie sich perfekt ein in diese feudale Szenerie hanseatischen Großbürgertums. Jedes Detail stimmt. Auch beim Interview. Sitzordnung, Gesprächsthemen, Perspektive des Fotografen – sie hat alles im Blick. Und merkt mit einem freundlichen Lächeln an, wenn man es anders machen könnte. Oder wenn sie es anders machen würde.
Praktikum bei der Neuen Westfälischen
Judith Rakers ist ein Profi. Seit 15 Jahren arbeitet die 34-Jährige als Journalistin. Hat sich von der Praktikantin bei dieser Zeitung zur Moderatorin bei Radio Hochstift und Autorin für "Focus-TV" hochgearbeitet. Hat nebenbei studiert, an zwei journalistischen Fachbüchern mitgeschrieben und ihre Dissertation geplant. Und hat sich dann, als sie ihrem Doktorvater von der Uni Münster nach Hamburg gefolgt ist, beim Norddeutschen Rundfunk (NDR) beworben, "da ich nebenbei wieder arbeiten wollte, weil mir das irgendwie gefehlt hat. Plötzlich ging alles ganz schnell mit dem ,Hamburg-Journal‘ und der Arbeit vor der Kamera. Und dann kam auch schon das Angebot der ,Tagesschau‘."
Ihre Karriere – ein glatter, gerader Weg. Ohne Brüche, ohne Umwege. Zielstrebig, diszipliniert hat sie ihren Kurs verfolgt. Sie sei früher schon immer extrem leistungsbereit gewesen, sagt sie und nippt an ihrem Cappuccino. "Ich habe zuerst Werbezettel für einen Supermarkt in Bad Lippspringe ausgetragen, dann war ich Bademeistergehilfin in der Westfalen-Therme in Bad Lippspringe, weil ich schon als junges Mädchen den Drang hatte, mein eigenes Geld zu verdienen." Das Gebäck, das auf der schneeweißen Porzellanuntertasse liegt, rührt sie nicht an.
Concealer gegen die Augenringe
Ihre Disziplin wurde besonders in den vergangenen zwei Jahren stark gefordert. Die Doppelbelastung, das schöne Gesicht der "Tagesschau" zu sein und parallel die NDR-Regionalsendung "Hamburg-Journal" zu moderieren, hat ihr einiges abverlangt. Wenig Freizeit und die täglichen Schichtwechsel bei den Nachrichten im Ersten – "da ist man extrem oft in einer Art Jetlag". "Ich habe zum Teil sechs Wochen durchgearbeitet ohne einen einzigen freien Tag." Wie sie damit umgegangen ist? "Ich habe Concealer genommen, um die Augenringe abzudecken, das war’s." Judith Rakers lacht. Nicht schallend laut. Kontrolliert. Gedämpft. Wie alles in diesem vom warmen Licht der goldenen Stehlampen eingehüllten Raum.
Judith Rakers
Geboren: Am 6. Januar 1976 in Paderborn.
Kindheit: Rakers’ Eltern trennten sich, als sie sieben Jahre alt war. Sie wuchs bei ihrem Vater in Bad Lippspringe auf.
Karriere: Nach dem Abitur am Pelizaeus-Gymnasium Paderborn studierte Judith Rakers Germanistik, Geschichte und Publizistik in Münster. Nebenbei absolvierte sie Praktika bei der Neuen Westfälischen und bei Radio Hochstift, wo sie anschließend als freie Mitarbeiterin jobbte. Weitere Stationen waren die Münstersche Zeitung und "Focus-TV". Von Anfang 2004 bis zum 17. Januar 2010 moderierte Rakers das "Hamburg-Journal" im Norddeutschen Rundfunk. Seit 2005 ist sie Sprecherin der Tagesschau. Die Hauptausgabe um 20 Uhr las sie erstmals am 18. März 2008.
Privat: Seit dem 29. Mai 2009 ist Rakers mit dem Banker Andreas Pfaff verheiratet.
Eine Robuste ist sie eigentlich schon immer gewesen, das hört man aus ihren Erzählungen heraus. "Wenn man in einer ländlichen Region aufwächst, dann ist man vielleicht etwas taffer. Wir haben als Kinder Buden gebaut im Wald, ich war viel reiten und viel draußen in der Natur", sagt sie. Zudem sei sie sehr durch ihren Vater geprägt, zu dem sie nach der Scheidung der Eltern zog. "Ich habe auch mit Barbies gespielt, klar – aber ich war am Wochenende eben auch in Autohäusern unterwegs und habe mit meinem Vater zusammen die neuen Modelle angeguckt."
Wie bei Rosamunde Pilcher
Die Reiterin, von der sie so viel erzählt, nimmt man ihr sofort ab. Allein schon wegen der Kleidung: edler Country-Style, in dezenten Erdtönen, die Hose in die Stiefel gesteckt. Die Wohnhalle mit Judith Rakers vor dem heimeligen Kaminfeuer könnte man sich auch in einem englischen Gutshaus vorstellen. Oder in einer Rosamunde-Pilcher-Verfilmung.
Ihre adrette Erscheinung ist auch in der Öffentlichkeit ein Thema. Gibt es wegen der Schönheit auch Vorurteile? Nein, die seien ihr schon jahrelang nicht mehr begegnet. Besonders beim "Hamburg-Journal" habe sie sehr viel von sich zeigen können, beweisen können, dass sie "auf zack ist" und nicht so "clean", wie es manch einer vielleicht vermuten könnte. "Es ist ja immer das Problem, dass die Leute in Schubladen gesteckt werden. Dabei hat jeder Mensch ja ganz viele Facetten." Manche haben auch Ecken und Kanten. Hier aber, in der Wohnhalle des Hotels Vier Jahreszeiten, ist alles rund. Und perfekt.
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