Ihr Busen ist eine Mogelpackung. Im italienischen Feinkostgeschäft bestellt sie Gouda statt Gorgonzola. Im All-inclusive-Hotel stürzt sie sich schon beim Frühstück "wie die Heuschrecke" auf Aal und Würstchen. Und die "Baustelle Gesicht" bekommt sie morgens nur mit ausgiebigen Spachtelarbeiten in den Griff. Enthüllungen über Katja Keßler, die von einer eifrigen Klatschreporterin stammen könnten. Stammen sie auch – zumindest von einer ehemaligen: von Katja Keßler selbst.
In ihrem Bestseller "Frag mich, Schatz, ich weiß es besser" haut sie ein intimes Bekenntnis über sich und ihre Familie nach dem anderen raus. Kann das alles echt sein? Ja, kann es.
Potsdam, Glienicker Brücke. Hier treffen wir uns. Seit rund zwei Jahren wohnt Katja Keßler mit Ehemann Kai Diekmann, dem in Bielefeld aufgewachsenen Chefredakteur der BILD-Zeitung, und den vier Kindern Yella (7), Caspi (6), Kolja (4) und Lilly (1) in der Havel-Stadt. Sie kommt zu Fuß. Ein paar Minuten zu spät, dafür aber wie aus dem Ei gepellt.
Katja Keßlers Farbberater rät ihr zu grauer Kleidung
Die Spachtelarbeiten sind erfolgreich ausgeführt worden. Und auch sonst passt alles. Schal, Mütze, Hose, Stiefel harmonieren Ton in Ton miteinander – und mit den grauen Stahlstreben der Brücke. "Ich habe extra vorher meinen Farbberater gefragt, der sagte: ,Zieh Grau an, Katja!‘" Sie lacht. "Man muss wissen, dass mein Farbberater eineinhalb ist und ,Dö!‘ sagt."
Eine Entourage an Stylisten, Kindermädchen, persönlichen Assistentinnen – so etwas hat Katja Keßler nicht. Sie ist "bekennende Hausfrau". Und sie hat ihre Mutter. "Omi Kiel" wohnt jetzt ebenfalls in Potsdam. Omi Kiel hat ihre Tochter mit deren Söhnen auf Lesereise begleitet. Und während wir durch Potsdam bummeln, passt Omi Kiel auf die Kinder auf. Von ihr ist auch das Quittengelee, das Katja Keßler mir zur Begrüßung in die Hand drückt.
"Die Früchte sind aus dem eigenen Garten", betont sie. Aber eingekocht hat Mutti sie. Dass Katja Keßler mit dem Herd nicht so viel anfangen kann, ist auf Seite 50 ihrer Bekenntnisse nachzulesen. So viel Hausfrau muss dann doch nicht sein.
Der Mann der Bestsellerautorin kommt aus Bielefeld-Brackwede
Wir machen uns auf den Weg ins Holländische Viertel. Ihr Vorschlag. Katja Keßler fährt im Redaktionskleinwagen mit. Nur mit Mühe lässt sie sich davon abhalten, sofort in den Fond des Zweitürers zu klettern. Auf der Rückbank durchzurutschen habe sie von ihrem Mann gelernt. "In Bielefeld-Brackwede, wo er groß geworden ist, haben die Autos links keine Türen", schmunzelt sie. Sie schmunzelt häufig über ihren Mann. Dass der BILD-Chef einen speziellen Humor hat, bekommt die Welt in schöner Regelmäßigkeit mit. Besonders sein öffentlich ausgetragenes Scharmützel mit der Tageszeitung (TAZ), bei dem das männliche Geschlechtsteil eine tragende Rolle spielt, sorgt seit Jahren für Erheiterung.
Katja Kessler | FOTO: JÖRG DIEKMANN
Glaubt man dem, was Katja Keßler in ihren "Schatzi"-Kolumnen schreibt, dann haben die beiden sehr viel Spaß miteinander – obwohl "mein Mann es fünf Jahre lang mit einer relativ spaßbefreiten Frau aushalten musste", wie sie vorrechnet. Vier Schwangerschaften plus Stillzeit zollen ihren Tribut.
Auf der Fahrt ins Zentrum Potsdams zeigt die 40-Jährige immer wieder nach rechts und links, erzählt, schäkert, weist auf Sehenswürdigkeiten hin. Da drüben der Neue Garten, durch den sie am Morgen noch gejoggt sei – obwohl sie so ein Sportmuffel ist –, an der Ecke die alte Reithalle, in der nun ein Biosupermarkt sei, da vorne Heiligensee, "wo Jauch und Joop und die ganzen wohnen", und hier "der einzige ALDI-Markt Deutschlands mit eigener Bootsanlegestelle". Beeindruckend.
Im Holländischen Viertel fegt Keßler gleich weiter durch die Straßen. Wir ziehen von Lädchen zu Lädchen, mustern Schaufensterpuppen, halten Deko-Artikel in den Händen. "Ehrlich gesagt, habe ich da im Moment einen argen Rückstand, weil ich so viel unterwegs war – Glück für meinen Mann!" Begutachten bei minus vier Grad Basthandtaschen mit aufgesetzten Sonnenblumen und kehren schließlich im "La Maison du Chocolat" ein: einem urigen Café mit "gemütlichen Omi-Kaffeetrink-Sofas und prallgefüllter Kuchenvitrine", wie Katja Keßler es beschreibt.
Katja Keßler ist keine typische "Latte-Mutti"
Bummeln und Tee trinken – das macht sie selten. "Wenn ich diese typische Latte-Mutti wäre, die einen Cappuccino trinkt, bummeln geht, noch einen Cappuccino trinkt, dann wäre ich wohl nicht aus Hamburg weggezogen." Die typische Latte-Mutti ist Katja Keßler tatsächlich nicht. Auch nicht das typische Frauchen an der Seite eines mächtigen Mannes, das allenfalls repräsentative Zwecke zu erfüllen hat. Die erfüllt die attraktive Blondine zwar, keine Frage – aber dazu ist sie auch noch witzig, schlagfertig, selbstironisch. Und schlau.
Nach dem Abitur studierte die gebürtige Kielerin Zahnmedizin. Ihrem mittlerweile verstorbenen Vater zuliebe, der den Traum hatte, dass seine drei Kinder eines Tages in seiner Praxis "Schulter an Schulter bohren" würden. Keßler quälte sich durchs Studium, fiel durchs Physikum, machte weiter und schrieb am Ende sogar ihre Doktorarbeit – während sie tagsüber in Redaktionen als Praktikantin erste journalistische Erfahrungen sammelte.
Das Studium bezeichnet sie heute als das Beste, was ihr passieren konnte. "Weil ich da schon einmal durchs Tal der Tränen gegangen bin. Und immer wenn’s dann irgendwann schwierig wurde in meinem Job, dachte ich: Aber ich habe Zahnmedizin geschafft, ich habe es durchgezogen." Und weil es ihr später als Society-Reporterin geholfen habe, Dummheit zu enttarnen. "Man denkt natürlich, da sind die schlauen, schönen, tollen Menschen", sagt sie. "Aber das ist eine Branche wie jede andere auch: Da gibt es die tollen, schlauen, schönen Menschen, und es gibt aber auch die dummen Blender."
"Ich schreibe meine Geschichten nicht für mich!"
Sie mag es bodenständig. In ihren Büchern wie im Leben. In der Sprache bevorzugt die ehemalige Griechisch- und Latein-Leistungskurs-Schülerin bewusst die "abgespeckte" Variante, mit der sie die Menschen erreicht. "Ich schreibe meine Geschichten ja nicht für mich, sondern ich schreibe sie, um in Bielefeld in der Buchhandlung zu sitzen und zu hören, dass Sie lachen."
Katja Keßler wurde 1969 in Kiel geboren. Ihrem Vater zuliebe studierte sie Zahnmedizin. Anschließend war sie vier Jahre lang die Society-Kolumnistin der BILD-Zeitung. 2002 und 2003 schrieb sie die Dieter-Bohlen-Biografien, 2007 den Roman "Herztöne", 2008 "Das Mami-Buch", 2009 "Frag mich, Schatz, ich weiß es besser". Die Fortsetzung soll im Frühjahr 2011 erscheinen.
Auch beim Menschen mag sie es unprätentiös. In ihren Mann hat sie sich vom Fleck weg verliebt. "Ich fand ihn cool, ich mochte seine Art, dieses Unaufgeregte. Er ist aus Bielefeld, ich bin aus Kiel – ich glaube, das ist unsere Geschichte", sagt sie und lacht wieder. Dann wird sie langsam unruhig, zückt ihr iPhone, ruft zu Hause an. Genug gequatscht: Die Tochter muss von der Freundin abgeholt werden, der Sohn vom Sport. "Ja, das muss alles organisiert sein."
Am Anfang unseres Gesprächs hatte sie gesagt, das größte Glück für eine Reporterin sei es, wenn man es mit einem reflektierten Menschen zu tun habe. "Schrecklich sind doch diese Menschen, die sagen: ,Da war ich super, da war ich noch besser, und das habe ich großartig gemacht.‘" Wir hatten Glück.
stehenden Code hier ein*: