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27.03.2010
Paula Kalenberg: Jung, wild, engagiert
Bielefelderin macht Schauspielkarriere in Berlin
VON INDRA KLEY

Fröhlich, frech, verrückt | FOTO: ALEXANDER GEHRING

Berlin, Prenzlauer Berg. Vor den Cafés am Weinbergsweg sitzen sie, die jungen, hippen, alternativ angehauchten Talente des Szenekiezes, und genießen bei einem Glas frischer Minze die ersten Sonnenstrahlen. Mittendrin: Paula Kalenberg. Seit vier Jahren lebt sie in Berlin. In bester Gesellschaft. "Ach guck mal, da ist Heike Makatsch auf dem Fahrrad", sagt sie und zeigt auf die blonde Schauspielerin, die in rasantem Tempo mit Kindersitz auf dem Gepäckträger vorbeiradelt. "Die wohnen hier alle in der Ecke. Wenn hier mal eine Bombe reinfallen würde, hätte der deutsche Film echt ein Problem." Paula lacht.

Sie lacht viel. Die 23-Jährige strahlt eine Unbeschwertheit aus, die einen gerne in ihrer Nähe sein lässt. Sie ist locker, macht jeden Spaß mit. Als wir das Café Gorki-Park nach einem Cappuccino und Mineralwasser verlassen, um im nahe gelegenen Grünzug Fotos zu machen, hüpft sie sofort auf einen Baumstumpf, wirbelt mit den Armen, streckt ein Bein in die Luft, kniet sich aufs Holz – und lacht.

Ihre Karriere begann in der Latein-Theater-AG

Sie nennt es das "Rampensau-Gen". Dieses hat sie damals schon in sich getragen, als sie ihre Bewerbung an eine Schauspiel-Agentur in Köln geschickt hat. "Über 1 Live gab es einen Radioaufruf, die haben Schauspieler für einen Kinofilm gesucht", erinnert sie sich und schmunzelt: "Das Casting war ab 18, ich war erst 14, aber habe mich trotzdem beworben." Die Agentur nahm Paula in ihre Kartei auf. Zwei Wochen später hatte sie ihre erste Rolle in einem Fernsehkrimi mit Hannes Jaenicke. Obwohl sie bis dahin lediglich Schultheater-Erfahrung hatte. In der Latein-Theater-AG spielte sie die Ophelia. "Das war die einzige Möglichkeit, meine Lateinnote zu retten", sagt sie und lacht wieder. "Ich war da komplett zwischen Nerds, das war wie Schach-AG." "Zum Glück" sei sie vor der Aufführung mit ihrer Mutter zu deren Lebensgefährten nach Bielefeld gezogen.

Als Kind ist sie oft mit ihrer Mutter umgezogen. In Bielefeld durfte sich die damals 14-Jährige zum ersten Mal die Schule selber aussuchen. "Und dann habe ich die rosafarbene mit den geschnitzten Türklinken genommen, weil die halt einfach am sympathischsten aussah, wie so ein Raumschiff."

Info
Geboren: 9. November 1986 in Dinslaken
Persönlich: Paulas Eltern leben getrennt. Mit 14 Jahren zog sie mit ihrer Mutter zu deren Freund nach Bielefeld. Sie hat einen Stiefbruder (22) und eine Stiefschwester (26).
Filme: u. a. "Die Wolke" (2005), "Was am Ende zählt" (2006), "Krabat" (2007), "Im Winter ein Jahr" (2007), "Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen" (2008).
Aktuell: Im Herbst 2010 läuft Oskar Roehlers "Jud Süß – Film ohne Gewissen" an, der bereits auf der Berlinale vorgestellt wurde. Im Mai beginnen die Dreharbeiten zu einem weiteren Kinofilm.

Aus Paula wurde eine Waldorfschülerin. Eine sehr glückliche Waldorfschülerin. "In der Klasse, bei den Menschen habe ich mich zum ersten Mal richtig wohl gefühlt. Dresscodes und all das spielten plötzlich keine Rolle mehr." Auch heute noch sind Äußerlichkeiten für Paula zweitrangig. Selbst wenn sie im Blitzlichtgewitter auf dem roten Teppich steht, wie kürzlich auf der Berlinale. "Man kann sich da natürlich auch zurechtmachen lassen." Natürlich. Lässt sie aber nicht. Weil sie "schnell überschminkt" aussieht. "Und ich mag es am meisten, wenn ich ungeschminkt oder nur ganz wenig geschminkt bin."

Als Kind wollte sie Polizistin werden

Sie ist überhaupt ein Naturtyp. "Ich bin immer sehr beseelt, wenn ich nach langer Zeit in Berlin mal wieder unter Bäume komme. Luxus ist für mich, in der Natur zu sein. Das genieße ich sehr", sagt Paula. Mit ihren zarten 1,56 Meter, dem hellen Teint und dem feinen blonden Haar wirkt sie fast schon wie eine Waldelfe, wären da nicht die derben Boots, die auffällige Lederjacke und ihr Dickkopf. Von dem bemerkt man im Gespräch nichts, im Gegenteil. Aber den hat sie, wie sie sagt. "Ich habe mich früher immer in alle Streite eingemischt. Auch wenn die Jungs ganz groß und stark waren, habe ich mich immer dazwischengestellt." Als Kind wollte sie deshalb Polizistin werden – bis sie irgendwann "mal selbst einen reingekriegt" hat.
Die Schauspielerin Paula Kahlenberg | FOTO: ALEXANDER GEHRING

Sich starkmachen für andere, das liegt ihr heute noch. Seit mehreren Jahren engagiert sich Paula Kalenberg als Schirmherrin für das Bielefelder Mädchenhaus, einen Verein, der Mädchen und jungen Frauen in Not- und Krisensituationen zur Seite steht und Zuflucht bietet. "Da es eine anonyme Stätte ist, können die Mädchen nicht selber vor die Presse treten", sagt Paula. "Das Einzige, was ich machen kann, ist, auf sie aufmerksam zu machen und ihnen eine Stimme zu geben."

Vor eineinhalb Jahren hat Paula die Schauspielerei für ein halbes Jahr ruhen lassen und auf einem Bauernhof in Wales in der Behindertenbetreuung gearbeitet. "Ich merke halt, dass der Kontakt zu Menschen wichtig ist, wenn man in der Lage sein möchte, Geschichten über Menschen zu erzählen. Das ist wichtig und nötig, und das hat mir eben genau das gegeben."

"Es gab in meiner Karriere nie so einen Megaknall"

Privat hat sie vor allem Kontakt mit denen, die sie schon lange kennt. Die mit ihr gewachsen sind, als die Rollen und Projekte stetig zunahmen. Ihre Familie, die beiden Stiefgeschwister, die Freunde aus der Waldorfschule, von denen viele mittlerweile auch in Berlin wohnen. "Es gab ja in meiner Karriere nie so einen Megaknall, und so ist das für uns alle sehr normal geblieben", sagt sie. Neue Leute kennenzulernen fällt ihr hingegen mitunter schwer. "Manchmal hören die nur das Wort Schauspielerin und kriegen so einen absurden, leicht entrückten, verklärten Blick, so ein Funkeln in den Augen und können auf einer Party nicht mehr normal mit mir reden. Das ist schade."

Dabei ist Paula eine ganz Normale. Gut, statt zu Vorlesungen rennt sie zu Castings. Statt Semesterferien hat sie monatelange Pausen zwischen den Filmprojekten. "Es gibt halt keinen kontrollierten Alltag, sondern immer dieses ganz, ganz intensive Arbeiten und dann eben auch lange Zeit gar nichts", sagt sie. "Aber dann musst du auch deine Steuererklärung und andere Dinge drum herum machen, wie jeder andere auch." An diesem Nachmittag ist das Kuchenbacken. Mit Eva. Die kennt Paula schon aus der Waldorfschule. Die wohnt jetzt auch in Berlin.

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