Der erste Griff geht zur Aktentasche. Bevor wir mit dem Interview beginnen, arrangiert der hochgewachsene Mann im schwarz-weißen Gewand den Inhalt seines ledernen Business-Koffers auf dem Tisch. Sorgfältig, wie auf der Präsentationsfläche eines Fachgeschäfts, ordnet Pater Karl seine Bücher an. Und natürlich die CD. Die CD, mit der nicht nur sein Kloster, sondern auch er weltberühmt geworden ist. Und durch die er zum Fachmönch für Öffentlichkeitsarbeit des bei Wien gelegenen Stiftes Heiligenkreuz wurde.
"Das hat Dimensionen angenommen, die nicht absehbar waren", stellt der Pater gleich zu Beginn des Gespräches in Münster fest. Hier hatte er einen Vortrag gehalten. Natürlich über den gregorianischen Choral. Noch immer wirkt Pater Karl verwundert darüber, was in den vergangenen zwei Jahren mit ihm und seinen Mitbrüdern geschehen ist. Oder, um es in seiner Sprache als gläubiger Christ zu sagen, was über sie "verfügt wurde". "Denn was uns passiert ist, das kann man ja menschlich eigentlich nicht machen", schmunzelt er.
Ein Freund aus London hatte Pater Karl im Februar 2008 auf eine Ausschreibung der Plattenfirma Universal Music aufmerksam gemacht. "Die haben weltweit Ordensleute gesucht, die singen. Was die singen, war denen egal", erinnert sich der 47-Jährige. Er schrieb eine kurze E-Mail an die bekannte Plattenfirma, von der er vorher noch nie gehört hatte. "Ich sagte denen, dass wir schönen gregorianischen Choral singen."
Mönche mit Plattenvertrag
Die Mönche bekamen den Plattenvertrag. "Und das, obwohl wir weitaus restriktiver waren als die anderen Bewerber", schmunzelt Pater Karl. Für die Aufnahme der CD "Chant – Music for Paradise" mussten die Tontechniker nach Heiligenkreuz kommen, Werbung wollten die Mönche nicht machen, Konzerte geben sowieso nicht. "Und die haben uns trotzdem genommen." Pater Karl hat diese Geschichte schon oft erzählt.
Trotzdem leuchten seine klaren blauen Augen noch immer, wenn er von der raschen Karriere seiner "Pop-Mönche" erzählt. Wie sie in den britischen Charts Madonna überholten. Wie ihnen für Auftritte in Tokio oder Mailand 200.000 Euro geboten wurden. Und natürlich auch, wie Pater Karl mit seinem Mitbruder Philipp bei "Wetten dass . . .?" zu Gast war. "Vor der Sendung gab’s eine große Hysterie, weil die Leute draußen geglaubt haben, dass wir da auch singen würden."
Gesungen haben sie bislang jedoch noch nie außerhalb der Klostermauern – auch wenn die Versuchung bei den hohen gebotenen Gagen groß gewesen sei, weil "wir das Geld für die Priesterausbildung bräuchten".
Mancher Jungschar-Abend hat mehr Niveau als "Wetten dass...?"
Kraft durch Glaube | FOTO: SANDRA SANCHEZ
Trotzdem: "Das, was wir hier aufgenommen haben, ist ja Gebet. Man kann sich nicht auf eine Bühne stellen und dann die Leute ansingen mit etwas, wo man eigentlich im Herzen den lieben Gott meint." Der liebe Gott ist es, für den Pater Karl das alles macht. Für den er sich in Thomas Gottschalks Show setzt, obwohl "mancher Jungschar-Abend mehr Niveau hatte als diese Sendung". Für den er im klostereigenen Skoda Octavia durch die Lande fährt, um Vorträge zu halten. Und für den er seit 2002 die Welt im Internet am Klosterleben teilhaben lässt.
Pater Karl richtete damals eine Homepage für Heiligenkreuz ein. "Da habe ich mich selber a bissel eingearbeitet, das ist total simpel", erstickt er jedes Erstaunen über seine technischen Fähigkeiten im Keim. Gut, etwas fortschrittlich sei er vielleicht schon gewesen. "Aber meine Mitbrüder überholen mich gerade. Die haben jetzt den eigenen ,You Tube Monastic Channel‘ gegründet, wo sie nun dauernd auf Englisch so kurze Videos reinstellen.
Und dann gibt’s ja auch noch die Facebook-Seite von Heiligenkreuz – Homepages sind ja mittlerweile was Konservatives", sagt der Mönch, der dafür gesorgt hat, dass jeder seiner Mitbrüder einen PC mit Internetanschluss im Zimmer hat. Natürlich "einen sehr gut gesicherten, weil Sie ja heute mit einem Mausklick in Sodom und Gomorrha sind". So gesichert, dass Pater Karl nicht einmal die Gewinnzahlen nachschauen kann, wenn ihn ein hoher Jackpot verführt hat – "aber das darf der Abt nicht wissen" –, zehn Euro in einen Lottoschein zu investieren. Fürs Priesterseminar.
Karl Josef Wallner wurde am 24. Februar 1963 in Wien geboren. Mit 18 Jahren trat er in das Zisterzienser-Stift Heiligenkreuz ein. 1988 wurde er zum Priester geweiht. 2007 wurde er Gründungsrektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz. Er ist Professor für Dogmatik und dogmatische Sakramententheologie. Die Öffentlichkeitsarbeit und die Jugendseelsorge bezeichnet er als seine Hobbys.
Engagement ist für Pater Karl eine Form von Apostolat
Sein Engagement in der Öffentlichkeitsarbeit ist für Pater Karl eine Form von Apostolat. "Der Apostel Paulus schreibt im Korintherbrief: Wir haben euch Anteile gegeben an unseren eigenen Leben, denn ihr wart uns sehr lieb geworden." Durch seine Aktivitäten will er Anteil geben am Leben der Mönche, "ohne dass bei uns irgendwas zerstört wird, weil unser Leben läuft normal weiter".
Der Alltag im Kloster ist streng: um 5.15 Uhr das erste Chorgebet, um 19.45 Uhr das letzte, dazwischen Arbeiten und Beten, Arbeiten und Beten. Doch auch darüber macht der Priester Scherze. "Wir leben wie in jedem Kloster in einem Bereich, der vor Fremden geschützt ist, besonders vor Frauen", sagt er und schiebt lachend nach: "Also die Frauen sind vor uns geschützt!"
Es gab eine Zeit in Pater Karls Leben, in der das andere Geschlecht durchaus eine Rolle für ihn spielte. Als junger Bub wollte er eine Frau und viele Kinder haben. Und Biologienobelpreisträger werden. Er sei ein Streber gewesen, "spleenig-intellektuell", immer Klassenbester, mit sehr klaren Lebensplänen von Studium und Familie.
Mit 17 hat er sich in den lieben Gott verliebt
Andauernd war er als Jugendlicher verliebt – bis er sich mit 17 Jahren "halt in den lieben Gott verliebt" hat. "Und dann kam plötzlich dieser sehr überraschende Gedanke, der sehr klar war, dass ich Priester werden soll." Er, der erstgeborene Kaufmannssohn einer "gläubigen, aber nicht bigotten Familie" aus Wien. "Meine Mutter, die hat jahrelang nur geheult", erinnert sich Pater Karl. "Jetzt muss ich eher ein bisschen aufpassen, dass sie nicht zu stolz auf mich wird."
Auf das Osterfest im Kloster freut Pater Karl sich ganz besonders. "Eine Orgie der Mystik" sei das. Das wichtigste christliche Fest, das es überhaupt gibt. "Die Menschen sollen sich am Christentum nicht den Spaß verderben lassen", lautet sein Wunsch für die Feiertage – und darüber hinaus. In Zukunft will sich Pater Karl wieder mehr dem Klösterlichen und der Hochschule widmen. Eine weitere CD soll es nicht geben. "Aber ich bin bereit, weiterhin durch jede Türe zu gehen, die der liebe Gott mir öffnet." Bis es so weit ist, fährt er weiter durch die Lande – mit Aktenkoffer, Handy und CDs.
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