Hendrik Thoma hebt das Glas, aber er trinkt nicht. Er führt es Richtung Nase und schließt die Augen. Wäre es in diesem Moment im Hamburger Restaurant "Goldfisch" ganz still, könnte man hören, wie Thoma so sanft die Luft einzieht, als ob der Duft, der dem Wein – Scheurebe-Spätlese von 1990 – entströmt, etwas ganz Zerbrechliches wäre.
Jetzt schwenkt er das Glas. Sein Handgelenk kreist. Von der Fliehkraft getrieben, schraubt der Wein sich an den Seiten des Glases hoch. Thoma stoppt. Der Wein beruhigt sich. Stille. Es ist die Stille vor dem Moment, in dem Thoma den Geschmack entschlüsseln und in Worte fassen soll. Er nippt, stellt das Glas ab und beugt sich vor, so dass die Gäste ihn sehen können. "Wie der große ,Bauer‘ – mit Maracuja." Seine Mundwinkel heben, die Lippen öffnen sich. Er lacht.
Darf man über Wein so etwas sagen? Darf man den Geschmack eines Tropfens, der zwei Jahrzehnte alt ist, mit einer Joghurtmarke vergleichen? Hendrik Thoma, 42 Jahre, in Gütersloh geborener Master-Sommelier – es gibt nur zwei in ganz Deutschland –, tut es einfach. 13 Jahre lang war er Chef-Sommelier im Nobelhotel "Louis C. Jacob". Er empfahl Weltklasseweine, entkorkte an einem Abend Flaschen, die zusammen fast den Wert eines Kleinwagens hatten. Doch Thomas Wein-Welt sollte sich nicht weiter in dieser Richtung drehen.
Vinotainment - Wein-Unterhaltung
2009 machte sich der Sommelier selbständig. "Ich bin wieder ganz am Anfang. Du stellst fest, dass es um gar nicht viel geht: Es geht um Echtheit, es geht um Passion. Jedes Geschäft ist nur dann ein schönes, wenn es auch Spaß macht. Und so sehe ich das für mein Thema: Das Thema Wein macht nur dann wirklich Spaß, wenn man anderen Menschen auch eine Freude bereiten kann", sagt er. Thoma hat dafür einen Begriff gefunden: Vinotainment – Unterhaltung mit und über Wein. "Wein ist Spaß und für mich ist es noch viel mehr.
Also ich finde, dieser Spaßgedanke ist eins, aber Wein ist vor allen Dingen Kommunikation: Zusammensitzen, mit Freunden zusammen sein, einen netten Abend, gutes Essen, gute Gespräche haben, ein bisschen Entspannung nach einem harten Tag – das ist für mich eher Wein." Das ist die Botschaft, die er vermitteln möchte. Auf Vorträgen, auf Verkostungen wie im "Goldfisch" oder im Internet. Seit fast neun Monaten produziert er dort das Wein-Blog tvino.de.
Der 42-Jährige hat seine Nische gefunden, in einer Branche, die oft bedeutungsschwer daherkommt. In der man glaubt, guter Wein solle vor allem eins sein – teuer. "Viele Menschen trinken Wein nicht, weil sie ihn gerne mögen oder lieben, sondern einfach, weil sie ihn als Statussymbol teilweise missbrauchen wollen", sagt Thoma. "Wein ist das Thema von Chefs und von Vorständen, so nach dem Motto ‚Ich kenn mich aus, ich kann mehr Geld ausgeben für meinen Wein‘. Ich finde, das sitzt noch unglaublich tief, und ich finde, das ist Schwachsinn."
"Ich war auch mal ein großer Wein-Aufschneider"
Es gab in seinem Leben Phasen, in denen er mehr Teil dieser Branche war. In denen Thoma eher rechthaberisch agierte. "Ich bin auch mal ein großer Wein-Aufschneider gewesen", sagt er. "Da war ich stolz, wenn ich mal einen Wein erkannt habe, um sich vor Kollegen oder Freunden aufzubauen, so nach dem Motto ‚Seid ihr denn alle Ignoranten?‘. Es gibt Fotos aus den 1990er Jahren, die Thoma zeigen, wie sich vermutlich viele einen Sommelier vorstellen: weißes Hemd, Fliege, glattrasiert, in der Hand einen teuren Wein.
Als er vor wenigen Tagen zum Interviewtermin in Hamburg erscheint, trägt Thoma dagegen Baskenmütze und Trenchcoat. Zum dunkelblauen Anzug nur ein Hemd, keine Krawatte. Auch zum Bartträger ist er inzwischen geworden. Thoma bestellt einen Cappuccino, später eine Rhabarbersaftschorle. Er wirkt geerdet. Und so ist das Leben von Hendrik Thoma ein bisschen wie die Geschichte eines Weines, der erst lagern und reifen muss, um zu sich selbst zu finden und sein volles Aroma entfalten zu können.
Thoma wuchs in Gütersloh auf. "Ich war nicht ganz pflegeleicht", erinnert er sich. Das Gymnasium bricht er ab, wechselt zur Realschule. Viele Jugendliche hätten damals rebelliert, sagt er. "Wir haben uns gegenseitig schon mal auf die Nase gehauen – es ging schon zur Sache." Noch nicht mal volljährig steht Thoma vor der Frage, wie sein Leben weitergehen soll. Doch der Junge, der sich gerne prügelte, hat auch ganz andere Seiten: er liebt zu kochen. Thoma bewirbt sich für ein Praktikum im Gütersloher Parkhotel, überzeugt den Küchenchef und bekommt nach der Schule einen Ausbildungsplatz. "Wenn du erst mal arbeitest und eine Perspektive gezeigt bekommst im Leben, dann vergisst du diesen ganzen Schwachsinn. Das ist auch gut so, und damit war das dann weitgehend erledigt – die Rüpeljahre."
Vom Koch zum chef-Sommelier
Als Koch geht er von Gütersloh nach Hamburg, dann ins kalifornische Weinanbaugebiet Napa Valley. Dort beginnt seine Liebe zum Wein. Zurück in Deutschland schließt er die Ausbildung zum Sommelier ab. Er wird Chef-Sommelier im Nobelhotel "Louis C. Jacob" und bereitet sich dort auf die Prüfung zum Master-Sommelier in London vor. Im praktischen Teil muss er in 25 Minuten sechs Weine blind verkosten. 1999 besteht er die Prüfung.
Wenig erinnert noch an seine Rüpeljahre, nur das Rebellenhafte hat sich Thoma bewahrt. Er ist ein Typ geblieben, der ab und zu auch provoziert. Als er mal gefragt wurde, ob es einen guten roten Hauswein für unter 5 Euro gebe, antwortete et: Für diesen Preis gebe es kein Erlebnis, sondern nur Wirkung. Die Kritik kam postwendend. Thoma wurde Borniertheit und Snobismus vorgeworfen, doch er steht zu seiner Aussage. "Ich finde es schade, dass meine Branche nicht begriffen hat zu sagen, dass jedes Produkt auch seinen Preis hat. Was den Wein zum spannenden Getränk macht, ist, dass er eine Handschrift, eine gewisse Form von Wert und Tradition hat, dass Passion dahintersteckt, und ich bin gern bereit, Geld für Dinge auszugeben, bei denen ich merke: Menschen haben sich Mühe gemacht."
Im "Goldfisch" wird ein neuer Wein ausgeschenkt: Riesling von 1971. Thoma schnuppert, schwenkt und trinkt. "Wie ein Senior mit leichter Demenz", sagt er. Und da ist es wieder, dieses Lächeln von Hendrik Thoma, dem Wein-Rebellen.
Vielen Dank für den wunderbaren Abend in meinem "Goldfisch", alte Rieslinge sind schon Arbeit aber mit Dir war es ein Vergnügen!
Ulli Marsau