Der Bielefelder Cartoonist glaubt, dass man grundsätzlich über alles Witze machen kann.
Kinder haben manchmal kühne Träume, was ihre Zukunft angeht. Das legt sich meist. Leider. Nicht so beim Cartoonisten Ralph Ruthe: "Ich habe mich als Kind so gesehen, wie ich jetzt bin." Das können wohl nur die wenigsten Menschen von sich behaupten. Der 37-Jährige gehört heute zu den erfolgreichsten Humoristen der Republik. Seine Cartoons erscheinen in 14 Zeitungen, seine Bücher im renommierten Carlsen-Verlag. Wie schafft man so etwas? "Ich bin’s geworden, weil ich’s wollte", sagt Ruthe. Das vor allem, aber natürlich war’s auch sein Talent. Das zeigte sich bei dem Bielefelder schon früh. "Gezeichnet habe ich von dem Moment an, als ich einen Stift halten konnte."
Als der Vierjährige ein "Fix & Foxi"-Heft bekam, war Ralph nicht mehr zu bremsen. Er lernte durch die Comics lesen, bevor er in die Schule kam. Und er suchte schon als Achtjähriger den Kontakt zu deutschen Zeichnern, schrieb Briefe, bot seine eigenen Frühwerke an. "Die waren nett und haben reagiert, weil sie mein Talent gesehen haben und ich sie einfach nicht in Ruhe gelassen habe", sagt Ruthe. Kurz: "Ich war eine Nervensäge." Anders formuliert: Der Sohn eines Tischlermeisters blieb unbeirrbar.
"Kann man davon leben?" – diese Frage wird Ralph Ruthe heute oft gestellt (siehe Cartoon). Er hat sich diese Frage nie gestellt. "Für mich war immer klar, dass das ein Beruf ist, auch wenn man den nicht wie Fliesenleger lernen kann." Das Bauchgefühl ist für ihn entscheidend. "Ich war immer jemand, der einfach gemacht und ausprobiert hat, und wenn ich gescheitert bin, habe ich aus dem Scheitern wieder was Neues gemacht. Fehler zu machen, um besser zu werden, ist mir nicht peinlich."
Ruthe hat bereits 6.000 Arbeiten aufzuweisen
Hinter Ruthes Erfolg stecken ein starker Wille, harte Arbeit und Disziplin. Er legt Wert darauf, zuverlässig zu sein und Abgabetermine einzuhalten. Seine Produktivität ist beachtlich. Mehr als 6.000 Arbeiten hat er vorzuweisen. "Es fällt mir leichter, wenn ich es öfter mache", sagt er. "Es ist wie Sport, wie ein Muskel, den man trainiert. Ich versemmel weniger, wenn ich Routine habe. Aber das kann natürlich auch trügerisch sein", fügt er hinzu.
Acht bis zehn Stunden dauert sein Arbeitstag in der Regel. Um 11 Uhr setzt er sich an den Zeichentisch. Gegen 18 Uhr macht er Pause, ab 23 Uhr legt er eine zweite Runde ein, die bis tief in die Nacht dauert. "Da schaffe ich am meisten." Einen Gag zu entwickeln ist ein langer Prozess. "Wenige meiner Ideen sind Geistesblitze", erklärt Ruthe. An einer Idee könne er schon mal ein paar Tage schrauben, eine Zeichnung dagegen schüttelt er in zwei Stunden aus dem Handgelenk. "Eine gute Idee ist wertvoller als eine gute Zeichnung." Die entsteht zuerst klassisch mit Tusche auf Karton. Das Kolorieren erledigt Ruthe dann am Computer – und dabei kommt es auf Ruhe nicht so sehr an.
Selbstkritisch bemerkt Ruthe, für den der Kunstunterricht in der Schule früher "die Hölle" war, dass seine zeichnerische Bandbreite begrenzt ist. Seine Cartoons sind klar und plakativ. Es geht ihm um die Geschichte, nicht um den virtuosesten Federstrich. "Ich lebe gerade meinen Traum, aber ich sage nicht, dass ich angekommen bin", so Ruthe. Längst fährt er auf mehreren Schienen. Er zeichnet Ein-Bild-Cartoons, hat eine ganz eigenwillige multimediale Form des Live-Auftritts entwickelt, der den Geschichtenerzähler, den Cartoonisten und den Musiker Ruthe fordert. Auch bei den Trickfilmen macht er in der Regel alles selbst, vom Zeichnen über die Stimmen bis zur Musik. Wie seinerzeit Loriot. "So werden die Sachen rund und stimmig."
Sein jüngster Film-Streich heißt "Sand", zu finden auf Ruthes Website. Er handelt von drei Geiern und ihrem Aufstieg in den Popstar-Himmel – ein Clip mit einem hinreißenden Song. Drei Wochen hat er an dem Vierminüter gearbeitet. "Da verliert man irgendwann den Abstand und fragt sich: Da sitzen drei Geier und singen, ist das überhaupt witzig? Du weißt es einfach nicht mehr." Aber auch hier vertraut Ruthe auf sein Bauchgefühl. Das leitet ihn auch, wenn es um heikle Themen geht. Witze könne man grundsätzlich über alles machen, sagt Ruthe und verweist auf seine Cartoons, in denen Rollstuhlfahrer zu sehen sind. "Aber ich mache keine Witze über Rollstuhlfahrer, sondern mit ihnen. Warum sollte ich sie aus dieser Welt ausschließen?" Außerdem sei es unmöglich, nicht zu provozieren, auch wenn er das gar nicht beabsichtige.
Für den Humoristen Ruthe ist kaum etwas tabu
"Irgendjemand nimmt immer an irgendwas Anstoß." Die Lust an der Provokation treibt Ruthe nicht an. Dennoch ist für den Humoristen kaum etwas tabu. "Wenn der Gag schlau ist und die Leute zum Nachdenken anregt, dann mache ich ihn auch. Ich muss es halt witzig finden. Witze über Pädophilie zum Beispiel finde ich nicht witzig, auch wenn man dazu sicher einen Cartoon machen kann. Aber das ist nicht mein Stil."
Ralph Ruthe wurde am 20. Mai 1972 in Bielefeld geboren. Bereits als 14-Jähriger arbeitete er für Mike, das Kundenheft der Volksbank. Er schrieb für "Käpt’n Blaubär" und das Magazin MAD. 1996 erschien sein erstes Buch "Schweinskram" .
Seit zehn Jahren ist Ruthe freier Cartoonist, Humorist und Musiker. Für die Reihe "Shit Happens!" erhielt er ab 2005 viermal in Folge den Comic-Preis Sondermann, der auf der Frankfurter Buchmesse verliehen wird. Preisgekrönt sind auch seine animierten Kurzfilme "Walk the Dog" (2008) und "Zehn Filmklassiker, gespielt von Fischen" (2009).
Seit 2006 hat Ruthe ein Bühnenprogramm. 2008 führte er erstmals in einem Realfilm Regie und schrieb zu dem 45-minütigen "Carninchen" das Drehbuch. Ende des Monats bringt der Carlsen-Verlag der 8. Band von "Shit Happens" heraus.
Weitere Infos zu Ralph Ruthe finden Sie unter: www.ruthe.de
Sein schärfster Kritiker ist er selbst – "aber ich bin auch mein größter Fan", sagt er lachend. "Wie sollen andere Leute denn gut finden, was ich mache, wenn ich es selbst nicht gut finde?" Und das Publikum und seine Reaktion sind ihm nicht nur wichtig, sondern unverzichtbar: "Ich bin wie ein Bühnenkünstler: Ich mache es für den Applaus. Bekäme ich überhaupt kein Feedback, würde ich wahnsinnig." Ruthes Mission ist es, mit seiner Kunst viele Menschen zum Lachen zu bringen. Freigebig stellt er Cartoons und Videos ins Netz, fast täglich füttert er die Fans mit frischem Stoff und lauert darauf, wie oft geklickt wird und welche Kommentare zurückkommen. Er ist glücklich darüber, dass sein Aufstieg keinem Hype zu verdanken ist, sondern seine Fanbasis seit zehn Jahren langsam, aber stetig wächst.
Ruthe hat viele Ideen und Träume, aber er gibt ihnen und sich Zeit zu reifen. Filme und Serien reizen ihn. Eine romantische Komödie mit Musicalelementen und echten Schauspielern und abendfüllende Animationsfilme schwirren ihm im Kopf herum. Kühne Ziele, aber Ruthe hat sich alles selbst erarbeitet, warum nicht auch das? Er gesteht, dass es Tage gibt, die nicht so rund laufen. "Aber ich bin Optimist. Es gibt immer wieder diesen Antrieb: Das willst du noch machen, probier das doch mal aus." In diesem Moment schwappt in der Lounge des Bielefelder Lokals "Nichtschwimmer" Leonard Cohens Lied "Hallelujah" ans Ohr. "Wie gut der Song dazu passt, Hallelujah, großartig", sagt Ruthe und lacht.
Dass noch viel Neues von ihm zu erwarten ist, steht außer Frage. Ralph Ruthe dreht am kreativen Rad und kann nicht anders. Eine Woche Urlaub und Nichtstun hält er gerade noch aus. Dann stauen sich die Ideen in seinem Kopf und müssen raus. "Ich habe so viel Spaß dabei und merke, wie mir das guttut. Meine Arbeit macht mich zufrieden und glücklich."
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