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24.04.2010
Gräfin von Oeynhausen-Sierstorpff: Vom wilden Punk zur feinen Dame
Karatschi, Barcelona, Berlin – in den Metropolen gelebt, doch in Bad Driburg zuhaus
VON THOMAS SCHÖNEICH

Sie wird auf einem Küchentisch geboren. Ihre Mutter hat damals keine Wahl – es ist 1967 der einzige Raum im amerikanischen Militärkrankenhaus in Karatschi, in dem eine Entbindung möglich ist. 1996 – 29 Jahre später – hat die Frau, Vorname Annabelle, die in Pakistan zur Welt kam, dann die Wahl. Ihre Entscheidung trifft sie aus Liebe – nur in Ansätzen ahnend, dass die vielleicht größte Herausforderung ihres Lebens beginnen würde. Es ist der Moment, in dem aus Annabelle Hünermann Annabelle Gräfin von Oeynhausen-Sierstorpff wird.

Wir treffen uns im Roten Salon des "Gräflicher Park Hotel und Spa" in Bad Driburg. Die 42-Jährige hat den Vormittag frei, ihre drei Kinder sind in der Schule. Sie lehnt sich zurück, bestellt Wasser und einen Cappuccino, leicht versinkt sie in den tiefen Polstern des hellen Sofas. Sie hat sich Zeit genommen, ihre Geschichte zu erzählen.

Zum ersten Mal sieht sie Marcus Graf von Oeynhausen-Sierstorpff 1987 während einer Hochzeit in Wien. Der sechs Jahre ältere Mann ist einer der wenigen, der sich traute, mit der damals 20-jährigen Annabelle Hünermann zu reden. "Na ja, ich war so wild. Ich hatte wilde Punk-Haare und trug dieses Kleid, das ich aus Resten aus dem Stoffladen zusammengenäht hatte", erinnert sie sich. "Insofern war es nett, dass sich mein späterer Mann um mich kümmerte, aber da hat es noch nicht gefunkt." Erst fünf Jahre später wird aus den beiden ein Paar. Sie lebt damals in Berlin, studiert Kunstgeschichte an der Freien Universität. Er arbeitet zu dieser Zeit in Mailand.

Positive Rastlosigkeit prägt sie

Diesen Teil ihres Lebens erzählt die Gräfin flüssig, ohne große Pausen. Nahtlos fügt sich eine Episode an die andere. Es ist wie die positive Rastlosigkeit, die schon ihre Kindheit prägt. Der Vater hatte sich früh als Unternehmensberater selbstständig gemacht – deutsche Konzerne schickten ihn als Krisenmanager durch die Welt. War das Problem gelöst, musste er sich einen neuen Job suchen. Bevor Annabelle Hünermann 1982 als 15-Jährige mit ihrer Familie nach Essen zieht, hat sie bereits in Karatschi, Sevilla und Barcelona gelebt.

Auf Essen folgt eine Lehre zur Groß- und Außenhandelsgehilfin in Düsseldorf. Auf Düsseldorf das Studium in Berlin. Nach dem Studium bekommt sie Anfang 1996 das Angebot, die Leitung einer Galerie in der venezolanischen Hauptstadt Caracas zu übernehmen. Sie sagt für drei Probemonate zu. "Alle haben mir gesagt: ,Geh da nicht hin, da wirst du wegen deiner Turnschuhe auf der offenen Straße umgebracht.’ Doch ich wollte nicht in Deutschland hocken bleiben. Warum auch? Ich sah gar keinen Grund. Wir waren ja nicht verheiratet." Eine Nacht vor ihrer Abreise nach Caracas macht ihr Graf Marcus einen Heiratsantrag. Sie sagt ja.
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Seit dem Abitur ist die damals 29-Jährige unabhängig. Geld für Studium und Leben verdient sie sich selbst – mit Jobs in Galerien und Museen. Stetig sucht sie nach neuen Aufgaben. "Das gehört einfach zu meinem Selbstverständnis dazu." Sie sei ein Workaholic, der auch heute noch sehr viel zufriedener sei, wenn es etwas zu tun gebe, sagt sie über sich selbst.

Zum ersten Mal heiratet ein Graf eine Bürgerliche

Anfang Juni 1996 kehrt die kommende Gräfin aus Caracas zurück, die Hochzeit ist für den Herbst geplant. Bereits ein Jahr vorher hatte Marcus Graf von Oeynhausen-Sierstorpff sein Erbe angetreten und die Geschäftsführung der gleichnamigen Unternehmensgruppe von seinem Vater übernommen. Er ist jetzt Chef von mehreren Reha-Kliniken, einer Mineralwasserquelle sowie dem Hotel mit angrenzendem Park. Das Paar zieht nach Bad Driburg, und Annabelle, jetzt Gräfin von Oeynhausen-Sierstorpff, beginnt mehr und mehr zu erkennen, dass sie nicht nur ihren Mann, sondern auch das Unternehmen geheiratet hat. In mehr als 200 Jahren Familiengeschichte ist es das erste Mal, dass eine Ehe zwischen einem Grafen von Oeynhausen-Sierstorpff und einer Bürgerlichen geschlossen wird.

Hier stockt das Gespräch, wie auch damals das bisherige Leben von Annabelle Gräfin zu Oeynhausen-Sierstorpff plötzlich ins Stocken gerät. Sie bricht Sätze ab, setzt wieder neu an, sucht nach den passenden Worten, um ihre Gefühle zu beschreiben. So wie sie auch damals nach dem passenden Platz in ihrem neuen Leben sucht.

"Wenn man in ein Familienunternehmen einheiratet, hat man eine gewisse Verpflichtung und ist dann ein Teil davon. Die Persönlichkeit ist erst mal ausgeschaltet", sagt sie heute. Damals versucht sie, sich in die neue Rolle einzuleben, macht – wie sie selbst erzählt – "wahnsinnig viele Fehler", wünscht Hilfe und Unterstützung. "Ich glaube, dass mein Mann immer gedacht hat: ,Ach, das wird sie schon hinkriegen.’ Aber ich habe ein paar Federn lassen müssen." Mehr möchte sie nicht sagen.

Nur wenige Monate nach der Hochzeit wird sie schwanger. Tochter Alice kommt 1997 zur Welt, Sohn Louis zwei Jahre später, Christoph dann 2002. "Eine Freundin sagte mir mal: ‚Vielleicht war es ganz gut, dass du die ersten Jahre mit Kinderkriegen verbracht hast.’ Das kann man im Nachhinein so sehen, aber in der Zeit war es schwierig." Sie hatte keine Lust, nur Mutter zu sein. "Und da habe ich schon drunter gelitten."

Erst spät ihre Rolle gefunden

Was weiterhin fehlt, ist eine Rolle, die sie erfüllt. Die kommt 2004. Das "Gräfliche Gesundheits- und Fitness-Bad" und die Kliniken sind finanziell am Boden. Die von den Krankenkassen bezahlte Kur ist der Gesundheitsreform zum Opfer gefallen – die Gäste bleiben aus. Graf Marcus plant die Generalüberholung: Ein neues Marketingkonzept für die Kurkliniken soll her, mehr als 20 Millionen Euro will er in das seit Jahren defizitäre Hotel investieren. Und er sagt Sätze, die seiner Frau Kraft geben. "Er sagte: ,Du musst mir jetzt helfen, du musst mit dabei sein, wir müssen das gemeinsam machen’ – das hat mir sehr geholfen." Es ist das Gefühl der Gemeinsamkeit, das sie kurz nach der Hochzeit manchmal vergeblich suchte.

Die dreifache Mutter arbeitet unterstützend an dem Konzept, der Gestaltung und Innenarchitektur für das neue "Gräflicher Park Hotel und Spa". "Ich fand es unglaublich spannend zu sehen, wie ein Umbau, den man monatelang geplant hat, plötzlich wirklich passiert." Die Neugestaltung des Hotels wird auch zu ihrem Projekt . "Es gibt keine Steckdose im Hotel, die nicht von mir abgesegnet worden ist." Heute ist sie offiziell die Koordinatorin für die Unternehmenskommunikation und das Firmenimage. Ab Juli wird sie außerdem die erste Grafengattin in der Familiengeschichte der Oeynhausen-Sierstorpffs sein, die für ihre Arbeit bezahlt wird. "Ich habe darauf bestanden, dass ich wenigstens einen symbolischen Betrag bekomme." Es ist das kleine Stück Unabhängigkeit, das ihr so wichtig ist.

Gräfin Annabelle von Oeynhausen-Sierstorpff sitzt jetzt entspannt da. Ihre graue Strickjacke hat sie abgelegt, die Beine übereinandergeschlagen. Ab zu und spielt ihre rechte Hand mit einer Haarsträhne. Alles um sie herum, der Rote Salon, das "Gräflicher Park Hotel und Spa", der angrenzende Park, Bad Driburg und der Teutoburger Wald ist ihr zu einer Heimat geworden, die sie lange Zeit nicht hatte. "Ich bin jetzt viel mehr wieder Annabelle Hünermann als noch vor zehn Jahren. Was auch daher kommt, dass ich hier angekommen bin", sagt sie. "Ich weiß, wer ich bin, was ich bin und warum ich hier bin. Und ich möchte auch nicht mehr woanders sein."

Annabelle Gräfin von Oeynhausen-Sierstorpff

Annabelle Gräfin von Oeynhausen-Sierstorpff wird 1967 als Annabelle Hünermann in Pakistan geboren. Nach dem Abitur macht sie eine Lehre in Düsseldorf, studiert dann Kunstgeschichte in Berlin. 1996 heiratet sie Marcus Graf von Oeynhausen-Sierstorpff. Das Paar lebt zusammen in Bad Driburg und hat drei Kinder.

Das gräfliche Unternehmen

Zur Unternehmensgruppe Graf von Oeynhausen-Sierstorpff (UGOS) gehören vier Kurkliniken, das "Gräflicher Park Hotel und Spa" inklusive Park sowie die Bad Driburger Naturparkquellen – bis zu 250.000 Flaschen Mineralwasser werden täglich produziert. Der Umsatz liegt bei etwa 75 Millionen Euro und soll, so hofft Geschäftsführer Marcus Graf von Oeynhausen-Sierstorpff, in diesem Jahr auf 81 Millionen Euro steigen. Die UGOS beschäftigt insgesamt mehr als 1.000 Mitarbeiter und ist damit einer der größten Arbeitgeber der Region. Der 60 Hektar große und im Stil englischer Landschaftsparks gestaltete Park wurde vor einigen Jahren in das "European Garden Heritage Network" aufgenommen, das nur wenige herausragende Gärten in England, Frankreich und Deutschland würdigt.    



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Kommentare
guter,ansprechender bericht mit interessanter gastgeberin-nichte von g.henkel übrigens.


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