Bäckermeister, Abenteurer, Menschenrechtsaktivist – der Bielefelder mit dem bewegten Leben ist 75 Jahre alt geworden.
Wo interviewt man einen Menschen, der tausend Kilometer ohne Nahrung durch Deutschland gewandert ist, dreimal den Atlantik auf selbstgebauten Flößen überquert hat, sich alleine durch den Dschungel Brasiliens schlug und 25 bewaffnete Raubüberfälle überlebte? Draußen natürlich. "Ich hab’s Lagerfeuer schon angemacht", ruft Rüdiger Nehberg, als er uns aus dem Dachgeschossfenster seines Hauses in Rausdorf bei Hamburg zuwinkt.
"Aber kommt erst mal hoch!" Keine Minute später öffnet sich die Tür zum Privatreich des Abenteurers: zur Schatzkammer im obersten Stockwerk der 400 Jahre alten restaurierten Mühle. Voller Souvenirs aus fremden Ländern, aus einem bewegten Globetrotter-Leben. Seinem Leben. Zwischen Gewehren und Macheten, Schlangenhaut und Affenschädeln, großformatigen Protest-Transparenten und Miniaturmodellen seiner Atlantik-Boote, die an Wänden und Dachbalken hängen, kocht "Sir Vival" seinen Gästen erst mal einen Kaffee. In der Maschine, mit Milch aus dem Tetra-Pak. Etwas Gebäck dabei, "natürlich von Dr. Oetker".
Der 75-Jährige, der selbst Iglus bauen, Wildschweine fangen und sich notfalls auch von Maden, die aus Körperwunden kriechen, ernähren kann, hat sich ein Paradies geschaffen. Hinterm Fachwerkhaus liegt ein See mit Enten und Wildgänsen, links daneben mehrere Teiche, eingeschlossen von einem Steingarten. In dem steht Annette, Nehbergs Frau, und zupft Rosen. Als wir zum Lagerfeuer gehen, flitzt auf einem Steg vor uns eine Bisamratte davon. "Die schmecken auch ganz gut", sagt Nehberg beiläufig. "Wie Kaninchenfleisch. Und aus dem Fell kann man sich tolle Mützen machen."
Der Abenteurer hat früher häufiger mal ein Tier auf dem Kopf getragen. Ratten, Schlangen, Spinnen. Das war, als Nehberg sich noch durch Wüsten und Urwälder kämpfte. Als er dort in dem Wäldchen, in dem jetzt das lodernde Feuer romantische Trapper-Stimmung verbreitet, Erlebnishungrigen das Überleben in der Wildnis lehrte. Heute trägt Nehberg meist eine Dockerkappe auf seinem kahlen Kopf. Und in seinem Survival-Parcours im Wald hinterm Haus bringt nur noch der Wind die Seile zum Schaukeln.
Der Abenteurer ist älter geworden. Auch einer, der dem Tod mehrfach von der Schippe gesprungen ist, ist nicht unsterblich. "Ich darf mir nichts vormachen, die Kräfte haben schwer nachgelassen", sagt er und klopft sich auf den Oberschenkel: "Das hier, das hier ist noch die Restsubstanz." Nehberg ist schwerhörig, trägt Hörgeräte. Das Knie ist aus Metall. Die "Reste", die seinem Körper entnommen wurden, sammelt er in einem Glas. "Das wird immer voller, und ich werde immer leerer. Das ist so mein Lebens-Indikator: Es zeigt mir, wie vergänglich ich bin und dass der Recycling-Prozess sich immer mehr beschleunigt."
Seit 1935 entdeckt Rüdiger Nehberg die Welt – zunächst nur in Bielefeld. Geboren in einer Bankiersfamilie, in der "alles geordnet war, bis zur zehnten Stelle hinterm Komma", zeichnete sich bei ihm schon früh eine gewisse Abenteuerlust ab. Als Vierjähriger wollte er alleine seine Oma besuchen. Die Polizei fand ihn am nächsten Tag unter einem Rhododendron-Strauch, nur mit einer Zeitung zugedeckt. "Und da lernte ich eben, dass man Reisen anders planen muss", schmunzelt Nehberg. Das tat er: Als 17-jähriger Bäckerlehrling fuhr er mit dem Rad nach Marokko. Seinen Eltern erzählte er, er sei in Paris. "Ein Freund hat dann jede Woche eine Karte geschickt – die hatte ich alle vorgefertigt."
Nehberg lacht heute noch über die Ahnungslosigkeit seiner Familie. "Ich schrieb dann vom Eiffelturm, meine Eltern waren glücklich, und ich war in Wirklichkeit in Marrakesch und habe Schlangenbeschwörung gelernt mit der Flöte." Das gefiel ihm. Auf eigene Faust bereiste er so alle arabischen Länder, kam in Jordanien ins Gefängnis, wurde in der äthiopischen Danakil-Wüste überfallen. Als er 1972 mit zwei Freunden den Blauen Nil befuhr, wurde einer erschossen. Nehberg und sein Begleiter flohen vor den Angreifern. Wenn er heute davon erzählt, ist er noch immer atemlos, stapft mit den Füßen auf den Waldboden, gestikuliert: "Wir waren in Panik, haben uns in die Hose gepinkelt, weil man nicht die Zeit hat, sich in Ruhe zu entleeren, Durst, dass die Lippe platzte, Wasser getrunken aus dem Fluss und trotzdem einen furztrockenen Mund durch die Hektik." Nehberg ist erregt. Im Hintergrund fliegen die Wildgänse laut schnatternd weg.
Möglich war das Abenteurer-Leben, weil der Bäckermeister Rüdiger Nehberg einen eigenen Betrieb in Hamburg führte. "Ich hatte tolle Mitarbeiter und konnte mich als Selbstständiger drei, vier Monate im Jahr ausklinken und in die Welt verschwinden." Als er in Brasilien vom Schicksal der von Goldgräbern bedrohten Yanomami-Indianer hörte, passierte etwas mit dem mutigen Adrenalin-Junkie, der bis dato nur süchtig nach Action und Erlebnis war. "Da kriegte Abenteuer auf einmal Sinn", sagt Nehberg und legt noch ein paar Äste ins Feuer. 18 Jahre lang engagierte er sich mit spektakulären, medienwirksamen Aktionen für die Rechte des Volkes, ließ sich im Dschungel abseilen, fuhr mit einem Bambusfloß nach Brasilien und mischte sich mit versteckter Kamera unter die Goldgräber.
Natürlich hätten ihn viele für verrückt erklärt. "Aber damit muss man leben. Entweder realisiert man seine Träume, oder man lässt sich von diesen, die ein normales Leben führen, beeinflussen." Seine erste Ehefrau, mit der er eine heute 44-jährige Tochter hat, zog ein normales Leben vor. Man entfremdete sich und trennte sich schließlich. 1996 lernte er Annette kennen. Im August haben sie geheiratet. Wenn Nehberg von seiner 25 Jahre jüngeren Frau spricht, leuchten seine Augen. Annette ist seine große Liebe, sein Jungbrunnen, die perfekte Ergänzung zum abenteuerlustigen, kantigen Nehberg. "Jede Mücke macht sie glücklich, und wenn sie Schlangen sieht, dann ist sie happy!"Mit seiner heutigen Frau hat er 2000 sein wohl letztes großes Projekt ins Leben gerufen. "Die Indianer hatten Frieden bekommen. Und dann dachte ich: Scheiße, jetzt hast du dich selbst arbeitslos gemacht." Die Hände in den Schoß legen, die Ruhe auf seinem Anwesen genießen, sich auf den Lorbeeren ausruhen, die einem Mann, der ein Volk gerettet hat, durchaus zustehen – das ist nichts für Nehberg. Inspiriert von Waris Diries Bestseller "Wüstenblume" kämpft er gegen die Beschneidung von Frauen, einer grausamen Tradition, von der täglich 8.000 Mädchen betroffen sind. Für seinen Kampf konnten Annette und er höchste muslimische Gelehrte in den betroffenen Ländern als Partner gewinnen.
Sir Vival
Rüdiger Nehberg wurde am 4. Mai 1935 in Bielefeld geboren. Mit 15 begann er eine Bäckerlehre in Münster, gründete 1965 einen Betrieb in Hamburg, den er bis 1990 hielt. 1968 importierte er das Thema "Survival" (Überleben) aus den USA, seit 1980 ist er Aktivist für Menschenrechte. Er kämpft er gegen die Beschneidung von Mädchen.
www.target-human-rights.de.
2006 erließen diese eine Fatwa, ein Rechtsgutachten, in dem die Beschneidung von Mädchen zur Sünde erklärt wurde. "Dabei hatte jeder gesagt, ich sei verrückt, hätte die Bodenhaftung verloren, es sei gar nicht möglich, mit dem Islam zu verhandeln." Nehberg emanzipierte sich von diesen "Feiglingen und Bedenkenträgern", gründete seinen eigenen Verein Target, knüpfte Kontakte, begegnete den Gelehrten mit Respekt und Demut. Und war erfolgreich.
Mit dem "Goldenen Buch", das der Verein in allen 35 Ländern, in denen es Beschneidung gibt, verteilt, soll die Sündenerklärung verbreitet werden. Sein größter Coup wäre, wenn der saudische König zustimmen würde, die Botschaft in Mekka vor vier Millionen gläubigen Pilgern zu verkünden. "Der Antrag läuft. Ich bin da auch ein bisschen in Hektik, denn so viel Zeit habe ich ja nicht mehr", sagt er, lacht und schaut aufs Lagerfeuer, in dem nur noch einzelne Äste glühen. "Und wir sitzen hier jetzt schon seit zwei Stunden." Voller Energie springt Nehberg plötzlich vom Baumstamm, auf dem er saß, auf. "Auf, auf, es gibt noch tausend Dinge zu tun!" Das Feuer lodert noch.
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