Neulich war Helge Timmerberg im Senegal. In Dakar sollte seine Reise durch mehrere afrikanische Länder beginnen. Fürs neue Buch. Es kam anders. "Ich bin sehr sensibel, was die Hauptschwingung einer Kultur angeht", sagt der Autor und Abenteurer. "Der Geist der Afrikaner ist, positiv ausgedrückt, ,im reinen Sein versickern‘, negativ ausgedrückt, ,geniales Faulsein‘." Zwei Monate klebte der 58- Jährige in Dakar wie eine Eidechse auf der heißen Mauer. "Ich habe viel geschlafen, gut gegessen. Licht geht an, Licht geht aus, super."
Verändert hat er sich in dieser Zeit dennoch. "Meine Stimme ist tiefer gerutscht, das ist energetisch sehr interessant." Timmerberg sitzt an diesem sonnigen Mittag vor seinem Hotel in eisigem Schatten, hat sich in seinen dünnen Mantel verkrochen und trinkt Kaffee. Er ist übernächtigt. Am Vorabend hat er im Bielefelder Bunker gelesen, auf dem Tisch ein Porzellantiger, ein Geschenk seiner Tochter. "Mein Seelentier", sagt er.
Um sich selbst einen Kick zu verpassen, hat er nicht nur gelesen, sondern auch zur Gitarre "Heute hier, morgen dort" gesungen. Klingt, als habe es der Bielefelder Hannes Wader für den Globetrotter erfunden, aber die beiden kennen einander nicht. Zurück auf die Terrasse. Ein Wasserspiel rauscht hysterisch. "Was noch beeindruckender ist", sagt Timmerberg erdig grummelnd über sein Dakar-Erlebnis, "ich hatte am Ende eine ganze Ecke weniger . . ." Der Rest säuft ab. "Was hatten Sie weniger?" – "Ängste", ruft er laut, beugt sich über das Aufnahmegerät und dröhnt scherzhaft: "Ängste, ANGST."
Angsthasen, die zu Abenteurer werden
Keine unbekannte Situation für Timmerberg. Er selbst leidet unter einer vererbten, inoperablen Schwerhörigkeit und trägt ein Hörgerät. Was auch Vorteile haben kann, wie Timmerberg versichert. Überhaupt interessiert ihn, wie Menschen Schwächen zu Stärken umbauen. Stotterer, die den Schauspielberuf ergreifen. "Oder Angsthasen, die Abenteurer werden", sagt er lächelnd.
Das Abenteuer Afrika will er im Juli erneut wagen, denn er spürt wieder große Lust auf Bewegung. Seine Route soll ihn von Ägypten bis zum Kap der Guten Hoffnung führen. Das sind 11.000 Kilometer. Timmerberg reist immer solo. In Begleitung unterwegs zu sein hieße abgefedert sein. Aber eine Story wird erst stark, wenn er sich jeder Situation ungeschützt aussetzt. Die Gefahr bewusst suchen, um das Schicksal herauszufordern, will Timmerberg freilich nicht. Er fährt irgendwohin und schaut, was passiert.Irgendwas passiert immer. Und wenn aus der Nord-Süd-Durchquerung des afrikanischen Kontinents nichts werden sollte, weil sein Rücken nach einem Bandscheibenvorfall vor drei Jahren die Straßen nicht verträgt, fährt er wieder nach Dakar und ist weiter genial faul. "Ich habe die Hoffnung, dass auf dem Grund des absoluten Nichtstuns Perlen ruhen, die man dann findet und beschreiben kann. Beschreiben kann man alles, nicht nur Action. Es kommt letztlich nur darauf an, ob das, was man schreibt, dem Leser was bringt und Freude macht."
Timmerberg berichtet von seinen LSD-Trips in Bielefeld
Freude machen die Geschichten des Globetrotters zweifellos. In seinem aktuellen Buch "Der Jesus vom Sexshop" begegnet er einem Jaguar am Amazonas, macht Party auf Kuba, wird in Tel Aviv von einem Taxifahrer übers Ohr gehauen und erzählt von seinen LSD-Trips in Bielefeld. Das war in den 60ern. Timmerberg war Hippie und rebellierte gegen den "Schatten des Faschismus", der noch über dem Land lag. Lehrling Timmerberg hatte eine lange Matte, und das mochte sein Chef gar nicht. Aus Trotz ließ er sich eine Glatze scheren und flog zu seiner Erleichterung raus.
Als der 17-Jährige von Bielefeld nach Indien trampte, kam ihm dort die Erleuchtung: Journalismus sollte sein Weg sein. Timmerberg hat einen eigenen Ton gefunden. Seine Reisegeschichten haben eine literarische Qualität, einen unverwechselbar lässigen Stil. Sie sind hintergründig und witzig, schräg, gelegentlich melancholisch. Vor allem aber sind seine Storys radikal persönlich.
Mindestens drei Bücher schlummern noch in ihm, sagt Timmerberg: "Zwei Jahre Havanna sind noch nicht geschrieben." Dort lebte er Mitte der 90er viel, schrieb wenig und war süchtig nach der kubanischen Art zu feiern. Zehn Jahre Marokko harren auch noch der literarischen Inszenierung. "Woran ich immer wieder denke, ist meine Zeit in Bielefeld, mein Restaurant ,Mandala‘ und der ganze Wahnsinn. Das Buch würde ,Bielefeld‘ heißen, weil das so einen komischen Ruf hat. Da muss man mal gegensteuern."
Jeder Tag hat eine neue Wahrheit
Seine alte Liebe Kuba ist heute nicht mehr das, was es mal war. Auch Marrakesch nicht. Timmerberg nimmt es gelassen. "Es gibt immer nur den Augenblick", sagt er und philosophiert darüber, dass sich alles ständig verändert. "Jeder Tag hat eine neue Wahrheit. Ich finde nichts öder, als dass man sich einmal eine Meinung macht, und das steht dann wie eine Burg bis ans Lebensende." Überhaupt stören den Lebenskünstler und überzeugten Raucher Dogmen und Intoleranz. Neulich übernachtete er in einem Nichtraucherhotel. "Für 150 Euro die Nacht wollen sie auch noch pädagogische Konzepte an Gästen ausprobieren. Das hat was Missionarisches", ätzt Timmerberg. "Da qualme ich noch mehr – aus reiner Wut."
Was bedeutet Glück für den Rastlosen? Wunschlosigkeit sei Glück, sagt Timmerberg, "zu akzeptieren, dass wir ständig in Bewegung und Entwicklung sind. Glück ist die Fähigkeit, sich ständig zu erneuern und auch das Sterben von Ideen zuzulassen."