Es ist noch gar nicht so lange her, da lief im Fernsehen häufig ein Werbespot für eine bestimmte Marke Kräuterbonbons. Drei Finnen loben in dem Filmchen die dunkelbraunen, angeblich finnischen Drops. Bis sie ein Mann zurecht weist: "Wer hat’s erfunden?", fragt er bitterernst. Richtig: "Die Schweizer."
Was das alles mit Roger Federer zu tun hat? Zum einen ist der 28-Jährige, der insgesamt schon 283 Wochen die Nummer 1 in der Tennis-Weltrangliste war und aktuell wieder ist, Schweizer. Zum anderen spielt er, den viele Experten schon jetzt als den besten Spieler aller Zeiten betrachten, in seinen besten Momenten auf eine Weise Tennis, als ob er den Sport mit der gelben Filzkugel selbst neu erfunden hätte.
Dann gelingen ihm so unglaubliche Schläge, dass der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace es eine "religiöse Erfahrung" nannte, Federer auf dem Court spielen zu sehen. Und selbst Rafael Nadal, die Nummer 2 der Welt, sagte vor einiger Zeit fast resignierend: "Ich bin doch schon der beste Tennisspieler auf Erden – Roger ist schließlich von einem anderen Stern."
Federer hat weltweit die meisten Grand-Slam Turniere gewonnen
Was soll man auch anderes denken angesichts der nun schon etwa sieben Jahre andauernden Erfolgsserie Federers? 16 Grand-Slam-Turniere hat er gewonnen – so viele wie kein anderer Spieler zuvor. Von 2005 bis 2008 wurde er viermal in Folge zum Weltsportler des Jahres ernannt – kein Athlet hatte dies zuvor geschafft. 2007 widmete ihm die Schweizer Post eine Sonderbriefmarke – Federer war die erste noch lebende Persönlichkeit, der diese Ehre zuteil wurde.
Manchmal verlieren Spitzensportler in solchen Momenten die Bodenhaftung. Jüngstes Beispiel: Tiger Woods. Der Golfprofi, der fast 70 Millionen Euro im Jahr verdiente, steht nach mehreren genüsslich in der Boulevardpresse ausgebreiteten Affären vor den Trümmern seiner Karriere und seiner Ehe.
Federers Jahresgehalt wird auf 27 Millionen Euro geschätzt. Auch das Verhältnis der großen Stars zu den Medien ist manchmal alles andere als einfach. "Ihr könnt mich damit zitieren, dass ihr Typen der letzte Dreck seid", sagte John McEnroe einst zu Reportern. Nichts von alledem ist bei Federer zu spüren.
Beim Interview begrüßt der Schweizer jeden Anwesenden mit Handschlag
Wenn der Schweizer Interviews gibt, dann begrüßt er jeden Anwesenden mit Handschlag. "Hallo, ich bin der Roger", sagt er zu Beginn. Ganz so, als ob sein Gegenüber ihn nicht kennte. Dann erzählt der Vater von im Juli geborenen Zwillingstöchtern, wie er es anscheinend mühelos schafft, Karriere und Familienleben miteinander zu verbinden."Es läuft super. Ich probiere, so viel Zeit wie möglich mit den Kleinen und mit Mirka (seiner Ehefrau) zu verbringen, und ich glaube schon, dass ich extrem viel Glück habe. Seit ihrer Geburt habe ich meine Kinder vielleicht zwei oder drei Tage nicht gesehen." Und selbst beim Windelnwechseln packt der junge Vater mit an. "Jetzt ist es aber schwieriger geworden. Die Kleinen bewegen sich ja ohne Ende, da bin ich nicht mehr so schnell", sagt er und lacht.
Das Glück, das Federer in den vergangenen Jahren auch auf dem Tennisplatz fast immer begleitete, musste er sich als junger Spieler hart erarbeiten. Mit drei Jahren schlug er die ersten Bälle übers Netz, doch im Gegensatz zu Steffi Graf oder Andre Agassi war in Federers Jugend sein außergewöhnliches Talent noch nicht so deutlich erkennbar. "Er war weit davon entfernt, perfekt zu sein", erinnert sich der ehemalige australische Daviscup-Spieler Darren Cahill, der den 13-jährigen Jungen in Basel beobachtete.
Die Profikarriere begann eher wechselhaft
"Auf der Rückhandseite hat er ein Loch so groß wie der Grand Canyon", teilte Cahill Federers damaligem Coach, dem Australier Peter Carter, wenig schmeichelhaft mit. Und noch bis in die ersten Jahre seiner Profikarriere hinein blieben Federers Leistungen eher wechselhaft.
2001 schlug er im Achtelfinale von Wimbledon Pete Sampras, der 31-mal in Folge auf Rasen nicht verloren hatte. Ein Jahr später flog Federer in der ersten Runde raus. Doch Pete Sampras wusste schon damals: "Es gibt momentan eine Menge guter Jungs da draußen, doch Roger hat etwas ganz Besonderes." Als bedürfte es noch eines finalen Beweises, wird Federer aller Voraussicht nach in wenigen Wochen Sampras als Rekord-Weltranglistenersten ablösen.
Mit Sportlegenden wie Michael Jordan oder Mohammed Ali ist Federer bereits auf eine Stufe gestellt worden, als der beste Tennisspieler aller Zeiten gilt er für die meisten sowieso. Doch der Schweizer selbst hat diese Vergleiche immer abgelehnt. "Für mich ist es einfach schön zu wissen, was ich schon alles erreicht habe und dass ich mich mit den Besten vergleichen kann." Doch der größte Sportler aller Zeiten? Das sollen andere am Ende seiner Karriere entscheiden.
DER TENNISSTAR PRIVAT
Roger Federer wurde am 8. August 1981 in der Nähe von Basel geboren. Seine Mutter ist Südafrikanerin – so erklärt sich auch die englische Aussprache seines Vornamens. Seit 2000 ist er mit Mirka Vavrinec zusammen. Im April vergangenen Jahres heiratete das Paar, im Juli wurden die Zwillinge Charlene Riva und Myla Rose geboren. Federer hat auch einen besonderen Bezug zu Ostwestfalen-Lippe. Regelmäßig kommt er nach Halle, um sich bei den Gerry-Weber- Open (5. bis 13. Juni) auf Wimbledon vorzubereiten. Auch für dieses Jahr hat der Schweizer sein Kommen angekündigt.
Federer ist ungebrochen ehrgeizig
Und dennoch darf man einen Fehler nicht begehen. Federer, der in der Öffentlichkeit so bescheiden, nahezu zurückhaltend auftritt, ist auf dem Platz – selbst nach mehr als 80 Turniersiegen im Einzel und Doppel – ungebrochen ehrgeizig.
"Zu zeigen, dass ich immer wieder in den Genuss kommen kann, Matches zu gewinnen, das bewegt bei mir etwas. Und wenn das nicht mehr motivieren würde, dann müsste ich auch sagen: ,Okay, es bringt wirklich nicht mehr viel‘", sagt der 28-Jährige, der in dieser Woche antritt, um seinen Titel bei den French Open in Paris zu verteidigen. "Aber das Schöne beim Tennis ist, dass man immer etwas verbessern kann, weil der Ball vom Gegner immer ein bisschen anders zurückkommt. Und deshalb ist meine Motivation wirklich immer da."
Und so könnte es auch in den kommenden Jahren noch häufiger "Spiel, Satz und Sieg Federer!" heißen. Wie häufig, lässt der 28-Jährige offen. Bis er 35 ist, möchte er spielen, hat er schon mal gesagt. Olympia 2012 ist sein nächstes großes Ziel – eine olympische Goldmedaille im Einzel fehlt Federer noch.
Es ist kein Ende der Tennis-Ära Federer in Sicht
Ein Ende der Tennis-Ära Federer ist nicht in Sicht. Nadal, der 2008 kurz die Nummer 1 war, ist Federers einziger ernsthafter Konkurrent um den Platz an der Spitze. Und ein neues Ausnahmetalent lässt auf sich warten. "Ich bin überrascht, dass es momentan keine Teenager gibt, die wirklich Schlagzeilen machen. Vielleicht ist die Gruppe der Topspieler zu stark. Da schlägt man vielleicht einen, aber nicht drei am Stück, wenn man ungesetzt ist", sagt der Mann, der an der Spitze dieser Gruppe steht.
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