Montag, 13.02.2012
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04.09.2010
Linda Stahl -Lippes Golden Girl
Bei der EM in Barcelona holte die Blombergerin GOLD
VON THOMAS SCHÖNEICH

Linda Stahl | FOTO: TYLER LARKIN

Es ist der bislang größte Triumph ihrer Karriere, doch Linda Stahl weiß nicht genau, was sie machen soll. Vor wenigen Minuten ist ihr Speer bei ihrem fünften Versuch bei 66,81 Metern im Rasen des Olympiastadions von Barcelona stecken geblieben. So weit hat die 24-Jährige noch nie in ihrem Leben geworfen. Als weder Teamgefährtin Christina Obergföll noch die tschechische Weltrekordhalterin Barbara Spotáková in ihren letzten Versuchen diese Marke übertreffen, ist Linda Stahl Europameisterin im Speerwerfen.

Doch was macht eine Europameisterin? Linda Stahl will zu ihrem Trainer Helge Zöllkau laufen, doch der ist durch den Stadiongraben von ihr getrennt. Unschlüssig geht sie, die Goldmedaillengewinnerin, einige Meter zurück. Schließlich wirft ihr ein Zuschauer eine Deutschlandfahne zu und sie beginnt, auf der blauen Tartanbahn eine Ehrenrunde zu laufen. Sie hat kaum mit diesem Erfolg gerechnet.

"Ich habe mich gewundert, dass manche Sieger immer automatisch wissen, was sie tun müssen. Ich war in dem Moment eher ein bisschen überfordert", erzählt sie jetzt. Mehr als vier Wochen sind seit ihrem Goldwurf von Barcelona vergangen. Der plötzliche Erfolg hat sie ins Rampenlicht gestoßen. Seit sie 2008 zum ersten Mal weiter als 66 Meter geworfen hatte, wusste man in der Leichtathletikszene, dass die in Blomberg aufgewachsene und lange für die LG Lippe-Süd angetretene Athletin zu sehr guten Leistungen fähig ist.

Vor der EM wurde sie als Außenseiterin betitelt

Dennoch war sie bis zur Europameisterschaft in diesem Jahr selten über den Status einer talentierten Außenseiterin hinausgekommen. "Normalerweise war nach einem großen Wettkampf von mir gar nicht die Rede. Ich konnte nach Hause fahren, am Abend ein wenig feiern, und dann habe ich meinen ganz normalen Alltag gehabt. Das ist jetzt gerade nicht so der Fall."

Die 24-Jährige muss zurzeit sehr viel mehr Termine und Interviewanfragen als üblich in ihrem Kalender unterbringen. "Es ist stressiger geworden. Und auch wenn das momentan eine tolle Erfahrung ist, das ganze Jahr über brauche ich das nicht." Dabei ist Linda Stahl eine Sportlerin, die früh gelernt hat, mit zusätzlichen Belastungen umzugehen. Wenn sie nicht trainiert, dann studiert sie Medizin an der Uni Köln – begonnen hatte sie ihr Studium in Münster, vor zwei Jahren wechselte sie.

Während des Semesters sitzt sie in Vorlesungen, besucht die Pflichtveranstaltungen oder macht Praktika in Krankenhäusern, abends geht sie dann zum Training. Selbst jetzt, in den Semesterferien, besucht sie Veranstaltungen an der Uni, obwohl sie weiß, dass diese mit der Vorbereitung für den Continental Cup im kroatischen Split (an diesem Samstag), dem letzten großen Wettkampf dieser Saison, kollidieren. "Ich merke, dass es mir sonst fehlen würde, auch etwas für meinen Kopf zu tun. Viel mehr als zu reisen und ein Stäbchen weit zu werfen, habe ich ja in den vergangenen Wochen nicht gemacht", sagt sie.
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Besonders wichtig sind für sie das Studium und das Speerwerfen

Und so sind Studium und Speerwurf momentan die beiden großen Säulen in ihrem Leben. Nebeneinander. Gleichberechtigt. Das eine ist ihr nicht wichtiger als das andere. Linda Stahl ist enttäuscht, wenn sie hört – so wie es bereits passiert ist –, sie würde das Studium als Entschuldigung für schwache Leistungen nehmen. "Ich muss genauso viel trainieren wie alle anderen auch. Ich mache das hier nicht als Freizeitsport." Unterstützung bekommt sie von ihrem Trainer. "Der sagt, dass er nicht denkt, dass es mehr bringen würde, wenn ich mich nur auf den Sport konzentrierte. Dafür bin ich nicht der Typ."
Weiss genau, was sie will | FOTO: TYLER LARKIN

Dennoch treffen Aussagen, die an ihrem vollen Engagement zweifeln, die junge Frau besonders, weil sie als Sportlerin seit je sehr ehrgeizig ist. Bis zum Alter von 14 Jahren spielt sie in Blomberg Handball und ärgert sich regelmäßig, wenn sie selbst schlecht spielt, die Mannschaft aber gelobt wird, weil sie gewonnen hat. Auch der umgekehrte Fall – sie spielt gut, das Team verliert – macht sie nicht glücklich. "Ich will für mich selbst verantwortlich sein: für Erfolg und für Misserfolg. Ich bin nicht die Richtige für Mannschaftssport."

Sie will immer besser als das Mittelmaß sein

Und sie will nicht Mittelmaß sein. Als sie kurz nach Beginn ihres Studiums im Sommer 2006 – zu diesem Zeitpunkt trainiert sie bereits seit drei Jahren bei Bayer Leverkusen – nur 57 Meter wirft, gerät sie in ein Motivationstief: "Ich habe mich gefragt: Warum mache ich das eigentlich? Mittelmaß war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Ich wusste nicht, ob es gut war, dafür meine ganze Freizeit zu opfern."

Doch ein Jahr später platzt der Knoten. Bei der WM in Osaka wirft sie 62,80 Meter in der Qualifikation, im Finale wird sie Achte. "Der Wurf fühlte sich gut an, obwohl mein Trainer gesagt hat, dass der Arm zu tief war und auch die Hüfte nicht richtig kam. Da habe ich gemerkt, dass es noch viel weiter geht."
Info

ZUR PERSON

Linda Stahl wurde am 2. Oktober 1985 in Steinheim geboren. Sie wuchs in Blomberg auf und trainierte dort viele Jahre bei der LG Lippe-Süd. 2003 wechselte sie zum TSV Bayer Leverkusen. Seit 2006 studiert sie Medizin. Ihr bisher größter sportlicher Erfolg war der Speerwurfsieg bei den Europameisterschaften 2010 in Barcelona. Ihre Bestweite liegt bei 66,81 Metern.

Besonders sie selbst setzt sich unter Druck

Doch Linda Stahl weiß auch, dass durch die Doppelbelastung der Druck nicht nur von außen kommt, sondern dass sie sich auch selbst unter Druck setzt. "Das hört sich immer so schön an: Die macht halt beides. Aber ob ich zu Hause sitze und keinen Bock habe zu lernen oder ob ich einfach nur kaputt bin und mich auf eine Klausur vorbereiten muss, danach fragt keiner", erzählt sie. "Es gibt sicherlich Momente, in denen ich denke: Beides geht nicht. Aber dann motivieren große Weiten wieder und ich weiß, dass beides zusammen geht."

Mit diesem Wissen wird die Athletin auch in das kommende Jahr gehen. Der Höhepunkt: die Weltmeisterschaft im Sommer im südkoreanischen Daegu. "Ich werde weiterhin 100 Prozent geben, und potentiell kann dann auch das gleiche Ergebnis wie in diesem Jahr rauskommen." Dann, im Olympiajahr 2012, will sie vor den Sommerspielen ihre Doktorarbeit schreiben und, wenn alles perfekt läuft, mit einer Medaille auf dem Treppchen stehen. "Wenn ich für Olympia ein Jahr mit dem Studium aussetzen würde, würde ich ja verblöden", sagt sie und lacht dabei.


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