Einer, der mehrmals angeschossen und verletzt wurde
VON THOMAS SCHÖNEICH
Etwa drei Millionen Menschen starben im Vietnamkrieg. Claude AnShin Thomas hätte einer von ihnen sein können. Er wurde mehrmals angeschossen und verletzt. Etwa 100.000 Veteranen der US-Armee, Männer und Frauen, haben sich von Kriegsende bis heute das Leben genommen, weil sie mit den traumatischen Erlebnissen im Krieg nicht zurecht kamen. Claude AnShin hätte einer von ihnen sein können. Er hat mehrere Male daran gedacht und es versucht. Claude AnShin Thomas hat getötet – wie viele Menschen, weiß er selbst nicht. Doch vor 17 Jahren legte der US-Amerikaner ein Gelübde ab. Er wurde buddhistischer Zen-Mönch und widmete sein Leben dem Streben nach Frieden und einer Welt ohne Gewalt.
Was mich bewegt, meine Praxis fortzusetzen, ist die tief empfundene Verpflichtung, nicht zuzulassen, dass auch nur ein einziges Leben, das in irgendeinem Krieg, der jemals ausgefochten wurde, verloren ging, umsonst war. Ein jedes dieser Leben wurde geopfert, um uns zu helfen, zu der Sinnlosigkeit des Krieges zu erwachen.*
Wer dem heute 63-jährigen, etwas mehr als 1,70 Meter großen, kahlgeschorenen Mann gegenübersteht und in seine dunklen Augen blickt, sieht einen Menschen, der tief in sich ruht. Er denke nicht mehr an Dinge wie zum Beispiel Glück, sagt er. Glück sei eine leere Idee, und wenn man ihr hinterherjage, sie verzweifelt suchte, gehe man wie in einem dichten Dschungel verloren. Es geht ihm auch nicht um Ziele im Leben, die man wie auf einer Liste abhakt, um dann zum nächsten zu gelangen. Es ist sein Bekenntnis, seine selbstempfundene Verpflichtung, anders zu leben, Menschen zu helfen und ihr Leiden zu lindern. Dieses Bekenntnis versteht, wer Thomas’ Vergangenheit kennt. Mit 18 Jahren meldet er sich zum Dienst in Vietnam. Dort wird er Schütze in einer Helikoptereinheit.
Mit automatischen Waffen beschossen
Ein andermal wurden wir von einem Dorf aus mit automatischen Waffen beschossen. Die Einheit bat uns um Verstärkung. Wir flogen mit zwei schwerbewaffneten Kampfhubschraubern hin und hatten den Befehl, das gesamte Dorf zu zerstören. Und genau das taten wir. Wir haben alles getötet, was sich bewegte: Männer, Frauen, Kinder, Wasserbüffel, Hunde, Hühner. Ohne jedwedes Gefühl, ohne jeden Gedanken. Schlicht aus Irrsinn. Wir haben alles dem Erdboden gleichgemacht: Häuser, Bäume, Karren, Körbe, alles. Als wir fertig waren, ließen wir nichts als Leichen, Feuer und Rauch zurück.Als er im Alter von 20 Jahren 1968 hochdekoriert aus der Armee entlassen wird, ist er ein gebrochener Mensch. Seine Landsleute empfangen ihn, den vermeintlichen Kriegshelden, nicht mit offenen Armen. Stattdessen wird er angespuckt. Schlaflosigkeit plagt ihn. Wenn Jets über ihn hinwegdonnern, wirft er sich Schutz suchend auf den Boden, in Konservendosen im Supermarkt vermutet er Sprengfallen. Der medizinische Fachausdruck dafür: posttraumatisches Belastungssyndrom (PTBS). Thomas nimmt Drogen und trinkt, damit die schrecklichen Bilder verschwinden. Er heiratet, die Ehe zerbricht. Erst später gelingt es ihm, eine Beziehung zu seinem damals geborenen Sohn aufzubauen. 1978 drückt er eine unter sein Kinn gehaltene ungeladene Waffe mehrmals ab. Er will sterben. Fünf Jahre später nimmt er eine Überdosis Rauschgift und Alkohol. Als ihm im Krankenhaus Menschen helfen wollen, wirft er eine metallene Wasserkaraffe nach ihnen – und ruft schließlich doch in der Entzugsklinik an. Seitdem hat Thomas weder Alkohol getrunken, noch Drogen genommen.
Thomas nenntdiese Entscheidung den zentralen Wendepunkt in seinem Leben. Er fasst den Entschluss, sich selbst zu heilen. Ohne Alkohol, Zigaretten und anderen Drogen gelingt es ihm, mehr zu sich selbst zu finden. Doch er vermeidet es weiterhin, sich seinen Erfahrungen zu stellen, bis ihm 1990 eine Sozialarbeiterin nahelegt, eine buddhistische Zusammenkunft für Vietnam-Veteranen zu besuchen, geleitet von einem Vietnamesen selbst, dem Zen-Meister Thich Nhat Hanh. Als ihm Thomas zuhört, fängt er an zu weinen. Zum ersten Mal hat er das Gefühl, dass ihn jemand versteht.
Neu inszeniert
Ich war ein Mörder. Obwohl ich das jetzt nicht mehr bin, darf ich diesen Teil von mir nicht zurückweisen, denn dann riskiere ich, ihn fortwährend neu zu inszenieren.
Thich Nhat Hanh lehrte Thomas, dass er für sein Leben verantwortlich ist. "Er sagte mir: Wenn du willst, dass sich die Welt ändert, dann musst du dein Leben ändern." Alles, was Thomas in der Vergangenheit probiert hatte, um sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, hatte nicht funktioniert. "Ich dachte: Was habe ich zu verlieren, wenn ich jetzt das probiere." Es ist der Anfang einer Reise zu sich selbst.
Es gelingt Thomas, Frieden mit seinem Un-Frieden zu schließen. Im Dezember 1994 legt er im Konzentrationslager Auschwitz – es ist der Beginn einer Pilgerreise, die ihn bis nach Vietnam führen wird – vor dem amerikanischen Zen-Buddhisten Tetsugen Bernard Glassman, Mitgründer des Ordens der Zen-Friedensstifter, sein Gelübde ab. Am 6. August 1995 wird er in den Orden aufgenommen. Seitdem lebt er als Bettelmönch und trägt den Namen AnShin, was Friedensherz bedeutet.
Kein Unterschied
Bei einer anderen Gelegenheit während unseres Lageraufenthalts (in Auschwitz) suchten wird den Ort auf, an dem der Lagerkommandant gehängt worden war. An dem Abend stellte ich vor einer Gruppe, in der die meisten Juden und Jüdinnen waren, die Frage: "Worin besteht der Unterschied, ob wir einen Juden oder den Lagerkommandanten hängen?" Es gibt keinen Unterschied. In beiden Fällen trennen wir uns von dem anderen, damit wir ihm das Leben nehmen können. Wenn wir eine Welt schaffen wollen, in der Auschwitz nicht möglich ist, müssen wir uns anders verhalten als diejenigen, die es geschaffen haben. (. . .) Das ist für mich das Herzstück eines engagierten Buddhismus: nach Wegen zu suchen, die Dinge anders zu tun. Und dieser Weg beginnt mit meiner eigenen Entschlossenheit, mein Leben anders zu leben.Wenn der Mensch sich ändert, hat er die Chance, die Welt zu verändern. Thomas sagt diesen Satz auf seinen Vorträgen oder wenn er zu Veteranen, Soldaten, Guerillas oder Gefangenen spricht. Er ist abgeleitet aus der buddhistischen Lehre, dass Menschen und Dinge nicht voneinander getrennt, sondern wechselseitig miteinander verbunden sind. Rein äußerlich seien Menschen zwar verschieden, im Wesentlichen existierten diese Unterschiede aber nicht.
Und so mache ihn dieser Wille in verschiedenen Kulturen, sich unbedingt voneinander unterscheiden zu wollen, sehr traurig, sagt Thomas. "In was für einer wunderbaren Welt würden wir leben, wenn wir all diese oberflächlichen Unterschiede einfach fallenließen, um mit offenem Blick zu sehen, wie wir voneinander lernen und profitieren können?"
Pfad zu Frieden und Freiheit
Das ist der wahre Pfad zu Frieden und Freiheit. Sie können es für sich tun; Sie können es für Ihre Familien tun. Unsere gesamte Welt wird profitieren.
* Die kursiv gedruckten Passagen sind Thomas’ Autobiographie "Am Tor zur Hölle" (2003, Theseus-Verlag) entnommen.
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