Guido Westerwelle hat denselben Küchentisch wie ich. Ikea. Nun macht ihn das nicht automatisch über jeden Zweifel erhaben. Schon gar nicht politisch. Die Tatsache macht ihn höchstens menschlicher. So wie seine Glaubwürdigkeit. Der Mann stellt sich hin und redet Tacheles. Dabei taktiert er eben nicht, indem er sich etwa seine (grünen) Optionen offenhält, wie es derzeit an politisch übergeordneter Stelle der Fall ist. Natürlich polarisiert Westerwelle damit. Und das ist auch gut so.
Dabei steckt Westerwelle von Amts wegen in dem Dilemma, als FDP-Chef einerseits klare Kante zeigen zu wollen, als Außenminister andererseits vermittelnd und moderat daherkommen zu müssen. Er hat sich für den unbequemen Weg entschieden. Wohlwissend, dass er den politisch opportunen Spagat nicht schaffen kann. Wenn denn Deutschland – und erst recht unsere Region – für den Mittelstand stehen soll, muss die Frage erlaubt sein, wer Leistung erbringt und nicht nur, wer davon wie profitiert. Westerwelle ist der Einzige, der diese These vertritt. Er stellt sich damit in den Regen – ohne sich einen Schirm aufzuspannen. Das ist mutig. Zur Überraschung vieler seiner Kollegen jedweder Färbung stellt Westerwelle mathematisch korrekte Rechnungen an. Der Staat kann Steuern nur dauerhaft senken, wenn er es sich erlauben kann. Alle anderen Rechnungen führen dahin, wo wir jetzt stehen.
Politische Entwicklung hat schon immer von Menschen profitiert, die – so die Darstellung der jeweiligen Gegnerschaft – quer gedacht haben. Sie bieten willkommene Angriffsflächen für allerlei Phraseologie über einen politisch Wahnsinnigen. Das wissen die Grünen seit ihrem Bestehen. Dass Querdenker dabei oft nur geradeaus gedacht haben, wird erst später offenbar. Und darum brauchen wir ihn derzeit dringend. Auch wenn er sein Mobiliar nicht in OWL kauft.