Preußen ist Geschichte. Mit den Pickelhauben und den Paraden sind auch die preußischen Tugenden wie Unterordnung, Treue, Tapferkeit, Pflichtbewusstsein und Gehorsam verschwunden. Gottlob!
Es gab nämlich Menschen, die sich nur allzu willfährig auf sie beriefen. Rudolf Höß, der Lagerkommandant von Auschwitz, ist nur einer von ihnen. Während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse wurde er von einem Psychologen gefragt, weshalb er ruhigen Gewissens viele Millionen Menschen ermorden konnte. In seiner Antwort berief er sich auf sein Pflichtbewusstsein und die Befehle, die man ihm erteilt habe. Er war ein Vorzeigepreuße: pflichtbewusst, gehorsam, fleißig. Doch wer es mit der Pflichtversessenheit – wie Höß – allzu genau nimmt, kann die Tugend leicht in ihr Gegenteil verkehren. Das wusste auch der chinesische Philosoph Laotse: "Je mehr Verbote und Gebote es gibt, desto weniger tugendhaft werden die Leute sein", schrieb er schon vor 2.600 Jahren. Recht hat er.
Brauchen wir noch preußische Tugenden?
Ordnung geht, wenn man sie zu genau nimmt, in das Bedürfnis nach totaler Kontrolle über. Und mit Genauigkeit kannten sich die Preußen bekanntlich aus. Auch die Franzosen haben damit ihre Erfahrungen gemacht. Während der Tugendherrschaft des Maximilien de Robespierre wurden in Frankreich 1.579 Todesurteile gegen Menschen verhängt, die nicht dem Tugendideal entsprachen.
Das moderne Deutschland ist zum Glück ganz anders. Wir sind Exportweltmeister. Wenn wir erfolgreich bleiben möchten, sind wir auf innovative Ideen angewiesen. Kreativität ist gefragt. Ein von oben herabkommandierter Tugendkatalog würde die Flexibilität des Denkens jedoch zerstören. Zum Glück gehören preußische Tugenden der dunklen Vergangenheit an. Heute kann jeder Mensch selbst entscheiden, was zu tun ist – und was nicht. Das ist gut so.