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21.01.2012
WEISS
Geist statt Gehorsam
VON RALF MISCHER

Preußen ist Geschichte. Mit den Pickelhauben und den Paraden sind auch die preußischen Tugenden wie Unterordnung, Treue, Tapferkeit, Pflichtbewusstsein und Gehorsam verschwunden. Gottlob!

Es gab nämlich Menschen, die sich nur allzu willfährig auf sie beriefen. Rudolf Höß, der Lagerkommandant von Auschwitz, ist nur einer von ihnen. Während der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse wurde er von einem Psychologen gefragt, weshalb er ruhigen Gewissens viele Millionen Menschen ermorden konnte. In seiner Antwort berief er sich auf sein Pflichtbewusstsein und die Befehle, die man ihm erteilt habe. Er war ein Vorzeigepreuße: pflichtbewusst, gehorsam, fleißig. Doch wer es mit der Pflichtversessenheit – wie Höß – allzu genau nimmt, kann die Tugend leicht in ihr Gegenteil verkehren. Das wusste auch der chinesische Philosoph Laotse: "Je mehr Verbote und Gebote es gibt, desto weniger tugendhaft werden die Leute sein", schrieb er schon vor 2.600 Jahren. Recht hat er.

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Ordnung geht, wenn man sie zu genau nimmt, in das Bedürfnis nach totaler Kontrolle über. Und mit Genauigkeit kannten sich die Preußen bekanntlich aus. Auch die Franzosen haben damit ihre Erfahrungen gemacht. Während der Tugendherrschaft des Maximilien de Robespierre wurden in Frankreich 1.579 Todesurteile gegen Menschen verhängt, die nicht dem Tugendideal entsprachen.

Das moderne Deutschland ist zum Glück ganz anders. Wir sind Exportweltmeister. Wenn wir erfolgreich bleiben möchten, sind wir auf innovative Ideen angewiesen. Kreativität ist gefragt. Ein von oben herabkommandierter Tugendkatalog würde die Flexibilität des Denkens jedoch zerstören. Zum Glück gehören preußische Tugenden der dunklen Vergangenheit an. Heute kann jeder Mensch selbst entscheiden, was zu tun ist – und was nicht. Das ist gut so.

Mehr zum Thema in nw-news.de

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Kommentare
Offenbar war der zur Verfügung stehende Textplatz zu gering, um die Unterschiede zwischen Tugend, Regeln und Anstand deutlicher zu formulieren. Schade, denn dann wäre das ein richtiger Knallerbeitrag geworden. Aber auch so hat er was. Kompliment!

Herr Mischer stellt den Geist vor Gehorsam, womit ich ihm zustimme! Leideraber gab Herr Mischer seinem Geist nicht genügend Raum, um über das Thema nachzudenken!
Es geht um preussische Tugenden, - nicht um die Untugenden !
Tugende haben etwas allgemeingültiges, jeder schätzt sie, im gleichen Masse aber bedauert jeder den Verfall von Tugenden. Meine Frage an Herrn Mischer können wir uns den Verfall von Tugenden als freie , tolerante Gesellschaft leisten?

Diese Sichtweise mag zwar heutzutage unpopulär sein, da alle stets nach mehr Regeln rufen. Ich glaube aber Herr Mischer hat recht. Keine Regel wird die Probleme lösen, mit denen wir uns konfrontiert sehen.

Herr Heil listet die Probleme ja ganz schön auf. Und Herr Mischer benennt die Dialektik, mit der jedes Regelwerk eng verknüpft ist: Regeln stehen auf Papier. Die Menschen im Leben.

Wenn wir nur mal die Toleranz nehmen, welche Preußen sich als auch so tugendreiches Land auf die Fahnen schrieb. Die Toleranz endete stets dort, wo es die Staatsraison gebot. Siehe etwa den Boxeraufstand "Pardon wird nicht gewährt".

So wird aus einer Tugend schnell eine Untugend und später ein Verbrechen. Das gilt aber für alle Länder, wie Herr Mischer anhand des Beispiels mit Frankreich ja deutlich macht.

Herr Mischers Kommentar ist anspruchsvoll formuliert und subtil gedacht.
@onkel otto: Die Überlegungen in dem Kommentar gehen weit über den Horizont Preußens und der preußischen Tugenden hinaus. Der Schreiber wirft ja die Frage auf, ob Tugenden nicht grundsätzlich zu einer Veränderung des Gesellschaftsgefüges führen und führt dafür Beispiele an, die nicht nur in Preußen angesiedelt sind, Im Grunde ist das ein philosophischer Text. So etwas ist natürlich nicht einfach zu erfassen oder zu fassen.

Ich stimme dem Kommentator zu, dass Tugenden und Regeln die Gesellschaft eher moralisch belasten statt für moralische Zustände zu sorgen.
Denn in dem Moment, in dem man Regeln verfasst, bereitet öffnet man der Unmoral Tür und Tor, da man sie benannt und definiert hat. Die These generiert erst die Antithese.

Wenn ich Ihren Kommentar lese wird mir schlecht Sie schreiben über Dinge von denen Sie NULL AHNUNG haben dann kann auch ein Blinder ein Reverat über die Farbenlehre halten.



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