Endlich. Adventszeit, Genusszeit. Vorglühen ist erlaubt und gesellschaftsfähig – und sorgt schon mittags für eine schwungvolle, gut gelaunte Arbeit am Nachmittag. Wo sonst schon mal die ostwestfälische Brummigkeit durch die Büros wabert, flanieren jetzt immer öfter lässig-launige Ostwestfalen über die Flure mit glühweingeschwängerter Lust auf Plausch hier und Schwätzchen da. Und daran kann auch die volksmusikalische Billigvorweihnachtsmusi vom Glühweinstand im Hüttendesign nichts ändern.
Ein alkoholisches Heißgetränk zur Lunch-Zeit, wie es neudeutsch amerikanisiert ja heißt – Mittagsschlaf war gestern und ein grimmiges "Mahlzeit!" vorgestern –, beflügelt auch die schwermütigste Ostwestfalen-Seele, die mit der dunklen Jahreszeit hadert. Was den Rest des Jahres zu Recht verpönt ist, wird in der Vorweihnachtszeit zum geselligen Ritual.
Mittagspause mit Glühwein?
Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass der Alkohol (ein guter Glühwein hat mindestens 7 % Vol.) Ursache für die gelösten Seelen nach dem Genuss des Volkspunsches ist. Vielmehr sind es, historisch nachweisbar, die Gewürze. Schon im Mittelalter erfreuten sich sogenannte Würzweine wie etwa der Hypocras bei den Menschen an kalten Tagen großer Beliebtheit. Der Geschmack ähnelte sehr dem heutigen Glühweinabgang mit der wärmenden Wirkung von Zimt, Gewürznelken, Sternanis und Zitronenschalen. Dass das alkoholhaltige Heißgetränk zum Aphrodisiakum wird, liegt natürlich auch an der romantisch-versöhnlichen Vorweihnachtszeit, die einfach danach ruft, alle Gegensätze einzuebnen und die Probleme auf morgen zu vertagen.
Durch übermäßiges Ernstnehmen ist im Übrigen noch kein Problem schneller gelöst worden. Insofern ganz ostwestfälisch, und auch gerne ein wenig schunkelselig, ist die kalte Jahreszeit: Adventszeit, Genusszeit. Vorglühen ist erlaubt.