Es gibt Satzanfänge, die lassen für den Rest der Aussage nichts Gutes vermuten. "Man wird doch wohl noch ..." ist so ein Anfang – geprägt von Ressentiments. "Man wird doch wohl noch ,Neger‘ sagen dürfen", könnte der vollständige Satz lauten. Genau dieser Satz ist der Kern der Forderung, Wörter wie "Neger" in Kinderbüchern zu erhalten. Und um es gleich vorweg zu sagen: Nein, man darf nicht!
Auch ich hänge an Kinderbüchern. "Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer"steht in meinem Bücherregal – etwas abgenutzt, aber nicht minder schön. Ein abgegriffener Umschlag schadet dem Leseerlebnis nicht. Genauso wenig schadet das Ersetzen eines einzigen Wortes der Geschichte.
Kinderbuch: Verbot für Mohr, Neger und Co.?
Eine klärende Diskussion ist selten das Ergebnis, wenn Kinder diskriminierende Ausdrücke in ihren Büchern finden. Die Gefahr ist vielmehr, dass sich solche Wörter in den Lieblingsgeschichten mit schönen Erinnerungen an die Kindheit verbinden. Die Anführungszeichen, die Erwachsene bei "Neger" im Kopf haben, denken Kinder nicht mit – sie wissen es noch nicht besser. Und so nehmen sie die Bezeichnung mit in ihre Klassenzimmer, wo heute Mitschüler aus Ghana oder Togo am Nachbartisch sitzen.
Mit "politischer Korrektheit" ist die Forderung, die Wörter zu streichen, falsch beschrieben. Es geht nicht um das Elfenbeinturm-Denken von Bürokraten. Das Wort "Neger" ist nicht bloß im Sprachwandel untergegangen. Es wird nicht mehr genutzt, weil es Gefühle und die Würde von Menschen mit schwarzer Hautfarbe verletzt – auch in bekannten Geschichten.
Denn wer "Neger" sagt, sagt nicht nur ein anderes Wort für "Mensch mit schwarzer Hautfarbe". Wer "Neger" sagt, der sagt damit auch "Kolonialismus", der sagt auch "Rassentrennung" und "Menschen zweiter Klasse". "Man wird diesen Kram doch wohl mal beiseitelassen dürfen", könnte man fordern. Nein, man darf nicht!
Das Minderheiten angegriffen und beleidigt werden, liegt in der Natur des Menschen und ist keine Erfindung einer bestimmten Rasse oder Nation. Anders sein wird von der Mehrheit nicht akzeptiert. Da wird der Pole zum Polaken (bitte jetzt keine Belehrung über den Ursprung des Wortes Polake), der Türke zum Muchel oder der Italiener zum Spagettifresser.
Oder aus dem Behinderten kurz der Spasti.
Soche Bezeichnungen fallen natürlich nur dann, wenn man sich der Mehrheit sicher ist. Auch wenn unser Land in den letzten 20 Jahren, was Rassismus angeht, wieder einen Rückschritt gemacht hat, glaube ich daran, dass es eine Wendung zum besser geben kann und die ewig Gestrigen kein Gehör mehr finden.