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02.03.2013
Weiss
Sitzenbleiben – aber richtig

Wo kommen wir denn da hin? Wenn an den Schulen das Sitzenbleiben abgeschafft wird, wie jetzt in Niedersachsen von der neuen rot-grünen Landesregierung geplant, gibt es gar kein Mittel mehr, notorische Schwänzer, Leistungsverweigerer und Faulpelze an die Arbeit zu bekommen. Es ist Lebenserfahrung, dass der Mensch gern mit der Anstrengung nachlässt, wenn nicht ein gewisser Druck vorhanden ist. Und die Sorge vor dem Sitzenbleiben erzeugt Druck. Ohne den hätten wir zwar keine Sitzenbleiber mehr, aber eine zunehmende Bugwelle von Schülerinnen und Schülern, die Jahr für Jahr weniger mitkommen und immer mehr Schulfrust ansammeln. Denn es glaubt doch niemand, dass das deutsche Schulsystem in der Lage sein wird, die Schwachen mit Sonderprogrammen auf das erforderliche Leistungsniveau zu hieven. Und den Nachweis, dass dieser Weg günstiger ist, hat keiner erbracht.

Darüber hinaus entwickeln sich Menschen unterschiedlich und sind sehr verschieden. Wenn ein Schüler erst etwas später aufwacht und erkennt, dass Wissen, Erkenntnis und Leistung einen Selbstzweck haben und nicht für den Lehrer oder die Schule erbracht werden, hat er dazu auf der Ehrenrunde Gelegenheit und kann gleichzeitig das Versäumte gut nachholen. Der spätere Unterricht in Fremdsprachen zum Beispiel baut auf dem Wissen (Vokabeln) der Unter- und Mittelstufe auf. Da ist es nicht schlecht, wenn die entsprechenden Schüler etwas mehr Zeit haben.

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Schule: Hat die Ehrenrunde ausgedient?




Mag sein, dass sie das Klebenbleiben als Niederlage erleben oder als Scheitern. Das aber gehört zum Leben und sollte nicht dramatisiert werden. Es wird auch später im Berufsleben nicht jedes Weiterkommen auf dem Silbertablett serviert. Nicht immer ist der leichte Weg der langfristig erfolgreiche. Falsch ist folglich, das Sitzenbleiben zu streichen – richtig wäre es, Sitzenbleibern intensive Aufbauhilfe und Begleitung zu geben.


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Kommentare
Grundsätzliches Abschaffen des Sitzenbleibens ist genauso verkehrt wie das grundsätzliche Beibehalten. Es sollte seitens der Verantwortlichungen ein passender Mittelweg gefunden werden. Mitunter in von der Schule verordneten Pflichtförderungen in den schwachen Fächern. So bleibt der Schüler in seiner Klasse = gewohntes soziales Umfeld und muss den Stoff der er gut kann nicht noch einmal ein ganzes durchkauen. Das wird in Dänemark oder Schweden (weiß ich jetzt grad nicht genau) auch so gemacht und funktioniert dort bestens. Wie viele andere Dinge auch, weil dort einfach viel familiärer gedacht wird, aber das ist ein anderes Thema.

Ich möchte als Lehrerin ein wenig aus der Praxis berichten. Meist ist es ja so, dass Schüler in maximal zwei Fächern Defizite haben. In meiner Praxis sind das oft Mathe und Latein. Wenn sie eine Ehrenrunde machen, müssen sie aber alle Lerninhalte, Fächer wiederholen! In den anderen Fächern sind so oft so gut, dass sie der gesamten Klasse vorwegrennen, sich langweilen mit dem Stoff und wenig Spaß am Unterricht haben! Wenn sie aber in den meisten Fächern glänzen, haben sie meist wenig Lust, sich in den Fächern, wo es hapert, wirklich auf den Hosenboden zu setzen, denn Erfolgsergenisse sind ja da!

Ich stimme mit Herrn Heil darüber überein, dass sich Menschen unterschiedlich entwickeln. Als Vater würde ich daher sagen, dass Sitzenbleiben eine Maßnahme sein kann, die diesen Umstand sinnvoll kompensieren hilft. Aber eben als Vater frage ich mich auch, was wäre, wenn meine Kinder sitzen bleiben müssten. Das will ich nicht. Noch sind die Beiden nicht so weit - aber.... Ich habe mich intensiv über das Thema informiert und bin zu dem Schluss gekommen, dass die meisten Bildungsexperten die Meinung vertreten, dass Sitzenbleiben Mist ist. Ja, was denn nun? Die meisten Eltern sehen das, zumindest in meinem Bekanntenkreis, ganz anders.

Der Streit ums "Sitzenbleiben"ist Populismus, angefacht durch Niedersachsen, die keinem Schüler mehr das "Sitzenbleiben" zumuten wollen. Es herrscht die Gefahr eines Schultraumas und sogar des späteren menschlichen und beruflichen Scheiterns? Churchill, Edison, Einstein, Shaw, Grillparzer, Hauptmann, Hesse, T. Mann, R. Wagner, alle traumatisierte Menschen? Selbst aus neuerer Zeit, wie H.Schmidt, O. Walkes, J.B. Kerner, alles geschockte Entertainer. K. Wowereit, P. Steinbrück...traumatisierte Politiker?
Kultursache ist Ländersache! 17 Bundesländer, mindestens 18 Lösungsvorschläge. Und der Schock für diese Bundesländer: Das Sitzenbleiben soll eine Milliarde Euro kosten, so Klemm in einer Bertelsmann-Studie...Mehrkosten für Personal, höheren Sachaufwand und Investitionsausgaben. Im Schuljahr 2011/2012 sind ca. 170.000 Jungen und Mädchen von 11,4 Millionen Schülern sitzengeblieben. Woher kommen diese Mehrkosten? Wie kann jemand ausrechnen, was ein Schüler in einer Schule kostet, wenn er ein Jahr wiederholen muß. Bedarf eines einen Lehrer mehr, bedarf es mehr Heizung, muß die Raumkapazität hochgefahren werden, sind mehr Toiletten notwendig?
Auch der Präsident des Lehrerverbandes Josef Kraus, sieht keine Gründe für die Abschaffung des Sitzenbleibens. Damit werde Entscheidung über die Leistungen eines Schülers immer weiter nach hinter verschoben. Der Schüler werde freigesprochen, schuld am Ende immer das System. Kraus: " Der klassische Sitzenbleiber habe nicht nur vereinzelte Lücken". und weiter "wir gauckeln unseren Kindern etwas vor, dass sie was könnten, was sie nicht können und er halte es für falsch, jungen Leuten sämtliche Risiken aus den Weg zu räumen". Hat Kraus keine Kompetenz? Mit Sicherheit hat er diese! Haben Politiker Kompetenz? Nein! Aber im Wahlkampf ein idealer pädagogischer Populismus!
Für den Kommentor ist Sitzenbleiben eine gute Sache. Es ist ein Warnschuss, valides Druckmittel für Schüler mit mangelndem Ehrgeiz und Vorbereitung auf das "harte Leben".

Endlich mal wieder ein guter Kommentar von Ihnen, Herr Heil. Wer meint, Sitzenbleiben ist eine Strafe von gestern, der kann auch gleich die Schulpflicht abschaffen. Ein Jahr zu wiederholen, war schon für den einen oder anderen eine bessere Alternative als ständige Fördermaßnahmen, wo man immer wieder so gerade ins nächste Schuljahr kam. Bei manchen fällt eben später der Groschen. Und wenn man den Begriff der Ehrenrunde nicht so negativ sondern positiv bewerten würde, wäre es auch keine Strafe, was für ein Unsinn, sondern ein Gewinn.



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