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30.03.2013
Weiss
Tag der Bevormundung
NICO BUCHHOLZ

Wir leben in einem freien Land – zumindest an 364 Tagen im Jahr. An einem Tag wird uns vorgeschrieben, was wir zu tun und vor allem zu lassen haben. Karfreitag ist der Feiertag der Bevormundung. Es beginnt beim Essen: Statt Fleisch kommt Fisch auf den Teller – das ist eben so. Glücklicherweise hat hier noch der Bürger in der Hand, ob er sich an dem Brauch beteiligt.

Schlimmer ist es bei der Freizeitgestaltung. In NRW gilt zwischen 18 Uhr am Gründonnerstag und 6 Uhr am Karsamstag Tanzverbot. Sogar im Kino gibt es Vorschriften: So dürfen nur Filme gezeigt werden, die der Kultusminister oder die FSK als geeignet empfinden. Aber was ist mit meinem Empfinden? Was ist, wenn der Kultusminister und ich ganz unterschiedliche Vorstellungen davon haben, welche Filme angebracht sind? Ich finde, ein bisschen Action kann auch am Karfreitag nicht schaden. "Stirb Langsam" ist schließlich auch Pflichtprogramm am Heiligen Abend.

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Karfreitag: Auf den Verzicht verzichten?




Das Wort Verzicht ist wegen dieser Regelungen beim Karfreitag überhaupt nicht angebracht. Verzichten kann nur, wer die Wahl hat. Am stillen Feiertag handelt es sich um Verbote. Wo es Verbote gibt, ist freiwilliger Verzicht nicht möglich.
Ich habe Verständnis dafür, dass Menschen den Tag nutzen, um sich in Ruhe auf das Wesentliche zu besinnen. Ich will niemandem meine Haltung aufzwingen. Doch ich fordere auch die Freiheit, selbst zu entscheiden, was ich mit meinem Karfreitag anstelle. In einem säkularen Staat sind solche Vorschriften fehl am Platz. Schließlich gehören etwa 40 Prozent der Menschen in Deutschland nicht dem Christentum an.

Vielleicht werde auch ich den Tag in Ruhe verbringen. Werde Fisch essen, werde laute Musik meiden und ruhige Filme wählen. Aber wenn ich das tue, dann, weil ich das selbst entscheide. Auf vorgeschriebenen Verzicht verzichte ich lieber.

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Kommentare
Karfreitag gehört zu den stillen Feiertagen in Deutschland. Es ist ein ziemlich strenger Feiertag, denn es herrscht ein gesetzlich verordnetes Tanz- und Feier-Verbot. Das ist eine provokative Bevormundung. Wir haben nur dieses eine Vergnügen im Jahr, und das lassen wir uns nicht nehmen. Der Karfreitag ist doch d e r Vergnügungstag für junge Leute, vor allen Dingen die After-Work-Party in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag. Wenn Karfreitag Bevormundung bedeutet, dann schaffen wir ihn doch ganz ab. Und überhaupt! In Zeiten, in denen viele nicht mehr wissen, was die Bedeutung kirchlicher Feiertage ist, sollte man sie alle abschaffen. Wer auf Ostern und Weihnachten Wert legt, kann doch Urlaub nehmen. Frei nach Udo Jürgens: Jeder so, wie er mag!
Und wenn wir schon dabei sind? Was ist mit Sonntag? Auch Privatsache! Abschaffen! Und wenn alles abgeschafft ist, dann werden wir wieder kämpfen, für die Einführung der Feiertage, die doch nicht so schlecht waren. Vielleicht haben die neu erkämpften Feiertage wieder ein gesellschaftlichen Wert, der von einer Mehrheit getragen wird. Aber vielleicht können wir den Feiertagen doch etwas abgewinnen. Denn keiner verlangt, dass wir an kirchlichen Feiertage in die Kirche gehen, niemand zwingt uns zu Fasten und Beten. Selbst in Bayern kann bis 2 Uhr in den Tag hinein Party gemacht werden. Erst dann beginnt der Schutz des Feiertages. Stille Tage wie Karfreitag und Totensonntag sind Tage der Besinnung und Erholung. Für mich ist das Feiertags-Abzocke, indem man die Vorteile mitnehmen will aber keine Verpflichtung eingehen will.

Bin für Abschaffung aller Feiertage. An gesetzlichen Feiertagen mit schönem Wetter wie heute sind mir einfach zuviele Sonntagsspaziergänger, oft noch mit Hündchen, auf den Radwegen unterwegs, so dass kein Durchkommen möglich ist. Auch der gleichzeitige Andrang in den Feriendomizilen ist teuer und ärgerlich. Alles verteilt sich besser, wenn Feiertage abgeschafft werden.

Fürchte allerdings, dass ich gegen den Einzelhandel nicht ankomme. Mit den kirchlichen Feiertagen wird dort wohl das Geld verdient. Als Kompromiß würde ich die Feiertage umbenennen in Kauffeste. Winterkauffeste, Frühlingskauffeste, Sommerkauffeste, Herbstkauffeste. Die sind dann auch glaubensneutral.

Tschuldigung: 'îdu-l-mîlâd' heißt "Fest der Geburt", nicht "Tag d. G."

Ich habe Lust, Nico Buchholz recht zu geben. Wenn ich ehrlich sein soll, stört mich nämlich auch, dass außer dem Christentum auch alle möglichen Religionen nach Anerkennung streben, dabei ist Glauben eben nur Glauben, keine gesicherte Erkenntnis.

Man sollte sich überlegen, ob man die historisch bedeutsamen Tage im offiziellen Sprachgebrauch auf allgemein menschlich nachvollziehbare Ausdrücke herunterbricht. Weihnachten heißt zum Beispiel auf Arabisch "Tag der Geburt" ('îdu-l-mîlâd), Karfreitag "Freitag der Leiden" ('dschum'atu-l-âlâm')...

Einen Feiertag, dessen religiöser Hintergrund schon fast vergessen ist, weil das Ritual von den Jüngern hierzulande nicht praktiziert wird, haben wir nämlich schon: Am 8. Tage nach seiner Geburt wurde der kleine Jude Jesus nämlich beschnitten: unser Neujahrsfest.

Ansonsten gibt es historische Daten, die man von mir aus gerne statt einiger christlicher Feiertage zu Feiertagen machen kann: Zum Beispiel den 8. Mai als Erinnerung an die Kapitulation des Naziregimes am 8.5.45 anstelle des Vatertagsbesäufnisses, "Christi Himmelfahrt". Und vielleicht ein Datum für den Westfälischen Frieden. Oster- und Pfingstmontag kann man auch fallenlassen, dann gibt's keine Quärelen von der Sorte: "Wenn die Christen Tage für sich bekommen, dann möchten wir auch Feiertage für unsere Traditionen..."

Also ich bin der Meinung , Deutschland schafft alle seine Werte und Kultruren , am besten sich selbst ganz ab , dann hört endlich diese alljährliche Wehklagerei und Jammerei auf, denn darauf zielt es doch ab, diese Jammerei geht mir sowas von auf den Senkel , wenn die Party-showmaker in Deutschland nichts zu jammern und zu weinen haben dann fehlt was.
Für alle andern trotzdem frohe Ostern



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