Hannelore Kraft gibt sich in Israel bewusst zugänglich – und beweist sowohl Menschenverstand als auch Pragmatismus
Jerusalem. Sie ist keine Quotenfrau. Aber sie ist für die Frauenquote. Sie sucht sich ihre Minister und Ministerinnen nach Qualität aus, sagt sie. Aber sie glaubt gleichwohl an die Quote: Ihr Kabinett ist paritätisch von Männern und Frauen besetzt. Es gibt Männer, die halten ihr Politikkonzept für schwach. Aber sie hat sich mit diesem Konzept gegen diese Männer durchgesetzt. Hannelore Kraft regiert seit acht Monaten das bevölkerungsreichste Bundesland Nordrhein-Westfalen. Zum 100. Internationalen Frauentag sagt sie: "Frauen machen nicht besser Politik, sondern anders." Und sie meint damit: Frauen haben weniger Profilneurosen als Männer. Ihr Politikzugang beruht nicht auf der Demonstration von Stärke. Gerade das aber, glaubt die Ministerpräsidentin, macht Frauen stark.
Es kommt vor, dass Kraft unbeherrscht wirkt, emotional, nicht abgeklärt professionell. Während ihres Israel-Besuchs beispielsweise fährt sie in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem Fotografen an, die ihr eine Art "Posing" abverlangen. Sie will aus ihrem Besuch "keine Show" machen, sagt sie, sichtbar missmutig. Oder: Während der schwierigen Debattenlage um die einstweilige Verfügung des Verfassungsgerichtshofs in Münster zum NRW-Haushalt wirkte sie für Beobachter ungehalten, konnte ihren Unmut über die sich abzeichnende Niederlage kaum kontrollieren und sich disziplinieren.
Andererseits allerdings beschreiben gerade kritische Beobachter sie als ausgesprochen bodenständig, unkompliziert und unkonventionell. Sie findet schnell Zugang zu den Menschen und zeigt sich stets offen für Gespräche. Es gibt bei ihr und in ihrer Umgebung keine übertriebene Etikette, sondern gesunden Menschenverstand und Pragmatismus. Während eines Fernsehinterviews beispielsweise zog sie kurzerhand ihre Pumps aus, um der Moderatorin barfuß auf Augenhöhe zu begegnen.
Neuer Ansatz der starken Frauen
Vor allem aber bevorzugt Kraft das Prinzip der klaren Ansage. Die Diskussionen im NRW-Kabinett seien offen, kontrovers auch, aber – anders als zu den Zeiten der Männer Wolfgang Clement und Peer Steinbrück – nie allein machtorientiert oder gar verletzend. Es wird halt inhaltlich gestritten, diskutiert und entschieden. Männer am Kabinettstisch in Düsseldorf scheinen sich damit gelegentlich schwerzutun. Aber für die beiden starken Frauen im Kabinett – neben Kraft ihre Stellvertreterin Silvia Löhrmann von den Grünen – macht dieser neue Ansatz die Stärke und den Reiz des rot-grünen Bündnisses in Düsseldorf aus.
Krafts Machtbewusstsein und Führungsanspruch allerdings darf man deshalb nicht unterschätzen. Das zeigt der Vorstoß für vorgezogene Neuwahlen in NRW. Auch wenn der von dem SPD-Fraktionschef im Landtag, Norbert Römer, kam: Hinter der Strategie dürfte die Ministerpräsidentin selbst stecken. Es dauerte schließlich nur ein paar Augenblicke, bis sie am Wochenende während ihres Israel-Besuchs die Drohung mit Neuwahlen noch weiter zuspitzte. Und bei genauerer Analyse konnte man sogar ein abgestimmtes Vorgehen des "Kleeblatts der Macht" in NRW erkennen: Fast identisch äußerten sich in kürzester Zeit Kraft und Römer für die SPD und auf der Seite des grünen Koalitionspartners Löhrmann und ihr Fraktionschef Rainer Priggen. Von allen vieren weiß man, dass sie sich in solchen strategischen Fragen eng absprechen.
Hannelore Kraft würde gleichwohl den Vorhalt, diese Form der Machtpolitik entspreche eher den Männern, entschieden zurückweisen. Frauen, sagt sie, seien meist pragmatischer, konzentrierten sich auf die Sache. Männer dagegen fürchteten häufiger, in Konflikten ihr Gesicht zu verlieren. Das sei für Frauen kaum ein Thema.
In Israel traf sie gestern die Präsidentin des Obersten Gerichtshofs, Dorit Beitsch, und die Vorsitzende der Kadima-Partei, Tzipi Livni. Zuvor hatte sie den israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres getroffen, und heute wird sie den palästinensischen Premierminister Salam Fayyad sprechen.
Die Mischung macht’s. Würde die Ministerpräsidentin wohl sagen.
An ostwestfälischen Schulen nimmt man ja durchaus wahr, dass Jungs eher ungebremst Schwachsinn in die Klasse brüllen und allgemein unsanfter miteinander umgehen als Mädels, während letztere, selbst wenn man sie direkt anspricht, erstmal ihre Nachbarin fragen müssen anstatt das eigene Hirn anzustrengen, (und dann mitunterSchwachsinn reden, der auch noch demokratisch "legitimiert" ist).
Profilneurose? Womöglich noch, weil ich kein Haus und keine Familie gründen werde? Nee, das macht mir nichts aus: wenn ich dem Leben noch ein paar schöne Momente abringen kann, kann man meinen Kadaver eines Tages guten Gewissens verbrennen und meine Asche irgendwo unterpflügen.