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08.11.2012
Kommentar
Amerika nach der Wahl
Vier neue Jahre für Obama
VON THOMAS SEIM

NW-Chefredakteur

Deutschland freut sich. Der Sympathieträger des amerikanischen Wahlkampfs, Barack Obama, bleibt vier weitere Jahre im Amt. Das entspricht dem Wunsch von fast 90 Prozent der Deutschen. Alles gut gelaufen also? Für Deutschland? Für Europa? Für den Frieden und die Entwicklung der Welt?

Sicher ist: Wir müssen uns nicht groß umgewöhnen – zunächst. Jedenfalls nicht bei dem wichtigsten politischen Gestalter und mächtigsten Mann der westlichen Hemisphäre. Die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA waren und sind stabil.

Der Friedensnobelpreisträger wird – auch das entspricht den Wünschen der Mehrheit unseres Landes – im Umgang mit Konflikten in der Welt auch behutsamer sein als der Herausforderer. Das hat sich bisang in der Strategie des Weißen Hauses gegenüber Syrien gezeigt. Und auch im Krisenmanagement mit dem Iran gibt es auf der Seite der Republikaner eher mehr als weniger Scharfmacher. Dieses Politik-Verständnis der Obama-Administration hilft uns hier im Zentrum Europas, in dem wir nun fast 70 Jahre in Frieden leben und keine Rückkehr eines Kalten Krieges oder gar eines heißen Konflikts mit unseren Nachbarn im Osten, in Rußland vor allem, wollen.

Und: Die Ökologie profitiert natürlich. Vielleicht hat diese Wahl uns gelehrt, dass der in den USA von Bill Clintons Berater Dick Morris erfundene Grundsatz, dass die Wirtschaft die Wahlen entscheidet, nicht mehr wirkt. Vielleicht hat dieser Wahlausgang nach dem Hurrikan Sandy uns gelehrt, dass heute dieser Satz für die Planung von Wahlsiegen anders gilt: "Es ist die Ökologie, Dummkopf!" Diese Überlebensfrage unseres Jahrhunderts steht jedenfalls bei dem wieder gewählten Präsidenten höher in der Agenda als man das bei dem so genannten Turbo-Kapitalisten Mitt Romney erwarten durfte. Obama hat dieses Thema früh und richtig erkannt und darf als einer der Motoren für einen ökologischen Umbau gelten. Im Rahmen amerikanischen Politik-Verständnisses allerdings.

Das alles gefällt uns Deutschen und das ist auch gut so. Wir haben nach auch schwierigen Zeiten mit heftigen Attacken gegen den amerikanischen Weg der Durchsetzung von Interessen im vergangenen Jahrhundert weitgehend unseren Frieden gemacht und Gefallen gefunden an diesem auch faszinierenden Kontinent. Für alles das steht bei uns Obama. Deshalb mögen wir ihn. Deshalb ist die Mehrheit der Deutschen froh, dass er in einer zweiten Amtszeit beweisen kann, ob er was und was er wirklich kann.

Das wird er auch müssen, denn so toll ist die Bilanz seiner ersten nicht. Ob das den Europäern so gefallen kann, ist indes durchaus fraglich. In Obamas neuer Administration wird es eine Außenministerin Hillary Clinton nicht mehr geben. Auch Timothy Geithner, Finanzminister, wird ausscheiden. Beide gelten als die europäischsten aller US-Minister. Ähnlich wie Ex-Verteidigungsminister Robert Gates, der bereits vor einem Jahr ausschied. Dass die Nachfolger noch so europäisch orientiert sind wie diese drei, ist durchaus fraglich. Gut möglich gar, dass Mitt Romney viel europäischer aufgestellt war. Die neue Obama-Administration wird ihren Politik-Schwerpunkt eher auf den Pazifik-Raum und das Ringen mit China um die Vorherrschaft dort richten. Was Europa davon haben oder wie sehr es darunter leiden wird, ist eine der offenen Fragen, deren Antwort wir abwarten müssen.

Für Deutschland mag darin sogar eine Chance liegen. Wenn die USA in ihrem atlantischen Rücken eine funktionierende EU brauchen – und das werden sie – dann könnte Deutschland dafür der Garant sein. Ein Zentrum, das die wankelmütigen Staaten der Peripherie, wie es zum Beispiel Großbritannien ist, in der EU zusammen hält – und die EU als Ganzes an der Seite der USA. Das wäre eine gute Rolle für die Bundesrepublik.

Die Bilanz des Wiedergewählten ist im Übrigen so toll nicht, dass man nicht auf Defizite aufmerksam machen müsste: Die Wirtschaft ist in einem desolaten Zustand und stottert als Motor der Weltwirtschaft. Das Verbrechen des Guantanamo-Gefangenenlagers mit unmenschlichen und illegalen Verhörmethoden gibt es immer noch, obwohl Obama versprochen hatte, es zu schließen. Der Krieg in Irak ist zu Ende, aber in Afghanistan stehen noch immer die Truppen.

Die Herausforderungen für die nächsten vier Jahre sind nicht geringer geworden. Sie geben Obama Gelegenheit, sich die deutschen und europäischen Vorschusslorbeeren durch gutes Regieren im zweiten Anlauf zu verdienen. So wie den Friedensnobelpreis.

Darauf wollen wir hoffen.
     
thomas.seim@ihr-kommentar.de

Kommentare
USA verwirken Anspruch auf Demokratie

Sechs Milliarden (!) Dollar für verlogenen, gehässigen Wahlkampf als Mega-Show zur Euphorisierung eines in großen Teilen indifferenten Volkes, das trotz dieses "Hypes" fast zur Hälfte kein Interesse hat und zu Hause bleibt. (Genaue Zahlen über die Wahlbeteiligung sind in dem High Tech Land erst nach Wochen erhältlich, bedeutungsschwere Wahlanalysen freilich vorher.)

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist keinesfalls ein vom Volk frei gewählter Mann, sondern aufgrund seiner finanziellen Aufstellung im Wahlkampf eine Marionette des Kapitals und weiterer mächtiger Interessenverbände.

Barack Obama ging also erneut als Sieger aus dem Schmierentheater hervor. Seine Fußvolkanhänger gröhlen überschäumend in die Kameras und wissen mit Sicherheit aber auch gar nichts von Politik, geschweige denn Geografie, aber Amerika ist top.
Der neue alte Präsident empfindet die USA in Gottes Gnade als das großartigste Land der Welt, liebt seine Frau mehr als je zuvor (Steigerung seit der letzten Wahl?) und sieht wohlgefällig seine Töchter heranreifen zu schönen erfolgreichen Persönlichkeiten.

Ob sie sich je ein Bild davon machen können, wie es Kindern und Jugendlichen in Ländern ergeht, welche die USA als "Weltpolizist" in beispielloser Häufigkeit und Grausamkeit mit Krieg überziehen?
Ob sie je erkennen, dass in ihrem Land lügende Kriegsverbrecher (Bush und Konsorten) unbehelligt bleiben?
Ob ihnen je klar wird, dass ihr Land seine Interessen perfide mit unbemannten Drohnen mordend durchsetzt, dass diese glorreiche Nation besonders im Ausland (Guantanamo, etc.) ihre eigenen Gesetze und die Menschenrechte bricht?

Ach ja, und der großmäulig dilettantische, unterlegene Herausforderer: Der betet jetzt zum Wohle der "einigen" Nation für den Präsidenten und seine Helferteams! (Hoffentlich liebt der so Fromme auch jetzt in der Niederlage noch seine Frau.)

Unisono spielen die kritikunfähigen Medien in dieser so ernüchternd traurigen Wahlkampfposse eine Hauptrolle, denn ihre Macher stammen aus denselben politischen Lagern und verdienen prächtig an der Schaumschlägerei.

Tatsächlich ist Amerika eine gespaltene Nation, Arm und Reich divergieren mehr und mehr, die Infrastruktur des Landes entspricht nicht den Standards der Elite-Hochschulen und der Prestige-Unternehmen. Gleichberechtigung stellt sich im sozialen Alltag als Worthülse dar.

Die Weltmacht ertrinkt in Staatsschulden ungekannten Ausmaßes und kann ihre globale Macht nur deshalb noch behaupten, weil die anderen Machtzentren der Welt ebenbürtig oder noch ärger verkommen sind.

Es geht keineswegs um einseitige Kritik an den USA und schon gar nicht um Antiamerikanismus, sondern um die Verwirklichung von Demokratie und Menschenrechten.
Wenn die so abgewirtschafteten USA weiterhin und gewohnheitsmäßig als "Musterland der Demokratie" gehandelt werden, dann steht die Menschheit vor einem Scherbenhaufen aufklärerischer Bemühungen, hervorgerufen durch eine niederschmetternde Volksverblödung auf allen Ebenen.


Nachzulesen auch unter (Link unterdrückt)

Die US-Wahl, oder:
Ene mene Miste, es rappelt in der Kiste!

Wer hofft, muss nicht harren.

Genau. Die Hoffnung stirbt zuletzt!

Doch: Hoffen und Harren macht manchen zum Narren!


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