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10.11.2012
Kommentar
Maos Erben müssen liefern
KP-Parteitag in China
VON JOHANN VOLLMER

Die Weltreiche stellen sich neu auf. Innerhalb eines Jahres haben Russland und die USA ihre Führungsspitzen zur Wahl gestellt – scheindemokratisch in Moskau, lobbyfinanziert in Washington. Nun zieht China nach, freilich ohne das eigene Volk zu befragen. Doch der Umbruch im Reich der Mitte ist gewaltig. Nicht nur die Führungsspitze räumt ihre Sitze, bis hinunter zum Ortsvorsteher müssen alle, die vor 1944 geboren wurden, Platz für den Parteinachwuchs machen. An der Spitze soll Xi Jinping China zur Weltmacht führen. Kein Wahlkampf, keine Öffentlichkeit. Und der Westen fragt sich nicht zum ersten Mal bei einem Machtwechsel in Peking: Xi wer?

Die Undurchsichtigkeit der Kommunistischen Partei (KP) befeuert die internationale Chinaphobie. Die Parteikader wirken austauschbar, niemand weiß, wer die Fäden zieht. Der US-Wahlkampf hat gezeigt, wie sehr vor allem Amerika eine neue Supermacht fürchtet. Schon heute ist China die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, der größte Gläubiger der USA, der lebenserhaltende Tropf einer krisengeschüttelten europäischen Wirtschaft und die einflussreichste Macht auf dem bedeutenden Rohstoffmarkt Afrikas. Das 21. Jahrhundert, so scheint es, wird chinarot.


Doch der unaufhaltsame Aufstieg Chinas ist kein reibungsloser Selbstläufer. Nie befand sich die KP in einer solchen Legitimationskrise wie zurzeit. Milliardenschwere Korruptionsskandale bis hoch in die Parteispitze erschüttern das Land, protzende Unternehmer und dramatische Umweltverschmutzung lassen den Glauben an einen "Sozialismus chinesischer Prägung" schwinden. Ein Zukunftsversprechen, das über Reichtum für alle hinausgeht, hat die KP derzeit nicht. Und die Geister des Turbokapitalismus, die sie gerufen hat, wird sie nun nicht mehr los.

Inzwischen haben die Chinesen mehr zu verlieren als ihr Leben. Es reicht nicht mehr, nur den Hunger, der unter Mao Millionen Chinesen den Tod gebracht hat, besiegt zu haben. Mit einer prosperierenden Mittelschicht, die sich Chinas Führung so sehnlich gewünscht hat, entstehen aber nicht nur Konsumbedürfnisse, sondern auch die Forderung nach Rechtssicherheit, Einkommensgerechtigkeit, Bildungschancen und am Ende Meinungsfreiheit. 180.000 größere und kleinere Proteste jährlich zählt das Land bereits. Chinas KP ist eine Gefangene ihres eigenen Wachstumsmodells geworden. Sie muss liefern, um an der Macht zu bleiben.

Darf man als demokratischer Europäer der KP Glück wünschen? Man darf. Denn was ist die Alternative? Ein Zerfall des Riesenreiches würde nicht der Demokratie, sondern einer Oligarchie der Marke Russland das Tor öffnen. China hat 500 Millionen Menschen aus der Armut geholt, eine beispiellose Leistung. Und die bislang real unerfüllte Parteidoktrin der "harmonischen Gesellschaft" ist von dem, was wir soziale Marktwirtschaft nennen, gar nicht so weit entfernt. Wenn die KP den Mut zum Wandel hat, hat sie das Zeug zur "Supermacht chinesischer Prägung". Ohne dass sich der Westen fürchten müsste.

Mail an den Autor: johann.vollmer@ihr-kommentar.de

Kommentare
Kein westlicher Beobachter kann sich wirklich in die Denk- und Handlungsweise eines kommunistischen Staates hinein denken. Selbst dann nicht, wenn er Jahre dort gelebt hat. Wenn dann noch der Versuch gestartet wird mit derart jungen unerfahrenen Jahren eine Einschätzung abzuliefern, dann kann das nur, wie im hier vorliegenden Fall, daneben gehen.

Dazu ein prägnantes Beispiel: Gerd Ruge hat über sehr viele Jahre Russland aus allen möglichen Winkeln und Ansichten beleuchtet. Doch er kam zu dem Schluß dieses Land nie wirklich kennenlernen zu können. Hut ab. Ein großes Wort eines kreuzgeraden Journalisten.

Wer hier dann nicht weiter duskutiert tut Gutes, denn auch sämtliche mögliche Diskutanten kennen dieses Land sicher nicht. Insofern ein weiser Entschluß.

Der Artikel ist gut und differenziert. Herr Vollmer wägt klug ab und kommt zu einem begründeten Schluss. Auf die differenzierte Argumentation gehen die beide Kritiker sicherheitshalber erst gar nicht vernünftig ein. "Klaus Hitges" diskutiert auch nicht, ob es überhaupt eine Alternative zum "Glück wünschen" gibt. Und die heutigen Chinesen einfach noch als "Kommunisten" anzusehen, zeugt von null Ahnung, aber grandiosen Vorurteilen. Könnte es sein, dass von beiden gar nicht wirklich verstanden worden ist, was Herr Vollmer schreibt und sagen will?

"Supermacht chinesischer Prägung"
selten so einen "bescheidenen" artikel gelesen, und dies ist keineswegs eine stilkritik sondern rein inhaltlich gemeint.
"Der US-Wahlkampf hat gezeigt, wie sehr vor allem Amerika eine neue Supermacht fürchtet." woran macht der verfasser denn das genau fest?

"Schon heute ist China die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt," das ist ohnehin der größte schwindel der neuzeit, wer chinesischen zahlen traut der glaubt auch an den oft metaphorisch beschriebenen "Drachen" der ja gern als symbol für china sprachlich positioniert wird. china ist nichteinmal in den top 100 wenn man bestimmte nicht unerhebliche wirtschaftliche faktoren einmal mit einbezieht und vorallem einmal wagt, hinter die zahlen zu sehen, die vom zentral komitee ausgeteilt werden! sofern man sich einmal die mühe machen mag, soetwas sorgfältig zusammenzustragen, abzugleichen und entsprechend einzuordnen. aber soetwas wird dieser tage in deutschland ja ohnehin kaum noch betrieben, es wird kritisiert um der kritik wegen (ein segen der im übrigen verschwinden würde, sobald sich das hierzulande oft so hochgejubelte china wirklich an die internationale pole position setzen würde!), und vorallem nimmt man es nichtmehr so genau und repliziert,retuschiert und käut das ganze dann wieder. ist bei herrn vollmer die "mao" verehrung schon (...) fortgeschritten frage ich mich angesichts eines solchen artikels!? wo hat man diesen jungen mann bloß her, und viel wichtiger, wer hat es zu verantworten das er öffentlich in einer eher größeren zeitung schreiben darf!!!?

"Ein Demokrat lebt politisch mit hoch erhobenem Haupt und um daran nicht zu leiden wird er einem Kommunisten niemals Glück wünschen" (Helmut Schmidt, 1981).

Stimmt '81 wie heute. Was sagt Herrn Vollmer das?


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