Schrift

09.12.2012
Kommentar
Tiefe Wurzeln

Das Hauptwerk des berühmten Soziologen Norbert Elias trägt den Titel "Über den Prozess der Zivilisation". Es ist im Jahr 1939 erstmals erschienen. Untersucht wurde darin der Wandel der Persönlichkeitsstrukturen in Westeuropa von etwa 800 bis 1900 nach Christus.

Elias zog noch ein positives Fazit zur Entwicklung des Menschen. Weil die gegenseitigen Abhängigkeiten im Laufe der Geschichte zunähmen, seien die Individuen immer stärker zur Affektkontrolle und Selbstdisziplin gezwungen. Spontane emotionale Impulse würden stärker im Zaum gehalten. Scham- und Peinlichkeitsschwellen hätten sich entwickelt, die Gewaltbereitschaft gegenüber Mitgliedern der eigenen Gesellschaft sei im Laufe der Jahrhunderte deutlich gesunken.


Norbert Elias ist 1990 gestorben. Wie würde seine Meinung zur Gewalt wohl heute ausfallen, wenn er seine Theorie einem Praxistest unterzöge? Das wissen wir nicht. Schon auf den ersten Blick ist aber festzustellen, dass die Aggressionen auch in der vermeintlich zivilisierten westlichen Welt keineswegs wirksam unterdrückt, geschweige denn gestoppt sind. Nahezu täglich gibt es Meldungen von gefährlichen Übergriffen und Attacken. Sei es in der U- Bahn, auf den Sportplätzen, bei Feiern, in Familien oder anlässlich von Demonstrationen: Schon aus geringfügigen Anlässen rasten die Menschen heutzutage aus und fügen ihren Opfern fürchterliche, häufig sogar tödliche Verletzungen zu.

So sorgte in den vergangenen Tagen ein Fall in Holland für Aufsehen, nachdem dort mehrere Jugendliche bei einem Fußballspiel einen Linienrichter wegen einer angeblichen Fehlentscheidung zu Tode geprügelt hatten. Ähnliche Exzesse, die gottlob und nur durch Zufall nicht tödlich endeten, sind in der jüngeren Vergangenheit auch in der Region im Zusammenhang mit Sportereignissen mehrfach passiert. Im Bereich des Profifußballs werden gerade auf höchster Ebene Konzepte gegen die Gewalt diskutiert. Gerade im Zusammenhang mit dem Sport schlagen die Emotionen besonders hoch. Es fehlt der gegenseitige Respekt, die Hemmschwellen sind bei einigen Fans gesunken.

Viele Bürger fordern schnelles Handeln, härteres polizeiliches Durchgreifen und schärfere Strafen. Zu befürchten ist aber, dass das allein nicht besonders viel hilft. Denn die Gewalt hat nicht nur mit individuellen Schwächen, Fehlern oder gar kriminellen Einstellungen und Haltungen zu tun. Sie wurzelt auch tief in den gesellschaftlichen Verhältnissen.

Ausgrenzung, Arbeitslosigkeit, Sinnleere, Medienkonsum, Individualisierung, Zerfall von Bindungen – all das erzeugt vor allem bei vielen jungen Menschen Frustrationen und Aggressionen. Für die Täter soll und kann das zwar kein Freibrief sein. Aber es ist eine Erklärung dafür, dass sich inmitten der Zivilisation viel zu oft barbarische Dinge abspielen. Die moderne Gesellschaft muss mehr in Bildung, Verteilungsgerechtigkeit, Integration und Prävention investieren. Ansonsten könnten am Ende die destruktiven Elemente obsiegen.

Mail an den Autor: hubertus.gaertner@ihr-kommentar.de

Kommentare
@Christian W.: Ich denke, Herr Gärtner hat z.T. recht, mit dem was er schreibt. Was heißt denn schon ein Anwalts-Sohn aus "gutem Hause"? Wo waren denn seine Eltern, als dieses Kind klein war? Welche Werte haben sie ihm vermittelt? Eher keine, weil sie vermutlich beruflicher Karierren mehr Zeit schenkten als dem eigenen Kind. Da liegt in unsere Gesellschaft das Übel. Aber man muß sich darüber im Klaren sein,wenn man Kinder in die Welt setzt, trägt man Verantwortung und die kann man nicht mit dem Geldbeutel erfüllen. In unserer Gesellschaft wird es immer eisiger. Aber jeder weiß es, nur es tut keiner etwas dagegen. Wir bauen lieber Kita's, damit auch die unter 3jährigen "versorgt" werden. Das ist keine Lösung, das endet in naher Zukunft noch mehr in einer Katastrophe. Eltern haben keine Zeit für ihre Kinder, wissen u.U. nichts von deren Freundeskreisen und glauben, ein gutes Taschengeld regelt alles. Soziales Verhalten erfordert von einer Gesellschaft das Hinsehen und Eingreifen, wenn etwas aus dem Ruder läuft. Arbeitslose müssen auch nicht ausgegrenzt sein, dafür sorgen sie selber, wenn sie keine Kontakte pflegen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der nur noch zählt, wer Geld hat. Andere Werte fallen unter den Tisch. Geht man mal mit offenen Augen durchs Leben sieht man täglich Dinge, die man ändern könnte bzw. ändern müßte. Alleine die Rücksichtslosigkeit im täglichen Umgang könnten Bücher füllen, angefangen von dem unsäglichen Umfang mit Handys an allen Orten. Aber damit macht man sich wahrscheinlich bei den Benutzern unbeliebt, weil die sich damit "cool" finden. Oder Autofahrer, die ihr Autoradio so laut anhaben, daß ein ganzer Stadtteil beschallt wird. Raucher, die ihre Kippen einfach hinschmeißen, wo sie wollen. Kinder, die neben lärmresistenten Müttern kreischen. Radfahrer, die sich rücksichtslos im öffentlichen Bereich verhalten, usw. Die Liste wäre ellenlang und jeder würde den einzelnen Punkten zustimmen. Nur wenn sie es dann umsetzen sollen, dann wird gekniffen. Es gilt nur noch die "Spaßgesellschaft", "Party machen" und wir wundern uns dann über das Verhalten einer solchen Gesellschaft? Ein Teil dieser Gesellschaft trägt dafür ganz alleine die Verantwortung. Aber es ist der Teil, der dann beim Vorhalten des Spiegels am lautesten schreit. Es bedarf keiner neuen Regeln und keiner neuen Gesetze, die die da sind, müssen nur eingehalten werden, dann klappt es auch im Umgang miteinander.

Herr Gärtner, ich denke, Sie machen es sich zu einfach, und begeben sich zusätzlich auf gefährliches Gebiet! Denn mit Ihrem letzten Absatz tun Sie genau das, was Sie angeblich nicht tun wollten... Sie "erklären" das Handeln, und stellen sehrwohl einen Freibrief aus!
Wenn Ihre Theorien stimmen, wie kann es dann sein, dass der U-Bahn-Schläger, der kürzlich in Berlin verurteilt wurde, Anwalts-Sohn aus sehr gutem Hause war? Erfolgreich in der Schule, großer Freundeskreis?
Und auch bei den von Ihnen bemühten gewalttätigen Fußball-Fans handelt es sich nicht ausschließlich um ausgegrenzte Arbeitslose!
Wobei ich es auch für sehr fragwürdig halte, dass Sie sich mit Ihren Erkärungsversuchen auf eine Stufe mit dem anerkannten Fachmann Norbert Elias stellen wollen! (...)

Si tacuisses...
Banalitäten pseudo-akademisch lackiert und als Leitartikel verkleidet.


WAS MEINEN SIE? SCHREIBEN SIE IHRE MEINUNG



Sicherheitscode:

Bitte geben Sie oben
stehenden Code hier ein*:


*Pflichtfelder




Das könnte Sie auch interessieren
Kommentar
Große Erwartungen
Bertelsmanns Millionen-Investition in den Online-Bildungsanbieter Relias Learning kommentiert Stefan Schelp, Leiter der Wirtschaftsredaktion. mehr




Anzeige

Nachrichten
EU-Staaten verhandeln über Klima-Kompromiss
Brüssel - Unmittelbar vor Beginn des Brüsseler EU-Gipfels versuchen die 28 EU-Staaten, letzte Stolpersteine bei ihrem ehrgeizigen Klima- und... mehr

IS startet Großoffensive auf Kobane
Kobane/Erbil - Im Kampf um das syrische Kobane haben die Dschihadisten des Islamischen Staates (IS) kurz vor dem Eintreffen kurdischer Verstärkung aus... mehr

Länder fordern Geld vom Bund zur Versorgung von Flüchtlingen
Berlin - Die Länder verlangen vom Bund mehr Hilfe bei der Versorgung der wachsenden Zahl von Flüchtlingen in Deutschland. Vor einem Treffen beider... mehr

Greenpeace findet gefährliche Chemikalien in Kinderkleidung
Hamburg - Bei der Untersuchung von Kinderkleidung und Kinderschuhen von Discountern hat die Umweltschutzorganisation Greenpeace gefährliche... mehr

Viele billige Auto-Kindersitze fallen im ADAC-Test durch
München - Günstige Auto-Kindersitze aus dem Internet sind nach Angaben des Automobilclubs ADAC und der Stiftung Warentest oft unsicher. Bei einem Test... mehr


Anzeige



Jobs bei der NW


Zeitungsdruck Rotationsdruck Rheinisches Format   NW Logistik