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18.12.2012
Kommentar
Unterlassene Hilfeleistung
Amoklauf in den USA
VON DIRK HAUTKAPP

Nach jedem Blutrausch das gleiche makabre Ritual: Amerika blickt im Fernsehen in die Gesichter der am Boden zerstörten Angehörigen. Reporter befeuern Mitleid. Politiker äußern Trauer und Entsetzen. Am Ende lässt der Mann im Weißen Haus halbmast flaggen, geißelt die sinnlose Gewalt, wirbt um Rückbesinnung auf amerikanische Werte – bis zum nächsten Amoklauf. Echtes Innehalten, spürbare Gegenmaßnahmen: Fehlanzeige.

Die Hasenfüßigkeit der Politik gegenüber der Waffenlobby erhält jedes Mal den Status quo. Mehr noch: Die Angst vor jenen, die damit drohen, den bis zur Unkenntlichkeit verbogenen Mythos von "Freiheit gleich Waffenbesitz" an der Wahlurne bis zur letzten Patrone zu verteidigen, hat zu einer Realitätsverdrängung geführt, die beispiellos ist unter zivilisierten Industrienationen. Kanada und Australien haben nach Katastrophen wie der in Newtown entschlossen gehandelt und einen spürbaren Rückgang bei den Todeszahlen erreicht. Amerika findet sich damit ab, dass pro Jahr Zehntausende durch Schusswaffengewalt sterben.

Warum das so ist? Weil es in Amerika unter dem Strich immer noch leichter ist, legal ein halbautomatisches Mordwerkzeug zu erwerben, als eine Kreditkarte zu bekommen oder einen Mietvertrag. Ein grotesk überreguliertes Land leistet sich ausgerechnet Laisser-faire, wenn es um Leben und Tod geht. Wie lange noch?

Dass die Genug-ist-genug-Rufe seit Newtown lauter als sonst klingen, dass sich Politiker aus der Ecke wagen, die in anderen Fällen die Augen vor der Katastrophe verschlossen hielten, ist allein der Zahl und dem Alter der Opfer geschuldet. Nicht den Ursachen einer durch und durch gewalttätigen Gesellschaft, die an ihrer Militanz langsam erstickt. Schon ab heute werden die Waffenverkäufe wieder landesweit nach oben schnellen. Aus Angst, Washington könnte doch Ernst machen und den Waffenverkauf reglementieren.

Vor der Wahl hätte sich Obama mit einer entschlossenen Strategie für weniger Waffen ins Knie geschossen und seinem Widersacher Mitt Romney den Sieg verschafft. Jetzt, ohne Wiederwahlsorgen, gibt es keinen Grund mehr für Passivität, Wegducken und Durchwursteln.

Mag sein, dass die Verfassung jedem Staatsbürger das Grundrecht zugesteht, "Waffen zu tragen und zu besitzen". Mag sein, dass die Hälfte der Amerikaner trotz aller Amokläufe schärfere Waffengesetze ablehnt. Führungskraft beweist sich, indem man das Richtige tut, wenn der Wind von vorne weht.

Bis 2004 waren halbautomatische Gewehre verboten, und in den Magazinen durften maximal zehn Schuss sein. Diesen Bann schnellstens wieder gesetzlich in Kraft zu setzen und die Hürden für den Waffenerwerb drastisch nach oben zu schrauben ist das Mindeste, was ein verantwortungsvoller Kongress zu tun hat.

Besonnenen Waffenbesitzern, die über die Mündung ihres Pistolenlaufs hinausschauen können, müsste das einleuchten. Alles andere ist unterlassene Hilfeleistung.

Mail an den Autor: dirk.hautkapp@ihr-kommentar.de

Kommentare
@ Lincoln Broderick
Ihr - erst nach zehnmaligem Lesen einigermaßen verständlicher - Kommentar zeigt:
Wer so jault wie Sie, ist im Unrecht.

@bermbeck&texmex

auch eine spezialität dinge frei rein-und umzuinterpretieren, ganz so wie sie einem selbst am bekömmlichsten. "waffen für alle", steht wo nochmal in meinem vorigen kommentar? stupide und uninformierte wetterei ganz auf der schlichten "höhe" dieses artikels. sie sind scheinbar bestens vertreten von den ansichten des verfassers, sie dürfen gern ihre rechte an eine höhere instanz abtreten, die dann für sie entscheidet was "das richtige" ist, so wie es herr hautkapp mehr oder minder vorschlägt. wie sie , herr/frau bermbeck die passage "verschwindend geringe bevölkerung" verstanden haben, zeigt das sie nicht sorgfältig genug gelesen haben, vermutlich wollten sie das auch garnicht, sonst hätten sie verstanden wie das gemeint war. im übrigen wurde in dieser republik schon sehr viel überproportionaler gezielt an der dezimierung bestimmter bevölkerungsgruppen gearbeitet, also hüten sie sich davor mit der moral keule zu schwingen. and btw. texmex, howdy back at you, but can you imagine.... i'm not an American! ich bin mündiger deutscher staatsbürger, geboren und aufgewachsen hier, ich habe mich jedoch selbst dazu befähigt, auch mal über den tellerrand hinaus zu blicken, ob sie es glauben oder nicht. auch leider allzu bezeichnend, das man direkt meint, das jemand ja "von der anderen seite" quasi "feindlicher agent" sein muss, sofern er wagt nicht nur stets ausschließlich in die richtung zu kritisieren, die grad salonfähig scheint. beste grüße und viel erfolg in deutschland, es gibt viel zu tun hier für uns in zukunft.

...selbst wenn die Amis jetzt ihre Gesetze ändern sollten, schafft das wohl kaum die vorhandenen Waffen ab. Zudem sind die ja nunmal auc nicht blöd: Bevor neue Gesetze kommen, wird sich noch ordentlich mit neuen Waffen und vor allem Munition eingedeckt. Nach einer Gesetzesänderung ist das dann zwar alles illegal, aber das juckt da keine müde Maus.

@ Lincoln Broderick
Ja, so sind sie, die Amerikaner. Sie haben den Schuß noch immer nicht gehört. Weiter so mit dem "Waffen für Alle", dann sind auch die USA ein Land mit "einer verschwindend geringen bevölkerung in den meisten teilen".

Sehr guter Kommentar. Welches zivilisierte Land gestattet seinen Bürgern solch unbeschränkten Zugang zu Waffen außer den USA? Mir fällt da keins ein. Aber die USA meinen ja, ein Monopol auf Waffen und deren Gebrauch - sei es privat oder global - zu haben.



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