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23.12.2012
KOMMENTAR
Ein Makel
Armenhaus Nordrhein-Westfalen
VON FLORIAN PFITZNER

Florian Pfitzner

In ihrer Antrittsrede hat sie das Thema direkt zur Chefinnensache erklärt. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sagte der Armut vor vier Monaten den Kampf an, indem sie ihr vertrautes Mantra zur Vision des rot-grünen Bündnisses erhob: Düsseldorfs Koalitionäre müssten häufiger vorausschauend handeln und am Ende jedes Kind an die Hand nehmen. Kurz bevor die Christenheit die Geburt des Heilands feiert, rufen einem nun die Sozialverbände die Mühsal dieser Aufgabe mit Wucht ins Gedächtnis.

Deutschland ist eine der wohlhabendsten Nationen der Welt, die Arbeitslosenquote sinkt. Und dennoch besteht eine hohe Gefahr zu verarmen, wenn auch relativ. Wie der Paritätische Wohlfahrtsverband in dieser Woche mitteilte, ist fast jeder siebte Einwohner von Armut bedroht, die Not ballt sich vor allem im Ruhrgebiet. In NRW habe sich der negative Trend nicht nur fortgesetzt, sondern bedenklich verschlechtert, sagte Verbandschef Ulrich Schneider. In einzelnen Städten ist eine immense Dramatik zu erkennen. In Dortmund stieg die Gefahr zu verarmen seit 2005 um 30 Prozent, in Duisburg um 45 Prozent und in Essen um satte 57 Prozent. Im Land des Jobwunders bleiben Millionen Menschen vom Aufschwung der vergangenen drei Jahre abgehängt. Das ist ein herber Makel für NRW und die Bundesrepublik.


Arm sind vor allem die Jungen, Kinder von Alleinerziehenden und Einwanderern. Bei ihnen und ihren Eltern ist das Risiko, "hartzen" zu müssen, besonders hoch. Kinder wachsen in emotionalen Krisenherden auf. "Einmal unten – immer unten" ist hierzulande eine häufig zutreffende Formel. Kaum eine Gesellschaft in der industrialisierten Welt ist sozial derart starr wie die deutsche, zeigt eine Studie der Heinrich-Böll-Stiftung. Überdies sind zahlreiche Jobs inzwischen so schlecht bezahlt, dass sich Niedriglöhner ebenfalls als arm bezeichnen müssen.

Doch "arm" und "reich" sind auch politische Kampfbegriffe; in Deutschland reduzieren sie Sozialfragen allein auf einen Aspekt: die Höhe des Nettoeinkommens. Dabei ist das wahre Elend die Armut im Geiste. Weitaus bedrückender als das leere Portemonnaie ist die düstere Perspektive, ausgeschlossen zu sein, fern der Aussicht, irgendwann einmal den sozialen Anschluss wiederzufinden.

Es ist eine triviale Erkenntnis, dass Bildungsarmut der entscheidende Nachteil der Unterschicht ist. Und trotzdem scheint sie nicht überall durchzudringen. Während sich die Bundesregierung mit Diskussionen über Zuschussrente, Betreuungsgeld und Lohnuntergrenzen verzettelt, hat NRW trotz aller Unkenrufe über die "Wohlfühlversprechen" der rot-grünen Landesregierung verstanden, wo der Hebel anzusetzen ist.

Allein der desolate Landesetat lässt den Koalitionären derzeit kaum finanziellen Spielraum, um weitsichtige Präventionspolitik zu betreiben. Ihr Kabinett habe den Mut, über Wahlperioden hinauszudenken, sagte Kraft. Fünf Jahre werden in der Tat kaum reichen, um ihre Vision mit Leben zu füllen.

Mail an den Autor: florian.pfitzner@ihr-kommentar.de

Kommentare
Herr Florian Pfitzner sollte vielleicht erwaehnen, dass Landesregierung Rot-Gruen in NRW unter Frau Kraft nicht erst seit 4 Monaten besteht, sondern seit 2,5 Jahren. Man hatte also bereits genug Zeit etwas zu bewegen, stattdessen gab es nur Bewegung auf den Bankkonten der Abgeordneten, die sich 500 Euro mehr an Diaeten genehmigten. Aber was nuetzt mir die Zeit, wenn die Kompetenz nicht vorhanden ist.

Bestes Beispiel Bremen. Seit 1945 ohne Unterbrechung von der SPD regiert, ist Bremen laut Armutsbericht 2012 auf dem letzten Platz. Platz 15 und 14 sind ebenfalls seit Jahren SPD regiert.

Lincoln hat völlig Recht. Die Arbeitslosenzahl ist doch komplett geschönt. An unserem Bildungssystem sollte man arbeiten. Denn da fängt es mit dem Einstieg in das spätere Berufsleben an. Überfüllte Klassen, in denen die Lehrer sich nicht einmal alle Namen merken können, weil es zuviele Kinder sind und ein Klassenlehrer nur für kurze Zeit eine Klasse betreut, ist eine schlechte Voraussetzung. Hier sollte man den Hebel mit ansetzen. In meiner Zeit hat uns unsere Klassenleiterin 5 Jahre begleitet und war immer für uns da. Auch für die Schwächeren. Ebenso in der Grundschulzeit. Je größer eine Schule oder Klasse, desto unübersichtlicher und unpersönlicher wird es. Weiterhin sehe ich das Problem auch in der Leiharbeit. Leiharbeit hat sich hierzulande soweit eingespielt, das der eigentliche Hintergrund und Sinn einer Leiharbeit verloren gegangen ist. Nämlich kleine Engpässe zu überbrücken. Aus kurzer Zeit werden oft Jahre. Das wird von vielen Arbeitgebern ausgenutzt. Hier werden Menschen um Ihre Arbeitskraft betrogen. Mindestlohn 8,50€ bei bezahlten 35 Std pro Woche. Das ist ein Witz. Auch da sollte man meiner Meinung nach, eine Regelung finden. Nämlich gleiches Gehalt, wie Festangestellte es bekommen. Nur so ist auch eine Kaufkraft da und der Staat kann Steuern einnehmen um diese zum Beispiel in Schulbildung usw. zu investieren. Bitte Korrigiert mich, wenn ich es falsch sehe..... Ich hoffe das Hannelore Kraft hier Verbesserungen bewirken/durchsetzen kann.

"jobwunder" "aufschwung" alles fabelbegriffe die kaum bis garnicht mit der realität in diesem lande korrespondieren. auch die "sinkende arbeitslosigkeit" ist nicht aussagekräftig weil sie ohnehin hauptsächlich nur durch "statistische kreativität" zu stande kommt, als denn durch wirkliche entstehung auskömmlicher und dauerhafter beschäftigungsverhältnisse der bürger in diesem land. in der DDR herrschte auch stets vollbeschäftigung, nicht wahr!??


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