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25.03.2013
Kommentar
Sachlich, aber hart bleiben
Zyperns Absturz
VON CARSTEN HEIL

Carsten Heil

Verhaltensforscher wissen es längst: Die überwiegende Mehrheit aller von Menschen getroffenen Entscheidungen werden aus dem Bauch heraus, also entsprechend den Emotionen gefällt. Nur ein kleiner Teil basiert wirklich auf rationalen, vernünftigen Erwägungen. Dabei halten sich die Menschen häufig für ausschließlich vernunftgesteuert. Ein Irrtum.

Was im Kleinen gilt, beim Kauf eines Schokoriegels oder eines Staubsaugers zum Beispiel, ist im Großen nicht viel anders: In der Zypern-Krise sind mehr Emotionen im Spiel als sachliches Abwägen. Im zyprischen Parlament war in dieser Woche viel von "Ehre" zu hören. Und, dass man lieber untergehe, als vor Europa zu Kreuze zu kriechen. Das hat mit Vernunft gar nichts mehr zu tun. Denn die Folgen dieser Entscheidung – sollte sie denn Bestand haben – führt zum Totalverlust von Guthaben, von denen die EU lediglich knapp sieben bzw. knapp zehn Prozent gefordert hatte. Jeder vernünftig handelnde Mensch gäbe lieber zehn Prozent seines Vermögens ab als hundert. Auf Zypern ist die Stimmung aber so aufgeheizt, dass dieses vernünftige Argument gar nicht mehr gehört wird.

Kein Wunder, dass auch in den Geberländern die Wut wächst, nicht die Vernunft. Denn längst werden deutsche Sparer und Steuerzahler auch direkt für die Hilfsaktionen zu Gunsten Griechenlands und Spaniens herangezogen. Es wird nur nicht ausdrücklich so genannt. Der extrem niedrige Zinssatz auf Guthaben in Deutschland bei höherer Inflation nagt an den Vermögen im Lande.

Natürlich geht es den Zyprern, die vor geschlossenen Banken stehen, die nicht mehr an ihr Geld kommen, schlechter als den deutschen Sparern. Aber warum soll der deutsche, österreichische, finnische und niederländische Sparer die Zeche der Zyprer zahlen, wenn die sich nicht mal angemessen beteiligen wollen? Und die sogar russische und britische Großanleger schonen wollen?

Der Vorschlag, nun auch die zyprischen Rentenkassen hinzuzuziehen ist indes nur noch dreist. Statt der wohlhabenden ausländischen Geldanleger in Zypern (was der EU-Plan war) werden die kleinen Rentner der Insel zur Kasse gebeten. Spätestens dieser Vorschlag ist der Beweis, dass die Mittelmeerinsel von einer korrupten, geldgierigen Elite beherrscht wird, die nicht zu Europa gehört. Dieses Zypern braucht Europa nicht. Zypern ist nicht "to big to fail". Eine Pleite Zyperns risse Europa nicht in den Abgrund.

Es wäre vielleicht sogar ein heilsames Erschrecken. So wie die Lehman-Brothers-Pleite 2008 deutlich gemacht hat, dass es in der Finanzwelt so nicht weitergehen kann. Ein krachendes Ende des zyprischen Bankensystems, das seit Jahren auf Kosten Europas lebt, wäre auch für Griechenland, Spanien und Italien ein Warnsignal: Wer über seine Verhältnisse lebt, bekommt ein Problem.

Europa ist extrem kostbar. Als Wirtschaftsgemeinschaft, aber auch als Werte- und Friedensgemeinschaft. Das dürfen ein paar Verwirrte in Nikosia nicht zerstören. Die EU muss sachlich und hart bleiben.

carsten.heil@ihr-kommentar.de

Kommentare
Es hilft nichts, sich darüber zu ärgern, das die "Zyprioten" verständlicherweise erst einmal defensiv und abwehrend reagieren. So ist nun einmal die menschliche Natur. Und das werden wir bald in Deutschland auch erleben. Diesen Sicherungsmechanismus hat die Evolution uns eingebaut. Aus diesem Grunde finde ich es unerträglich, dass mal wieder der Eindruck vermittelt werden soll, dass der Zypriot über seine Verhältnisse gelebt haben soll und dass für jeden Bürger die EU der Himmel auf Erden bedeutet. Paradiesische Zustände gibt es jedoch nur für die Finanzindustrie. Sie können Schrottpapiere erzeugen, was das Zeug hält, und nun wird fachlich: Sie bekommen immer neue Assets in die Hände, um neue Asset Backed Securities (ABS) auf den Markt zu werfen. Der Akteur sind nicht das "gemeine Fussvolk"!
Henry Ford hat einmal gesagt: " Eigentlich ist es gut, dass die Menschen unsere Banken- und Währungssysteme nicht verstehen. Würden sie es nämlich, so hätten wir eine Revolution morgen früh". Offensichtlich haben nicht nur die Griechen, sondern auch die Zyprioten und bald die Spanier und die Italiener usw. das Bankensystem langsam verstanden. Zu der Finanzwelt gehört auch die EZB. Sie haftet für die zypriotischen Staatsanleihen, die im grossen Stil bei de EZB hinterlegt worden sind. Würde Zypern Pleite gehen, wankt auch die EZB. Ein Drittel des Eigenkapitals der EZB sind zypriotische Staatsanleihen. Darum gibt es keinen Schuldenschnitt. Beim "Zypern-Deal" bleiben die zypriotischen Staatsanleihen aussen vor. Sie sind nicht vom "Haircut" betroffen. Verstanden?
Auch die Bond-Inhaber, und das ist nicht der zypriotische Durchschnittsbürger, von Banken-Anleihen, wird nichtzur Kasse gebeten. Zypern gehört der EZB. Nach Schätzungen beträgt das Eigenkapital der EZB 31 Mrd. Euro, gegenüber 12 Mrd. Euro zypriotischer Einlage.
Über Target 2 ist das auch ein Thema für die Bundesbank. Im Falle der Pleite Zyperns müssen die europäischen Staaten frisches Kapital in die EZB pumpen, d.h. für Deutschland ca. 3 Mrd. Euro.
Im Unterschied zu Target 2-Salden handelt man lieber mit realem Geld. Deshalb sind zypriotische Bankguthaben reales Geld und allemal besser als Staatsanleihen (nämlich Schrottpapiere) Inzwischen wissen Insider, dass in den vergangenen Wochen Mrd. Euro von zypriotischen Banken abgeflossen sind. Das ist nicht das Geld der kleinen Sparer.
Zum Abschluss noch eine Anmerkung zur beabsichtigen Kapitalverkehrskontrolle für Zypern. Es bedeutet wieder ein Rechtsbruch des europäischen Rechts. In den Verträgen von Maastricht ist dies ausdrückllich untersagt. Aber ein Rechtsbruch, dass kennen wir schon, ist besser zu vertreten, als das Zerbechen des Euro.

Sehr treffender Kommentar, Herr Heil.

Zitat:"Wer über seine Verhältnisse lebt, bekommt ein Problem."

Ein Problem, was die Deutschen und anderen vernuenftig wirtschaftenden Laender zu loesen haben, wenn es nach dem Willen der demokratisch gewaehlten EU-Dikatoren geht.

Zyprioten sind letztendlich Griechen. Es scheint anscheinend kein laenderspezifisches, sondern ein volksspezifisches Problem zu sein, dass viele dieser Menschen ueber ihre Verhaeltnisse leben, keine Steuern zahlen und auch sonst deutlich mehr nehmen als geben. Als Dank neigen die lokalen Medien und Politiker dazu unsere Kanzlerin in die Ecke von Hitler stellen, was dann das geplagte Volk aufnimmt wie ein trockener Schwamm.


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