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27.09.2009
Merkel möchte "Bundeskanzlerin aller Deutschen" sein
SPD muss bei Bundestagswahl historische Niederlage hinnehmen

Berlin (jov). Deutschland wird nach elf Jahren wieder von einer schwarz-gelben Koalition regiert. Bei der Bundestagswahl am Sonntag gelang es Union und FDP im vierten Anlauf seit dem Jahr 1998, gemeinsam die Macht im Bund zu erobern. Während die Union Hochrechnungen zufolge mit geringen Verlusten davonkam, mussten die Sozialdemokraten einen massiven Einbruch hinnehmen. Die SPD erzielte ihr schlechtestes Ergebnis seit Bestehen der Bundesrepublik. Klarer Gewinner der Wahl waren die Liberalen. Grüne und Linke konnten sich mit Zuwächsen klar behaupten.

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Union und FDP können nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis (3.42 Uhr) auf eine klare Mehrheit im Deutschen Bundestag setzen. CDU und CSU kommen demnach mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf 33,8 Prozent der Stimmen (2005: 35,2 Prozent). Die FDP schafft eine Steigerung auf 14,6 Prozent (2005: 9,8 Prozent).

Die Sozialdemokraten mit Spitzenkandidat Frank-Walter Steinmeier (SPD) an der Spitze verlieren deutlich und erreichen nur noch 23,0 Prozent (2005: 34,2 Prozent). Die Linkspartei legt der Prognose zufolge auf 11,9 Prozent der Stimmen (2005: 8,7 Prozent) zu. Die Grünen liegen bei 10,7 Prozent (2005: 8,1 Prozent).

Die Union erreicht unter Einbeziehung der Überhangmandate 239 Sitze (2005: 226 Sitze). Die meisten Überhangmandate wird die CDU nach bisherigen Hochrechnungen aus Baden-Württemberg erhalten. Die FDP kommt auf 93 Sitze (2005: 61). Schwarz-Gelb hätte damit 332 von 622 Sitzen. Die SPD kommt auf 146 Abgeordnete (2005: 222). Die Linke wird durch 76 Abgeordnete (2005: 54) vertreten, für die Grünen ziehen 68 Abgeordnete (2005: 51) in den Bundestag.

Angela Merkel
trat freudestrahlend vor ihre jubelnden Anhänger. Sie versprach: "Ich werde die Bundeskanzlerin aller Deutschen sein." Weiter sagte sie: "Ich glaube, dass wir heute Abend richtig ausgelassen feiern könne." Dann warte aber schnell wieder Arbeit "auf uns".

SPD-Spitzenkandidat Frank-Walter Steinmeier zeigte sich enttäuscht. Dieser Tag sei ein "bitterer Tag für die deutsche Sozialdemokratie" und eine "bittere Niederlage". Steinmeier kündigte an, dass er SPD-Fraktionschef im neuen Bundestag werden will. Er werde "nicht aus der Verantwortung fliehen" und als "Oppositionsführer" seinen Beitrag dazu leisten, "dass die SPD zu alter Stärke und neuer Kraft findet".

Machtkampf in der SPD ausgebrochen

Unterdessen kündigt sich in der SPD-Führung ein Machtkampf über den künftigen Parteivorsitzenden an. Nach der bitteren Niederlage der SPD bei der Bundestagswahl spricht sich der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) für personelle Konsequenzen an der Parteispitze aus. "Ich bin dafür, dass wir miteinander einen Vorschlag erarbeiten", sagte Beck dem Berliner "Tagesspiegel" (Montagausgabe) auf die Frage, ob SPD-Spitzenkandidat Frank-Walter Steinmeier den Vorsitz übernehmen sollte. Parteichef Franz Müntefering bekräftigte dagegen seine Bereitschaft, weiter im Amt zu bleiben.

Zur Bündnisfrage mit der Linken sagte Beck: "Für die Zukunft muss man sehen, wie die Linke sich weiter entwickelt." Beck sagte aber auch: "Ich hoffe und erwarte, dass es insgesamt in der Parteienlandschaft Bewegung geben wird. Und ich hoffe, dass wir das idiotische Lagerdenken überwinden."

Vertreter des SPD-"Netzwerks" von jüngeren Abgeordneten forderten, dass Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier neben dem Fraktionsvorsitz auch die SPD-Führung übernimmt. Dem Vernehmen nach warb der bisherige Umweltminister Sigmar Gabriel bei den Beratungen im hermetisch abgeriegelten Flügel der SPD-Zentrale für eine "Paketlösung" für die gesamte neue Führung. Die Parteilinke erklärte, derzeit sei ein von allen getragener mehrheitsfähiger neuer Kandidat für den SPD-Vorsitz nicht in Sicht. Eine Vorentscheidung über das weitere Vorgehen wird von der Sitzung der Landes- und Bezirksvorsitzenden am Montagabend in Berlin erwartet.

Die Sitzverteilung und weitere Stimmen aus Berlin - Klicken Sie sich durch.



Über 62 Millionen Wahlberechtigte waren aufgerufen, für die nächsten vier Jahre einen neuen Bundestag zu wählen. Es traten 27 Parteien und 3556 Kandidaten an, die um mindestens 598 Mandate kämpften.SPD-Chef Franz Müntefering sagte, er wolle "gemeinsam" mit Steinmeier die Partei weiter führen. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) forderte, seine Partei müsse nun "klar Profil entwickeln". Müntefering könne SPD-Chef bleiben.FDP-Chef Guido Westerwelle zeigte sich nach dem Rekordergebnis seiner Partei selbstbewusst: "Wir wollen jetzt Deutschland mitregieren". Der FDP-Vizechef Rainer Brüderle zeigte sich nach der Wahl hochzufrieden. Es sei das "beste Ergebnis in der Geschichte der FDP".Linksparteichef Oskar Lafontaine kündigte eine starke Opposition gegen die Mehrheit von CDU/CSU und FDP an. "Schwarz-Gelb ist viel schwächer als sie eigentlich glauben", sagte er. Nach dem schlechtesten Wahlergebnis der SPD bei Bundestagswahlen hält Linken-Fraktionschef Gregor Gysi eine Annäherung von Sozialdemokraten und Linken für eine realistische Option. "Ja, das ist durchaus möglich", sagte Gysi am Sonntagabend auf eine Frage in der ARD, ob sich die SPD nach ihrer historischen Pleite auf die Linke zubewege.Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast lobte das "beste Bundestagswahlergebnis, das die Grünen in ihrer Geschichte jemals hatten". Ihre Partei nehme dies nun als "Arbeitsauftrag" für die Opposition an. Künasts Partner im Grünen-Spitzenduo, Jürgen Trittin, kündigte an: "Wir werden Schwarz-Gelb vor uns her treiben."CSU-Chef Horst Seehofer will auch nach der erneuten Schlappe seiner Partei bei der Bundestagswahl weitermachen. "Ich werde alles tun für diese Partei und für dieses Land", sagte Seehofer am Sonntagabend im Bayerischen Fernsehen. Das Ergebnis der CSU, die laut Hochrechnung des Bayerischen Fernsehens auf 41,9 Prozent kommt, sei "enttäuschend".


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