Angesichts schnell aufkommender Rassismusvorwürfe und der noch jungen, auf tönernen Füßen stehenden deutschen Vergangenheitsbewältigung bin ich mir der Tragweite meiner Aussage bewusst, aber wie mich eigene schmerzliche Erfahrungen pseudoempirisch gelehrt haben, muss ich hiermit feststellen: Chinesen haben ein eingeschränktes Sehfeld. Soeben hat mich in Peking fast wieder ein Fahrradfahrer über den Haufen gefahren, obwohl es einer der wenigen Momente war, der ihm im hiesigen Großstadtdschungel ausreichende Ausweichmöglichkeiten bot.
Wie immer heißt die Devise: Schwammdrüber-Blues. Da es hier alte Menschen gibt, muss es logischerweise Wege geben, die einen in dieser Stadt überleben lassen. Chinas Alte sind zudem auffällig angenehm ins Familienleben eingebunden. Anders als bei uns, wo Rentner mit Kaffeekränzchen abgespeist werden, ist in China Sahnetorte nicht der Kitt, der die enttäuschten Alten noch an die Gesellschaft bindet.
Die Mauer sehen und sterben
So bin ich also in China ins Grübeln gekommen, woher die Lebensfreude im Alter kommen mag. Insgesamt erscheinen mir Chinas Alte im Vergleich rüstiger, obwohl die Lebenserwartung hier zehn Jahre niedriger ist. Vielleicht sind sie auch einfach wagemutiger, oder haben weniger besorgte Verwandte. In unserem System ist man ja gottlob noch nicht so hinter dem Erbe her.
Auf jeden Fall scheinen hier viele ältere Chinesen die Losung: "Die große Mauer sehen und sterben" wörtlich zu nehmen. Wer sich da noch alles auf Chinas erstes Weltwunder wagt, ist schon erstaunlich.
Drei Stunden nördlich von Peking kann man sich an einem für einige hundert Meter ordentlich restaurierten Stück der Hunnenabwehr vom Bus rausschmeißen lassen. Danach wird es unwegsam. Innerhalb von viereinhalb Stunden muss man bis Simatai kommen, sonst ist man den Geiern und Souvenirverkäufern hoffnungslos ausgesetzt.
Tauschhandel mit den Chinesen
Hinzu kommt, dass meinereiner ja von zwei wesentlichen Ängsten gepeinigt wird: Ein Diskussionsabend mit Lothar Matthäus und Höhe. Leider führt die Mauer über ziemlich hohe Berge, die im ganzen eigentlich nicht sehr verteidigungswürdig aussehen. An manchen Stellen hat sie eine Eigenhöhe von bis zu 16 Metern und vielfach weggebrochene Außenmauern. Nachdem man 30 zum Teil eingefallene Wachtürme passiert hat, sind die Beine wie Gummi. Aber man hat sich immerhin noch den Stolz bewahrt, nicht wie eine Gruppe übergewichtiger Amerikanerinnen auf die Dienste chinesischer Sherpas angewiesen gewesen zu sein.
Sportlich gesehen, als Touristenattraktion und für die Alterspyramide ist also eine Mauer eine Sache, die jedem Land gut zu Gesicht stehen würde. Vielleicht sollten wir, da wir diese Faktoren beim voreiligen Abriss der unsrigen völlig außer acht gelassen hatten, uns auf einen Tauschhandel mit den Chinesen einigen.
Die Gefahr lauert überall
Sie kriegen unseren Transrapid, weil es hier in China noch wirkliche Entfernungen gibt (sowie die Möglichkeit, hinderliche Wohngebiete und Schrebergärten umzusiedeln), und wir montieren ein paar der 6.200 km Mauer auf unsere Hügelketten. Und bei den neuen Gefahren der globalen Welt kann so ein Verteidigungswall auch wieder in Mode kommen.
Aus dem Westen die Schweinegrippe, aus dem Osten unsichere Gas-Lieferanten, aus dem Norden die kleine Eiszeit und aus dem Süden möchtegern Bundespolitiker. Es ist eine gefährliche Welt. Ich würde gerne sagen: Augen offen halten, aber angesichts schnell aufkommender Rassismusvorwürfe und der...
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