Wie wir alle wissen oder am eigenen Leib erfahren haben, gehen die meisten jungen Eltern ungeübt in die Kindererziehung. Da aber Chinesen nur ein Kind haben dürfen, muss es mit der Erziehung der kleinen Kaiser auf Anhieb klappen, weil man sich nicht wie bei uns einen missratenen Erstling leisten kann, der durch weitere Engelsgeschwister ausgeglichen wird.
Gottlob gibt es ein paar Grundwahrheiten, die sich trotz einer angeblichen weltweiten Wissensverdoppelung alle fünf Jahre niemals ändern. Deswegen steht auch der Struwwelpeter zurecht als kleines, kinderpsychologisch fein austariertes Lehrbeispiel für die Chinesen im Regal des Pekinger Goethe-Instituts. Wem schon als Kind die Distanz zu Messer, Gabel, Schere, Licht gepredigt worden ist, der kann erstens die neuen Sicherheitsbestimmungen in Flugzeugen mit Gelassenheit ertragen und sich zweitens besser mit der Tatsache abfinden, dass eine funktionierende Zwangsherrschaft nicht alles erlauben kann.
Beim Schielen bleiben die Augen stehen
Natürlich enthält der Struwwelpeter nicht ausreichend Verbote bereit, um Kinder in der heutigen Zeit vor der Verstümmelung oder dem frühzeitigen Ableben zu bewahren. Addiert werden müssen in jedem Falle die Erkenntnisse, dass eine Plastiktüte über dem Kopf unweigerlich zum Erstickungstod führt, dass beim Schielen die Augen stehen bleiben und dass eine heruntergeschluckte Fischgräte zwangsläufig in die Luftröhre gelangt und wiederum ein unschönes Ende hervorruft, das aus Peinlichkeit, seien wir ehrlich, auf keiner Traueranzeige der Welt Erwähnung finden würde.
Gerade diese letzte Grundwahrheit gerät aber trotz fester Überzeugung in meinem tiefsten Inneren erneut ins Wanken. Meine ersten Zweifel ergaben sich im zarten Alter von sieben Jahren bei einigen Reflexionen über Lyrik. Mein erstes Gedicht, das ich auswendig konnte – und daran sieht man, wie sehr die 68er den gutbürgerlichen Bildungskanon vernachlässigt haben – war ein kleiner Sechszeiler eines von mir sehr verehrten und heute in Vergessenheit geratenen Conférenciers der 50er Jahre namens Heinz Erhardt:
"Das Meer ist weit, das Meer ist blau / im Wasser schwimmt ein Kabeljau / da kommt ein Hai von ungefähr / ob rechts ob links, ich weiß nicht mehr / verschlingt den Fisch mit Haut und Haar / das ist zwar traurig, aber wahr." Naturwissenschaftlich erklärt kann ein Hai wegen der fehlenden Luftröhre natürlich bedenkenlos eine Fischgräte verschlucken, was ich als junger Spund noch nicht wusste.
In China schwimmen Fische mit dem Bauch nach unten
Nun aber beweisen mir die Chinesen, dass auch der Mensch eine Fischgräte überleben kann. Meine Freundin Anja und ich waren in Peking in einem Fischrestaurant. Anders als bei uns erkennt man diese nicht am Geruch, sondern an den großen Salz- und Süßwasseraquarien, die an der Seite aufgebaut sind. Da schwimmt alles, was im Meer so kreucht und fleucht: Fische, Seesterne, Muscheln, Schalentiere, Tiere ohne Schale, Urzeittiere (und nichts davon ist Deko). Alles schwamm mit dem Bauch nach unten, was uns schließlich überzeugte.
Wir haben uns zwei mittelgroße Fische ausgesucht, woraufhin die Kellnerin meinte, dass einer sicher ausreichend wäre. Die Erklärung ergab sich erst nach dem Essen. Nachdem wir unsere Fische sorgsam nach allem essbaren abgesucht hatten und satt und sehr zufrieden in die Umgebung schauten, mussten wir feststellen, dass Chinesen den Fisch eben mit Haut und Haar essen, und daher ein Fisch für zwei Personen ausreichend ist. Kopf und Flosse sind große Delikatessen.
Tipp für Käpt`n Iglo
Getrocknete Fischgräten, Haifischflossen und Garnelenschalen kann man zudem auf den Märkten als feierabendlichen Knabberspaß säckeweise kaufen. Das so zugeführte Calcium machen Osteoporose für Chinesen nicht nur zu einem unaussprechlichen Wort, sondern zu einer gänzlich unbekannten Krankheit.
Wir, festgefahren im europäischen Essenstrott, werden sicherlich unsere Gewohnheiten diesbezüglich nicht mehr ändern können, aber für Experimente kriegt man ja schließlich Kinder. Iglo-Fischstäbchen gehören also wegen der Volksgesundheit auf den Index oder müssen in Zukunft mit Gräten ausgeliefert werden. Dass Kinder den Teller leer essen müssen, beweist uns ja der Struwwelpeter. Ansonsten bleibt für den moralischen Druck altbewährt immer noch der Verweis auf Afrika.
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