Es ist zugegebenermaßen schon ein Weilchen her, dass der Europäer dem Schwarzafrikaner in der Kolonialbewegung nur zu seinem Besten die Zivilisation eingeprügelt hat. Wer aber auf Familienfesten genau hinhört, der stößt mit etwas Glück auf die Erzählungen über irgendeinen längst verstorbenen Urgroßonkel Namens Emil, Friedrich oder Carl, der um die Jahrhundertwende abenteuerlustig den Nil heraufgeschippert war – um nach wenigen Monaten moralisch völlig derangiert zurückzukehren. Was aber war passiert?
Damals hatte man für solche Unternehmungen ja meist noch den lieben Gott auf seiner Seite. Missionswütig konnten sich die Kolonialherren an den kleinen schwarzen Sünderlein gütlich tun, ohne dass sich jemand daran großartig störte. Vielmehr sorgte man sich zu Hause, was diese weiten, fremden Kolonien aus den guten Soldaten gemacht hatten. Es häuften sich die Berichte über willkürliche Tobsuchtsanfälle, Vergewaltigungen, Amokläufe und lustiges Schädeleinschlagen – so kannte man den Onkel Emil eigentlich gar nicht.
Feucht-schwül über die Stränge geschlagen
Medizinisch war die Sache schnell diagnostiziert. Was den an die feuchte Witterung gewöhnten Mitteleuropäer da heimgesucht hatte, war schlicht und ergreifend Tropenkoller. Denn Schuld an der Launenhaftigkeit war natürlich nicht eine innere Verderbtheit, sondern das feucht-schwüle Klima, dem der Kolonialoffizier schutzlos ausgeliefert war. Da konnte man bei der Bestrafung bisweilen schon mal über die Stränge schlagen. In einer verregneten kleinbürgerlichen Innenstadt hätte sich der Onkel dazu bestimmt nicht hinreißen lassen.
100 Jahre nach diesen Entgleisungen scheint die eigene menschliche Stabilität außerhalb der gemäßigten Klimazonen neuerlich wieder auf die Probe gestellt zu werden. Wer sich beispielsweise nach Afghanistan begibt, muss um seine psychische Konstitution fürchten. Denn meteorologisch betrachtet gehört der Hindukusch bereits zu den Subtropen.
Sex-Orgien mit Tankfahrzeug
Wenn Offiziere der amerikanischen Botschaft in Kabul ihre Untergebenen zu Sex-Orgien zwingen, dann mag das bei den Amerikanern ja vielleicht bereits als gut besatzerliche Tradition a la Abu Ghraib etabliert sein. Wenn aber die Bundeswehr, nachdem ihr von Taliban-Kriegern zwei Tankfahrzeuge abgenommen wurden, Luftangriffe anordnet, bei denen mal eben zwischen 50 und 90 Menschen ihr Leben lassen, dann stimmt etwas nicht.
Vermutlich wird der darstellende Verteidigungsminister Franz Josef Jung bei einer der nächsten Pressekonferenzen die Angriffe rechtfertigen, indem er im Zedler-Universal-Lexikon (Jahrgang 1897) den Begriff "Tropenkoller" nachschlägt und eloquent zitiert. Schließlich ist auch das, was in Afghanistan passiert, seiner Meinung nach immer noch kein "Krieg". Man fragt sich langsam, ob dem Guten die ständigen Reisen in die heißen Subtropen zur Truppe wirklich gut tun.
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