Wer sich von Herzen langweilen möchte, wie es kleine Kinder tun, fährt bekanntlich nach Schweden. Die Regierung dieses am Rand der bekannten Welt gelegenen Landes hat die Bullerbü-Optik vor Jahren als Tourismus-Konzept erkannt und bietet getreu dem schwedischen Sprichwort: "Der Überfluss ist die Mutter der Langeweile" gestressten Managern auf Erholungssuche überflüssig viel Gegend. Auf See folgt Wald, folgt rotes Blockhaus, folgt See, folgt Wald, folgt rotes Blockhaus... bis in alle Ewigkeit.
Denn ein Stündchen gepflegte Langeweile ist im hektischen Getriebe und Getreibe der Zivilisation heute nur noch schwer zu bekommen. Während es die Tierwelt unisono genießt, alle Zeit, die nicht auf Völlerei oder Begattung verwendet werden muss, in der Sonne zu verdösen, suchen die Menschen zerstreuungssüchtig nach neuen Reizüberflutungen und kommen nicht mehr zur Ruhe.
Parolen vom Autodach
Am hektischsten geht es natürlich in Japan zu. Dort wird selbst die letzte Bastion der Langeweile – der Wahlkampf – geschleift. In Japan herrscht zugegebenermaßen fast immer Wahlkampf, weil überhaupt erst ein Unterhaus – das von 1972 – vier Jahre durcharbeiten konnte, ohne vorher vom Premierminister aufgelöst zu werden. Hinzu kommt, dass japanische Politiker laut Gesetz nur in den zwei Wochen vor der Wahl um Stimmen buhlen dürfen.
In dieser Zeit ist die Hektik vollendet, weil zahllose Lautsprecherwagen durch die Straßen plärren. Darin fahren Parolen schmetternde Kandidaten, um bei der erst besten Gelegenheit auf das Dach des Wagens zu klettern und eine Rede zu halten. Ebenfalls sehr wichtig ist statt der in Japan sonst üblichen Verbeugungen das aggressive Händeschütteln mit potentiellen Wählern.
Beim Bespitzeln erwischt
Dagegen war in Deutschland der Wahlkampf der vergangenen Wochen vorbildlich langweilig. Auf langatmige Rathausplatzreden folgten halbherzige Siegerposen und in Zeiten der Schweinegrippe missmutiges Händeschütteln. Mancher Wähler konnte sich ob so viel Schläfrigkeit überhaupt nicht mehr zu Stimmabgabe aufraffen. Ein einziges kleines Störfeuer in der parteiübergreifenden Langeweile entzündeten allein die Mitarbeiter von NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, die sich beim Bespitzeln von Konkurrentin Hannelore Kraft erwischen ließen.
Journalisten hatten den brisanten E-Mail-Verkehr abgefangen, der die Machenschaften in der Staatskanzlei offenlegte. Dort beschwert man sich jetzt, ob denn überhaupt kein Brief- und E-Mail-Geheimnis mehr heilig sei. Das sind erstaunliche Töne aus dem CDU-Lager, wo Parteikollege Wolfgang Schäuble ja gerade stolz vermelden konnte, dass das Bundeskriminalamt im vergangenen Jahr 5.008 Mal Telefone abgehört und Computer angezapft hat. 13 mal pro Tag. Ein sattes Plus um 11 Prozent. Denen wird offensichtlich auch nicht langweilig.
stehenden Code hier ein*: