Landwirten wird ja mitunter eine gewisse Gelassenheit gegenüber dem Lauf der Dinge nachgesagt. So lautet eine alte Bauernregel bekanntlich: "Stirbt der Bauer im November, braucht er kein’ Adventskalender!" Seit sich aber der Großteil der Menschheit in Städten zusammenrottet, ist dem Kleinbürger das Gefühl für bäuerliches Vorratswesen und die unabänderliche Wiederkehr von Missernten oder Krisen abhanden gekommen.
Mitte des 14. Jahrhunderts rebellierten bereits die Bürger von Prag, weil es ihrer Ansicht nach um die heimische Wirtschaft allzu schlecht bestellt war. Nachdem die Auftragsbücher der Betriebe durch Pest und sonstige konjunkturelle Schwankungen gebeutelt worden waren, fand sich so mancher Arbeitnehmer in Zeiten des mangelnden Kündigungsschutzes sofort auf der Straße wieder.
Sinnlose Hungermauer
Für Kaiser Karl IV wurde die Lage brenzlig, weil er zwar angesichts des pöbelnden Mobs nicht um seine Wiederwahl, aber doch um sein leibliches Wohl fürchten musste. Der Monarch ließ sich als Übersprungshandlung zum Bau einer militärisch völlig sinnlosen "Hungermauer" hinreißen, welche die Untertanen in Lohn und Brot brachte und noch heute Teile der Stadt durchzieht.
Lässt man die lästigen Fragen nach Ästhetik, Beliebtheit und Humanität einmal bei Seite, war auch die Berliner Mauer rein ökonomisch betrachtet die erfolgreichste Arbeitsbeschaffungsmaßnahme des mehr Arbeiter- als Bauernstaates DDR. Der Bau kostete nach Schätzungen den Spottpreis von 1,8 Milliarden Ost-Mark. So günstig ist ein Bauwerk, über das die ganze Welt redet, heute natürlich kaum noch zu haben.
Was nun, Herr Opel?
Bei allem Jubel um den DDR-Grenzöffnung vor 20 Jahren muss an dieser Stelle aber festgehalten werden: Wirtschaftlich betrachtet führt an einem neuerlichen Mauerbau derzeit nichts vorbei. Wer in der Krise steckt, muss Technologie-Schwerpunkte setzten. Und schließlich wurden - ob nun Limes, Westwall oder Berliner Mauer - in den Hügelketten Deutschlands ja schon immer kräftig Wälle aufgeschüttet.
Wenn alles seinen normalen Gang geht, werden demnächst in Eisenach, unweit der alten Grenze, und an anderen Standorten mehrere Opel-Arbeitskräfte freigesetzt. Vermutlich dürfte es für Merkel ähnlich brenzlig werden wie einst für Kaiser Karl. Die Kanzlerin hatte sich ja schon für die Opel-Rettung feiern lassen, und 4,5 Milliarden Euro Sofortkredite in Aussicht gestellt. Vermutlich denkt Merkel nun daran, das Geld vorsorglich in die Bauwirtschaft zu stecken. Damit es nicht bald heißt: "Stirbt Herr Opel im November..."
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