Seien wir ehrlich: Ohne Steffi Graf und Boris Becker würde unser Staat jetzt nicht in diesem Gewissenskonflikt stecken. Aber beginnen wir am Anfang: Als die beiden in den 80er Jahren Deutschlands größte Vorbilder wurden, mussten wir ihnen einfach in allem nacheifern. Sich einen Tennisschläger zuzulegen, war das eine. Das Teil brachte immerhin einen Hauch von Sportlichkeit an den deutschen Garderobenhaken, wo es unbenutzterweise zwischen den Helmut-Kohl-Gedächtnis-Strickjacken hing.
Schlimmer ist, dass unsere Nation seitdem samstags unverwüstlich in kurzen weißen Sporthosen zum Brötchenholen rennt, kaum dass die Temperaturen über 20 Grad steigen. Allen Ernstes gibt es so noch immer reine Tennisbekleidungsfirmen. Und Tierschützer warten bis heute vergeblich darauf, dass der sprechende Trigema-Schimpase irgendwann vom Bildschirm verschwindet. Kapitalismus ist nicht rational.
Die traurigen Augen von Peter Graf
Tja. Boris und Steffi. Ein größeres Traumpaar hat es für die Deutschen bekanntlich nie gegeben. Und jedes Jahrzehnt hatte ja so seine Lieblinge. Das Traumpaar des deutschen Films in den 50ern (Sonja Ziemann und Rudolf Prack), das Traumpaar des Eiskunstlaufs in den 60ern (Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler), das Traumpaar der Politik in den 70ern (Willy Brandt und Walter Scheel). Und in den 90ern das Traumpaar des intellektuellen Jetsets (Martin Walser und Ignatz Bubis).
Aber die 80er gehören Boris und Steffi. Auffällig waren nur immer diese traurigen Augen von Peter Graf, der mit jedem Turniersieg seiner Tochter Steffi aschfahler auf der Tribüne saß. Der arme Mann sah, noch während Steffi den Pokal in die Luft stemmte, den Graf-Clan regelrecht dem finanziellen Ruin entgegen stürzen, bei den vielen Steuern, die auf das Preisgeld entfielen.
Kavaliersdelikt Steuerhinterziehung
12,3 Millionen Mark schleuste er schließlich am Fiskus vorbei, ohne dass Steffi angeblich von der Steuerhinterziehung wusste. Von Boris wissen wir, dass er 3,3 Millionen einsparen wollte, indem er seinen Wohnsitz in Monaco meldete, stattdessen aber in München herumlümmelte. Dass bei diesen Summen weder Boris noch Steffi eingebuchtet wurden (nur auf die traurigen Augen Peter Grafs mussten wir für drei Jahre und neun Monate verzichten), machte Steuerhinterziehung endgültig zum Kavaliersdelikt.
Heute weiß nun der Fiskus, dass es eine CD mit den Daten deutscher Steuersünder gibt, die mindestens 400 Millionen in die Schweiz verschoben haben. Kaufen müsste er sie von einem Zwischenhändler, der die Daten illegal erworben hat. Ethisch wie bürgerrechtlich eine schwer lösbare Frage. Vielleicht sollte man die Energie lieber darauf verwenden, Steuerhinterziehung endlich auch gesetzlich als schwere Kriminalität zu brandmarken. Noch im 19. Jahrhundert galt es als Kavaliersdelikt, ein Mädchen von niederem Stande zu schwängern. Das soll sich ja inzwischen auch geändert haben.