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12.02.2010
Diagnose: Aufschieberitis
seitwärts - der Wochenrückblick von Johann Vollmer

Wer nur widerwillig Hausaufgaben macht, entwickelt erwiesenermaßen in kürzester Zeit ein erstaunliches Talent fürs Bleistift-Anspitzen. Psychologen sprechen bei dieser menschlichsten aller menschlichen Schwächen von der Prokrastination, oder zu Deutsch: Aufschieberitis.

Denn der Mensch ist schlichtweg für die Pflichterfüllung nicht gemacht. Unangenehmes verdient seinen Namen und bleibt liegen, bis die Qual des Nichterfüllens die Qual des Erfüllens übersteigt, also: solange wie es eben geht. In der Regel faulenzt ein Prokrastinierender aber nicht, sondern weiß seine Zeit einfach sinnvoller zu füllen, oftmals mit dem zweitgrößten Übel, sprich: Bad putzen, Kontoauszüge abheften, Schallplattensammlung alphabetisch ordnen. Auch das muss ja schließlich gemacht werden.
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Abschreiben für die Volkswirtschaft

Zumal es eben immer noch die Möglichkeit gibt, die nicht gemachte Hausaufgabe im Bus oder in der Pause abzuschreiben. In der Schule, dem einzigen Ort der täglichen Niederlage, hat davon bis auf die jeweiligen Klassenbesten jeder schon Gebrauch gemacht. Volkswirtschaftlich gesehen ist es schließlich auch Unsinn, wenn alle erledigen, was einer erledigen kann, um es dann meistbietend zu verkaufen (Pausenbrote, Schokoriegel, Schutz bei Klassenkeile,etc.)

Bleibt die moralische Frage, ob man abschreiben darf. Denn nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Doch wer abschreibt, lernt schnell den großen Nutzen fürs Leben kennen. So war es schon immer. Nicht das Internet, wie häufig behauptet, sondern die Schule hat die Menschheit für Plagiate anfällig gemacht.

Aufregung der Getäuschten

Wenn nun herauskommt, dass die 17-jährige Helene Hegemann ihren von den lechzenden Feuilletons gehypten Debütroman "Axolotl Roadkill" zu großen Teilen gar nicht selbst geschrieben, sondern einfach aus vorhandenen guten Texten collagiert hat, ist die Aufregung im so böse getäuschten Kulturbetrieb schon ein wenig verwunderlich.

Hegemann wird ihren Grund gehabt haben, den eigenen Schreibkünsten nicht vollends zu vertrauen. Immerhin hat das Plagiat für gewaltig geschwurbelte Rezensionssätze ("Halluzinatorische Entladung eines traumatisierten Bewusstseins sowie gleichzeitiger Parodie davon", Ursula März in Die Zeit) und zu einem Platz auf der Bestsellerliste gereicht. Alles richtig gemacht, kann man da nur sagen. Und vermutlich hat das junge Mädchen zusätzlich noch saubere Badfliesen und eine wunderbar sortierte Plattensammlung. Beneidenswert.

Mehr zum Thema in nw-news.de

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