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19.02.2010
Westerwelles Dekadenz
seitwärts - der Wochenrückblick von Johann Vollmer

Die Geschichte lehrt: Die allermeisten Weltreiche haben sich nach ihrem dynamischen Aufstieg über kurz oder lang vor lauter Unbeweglichkeit wundgelegen. Nun ist der deutsche Sozialstaat zeitlich gesehen zwar noch ein sehr junges Imperium, aber es ist beruhigend, wenn die letzten Kämpfer der guten Sache, wie Guido Westerwelle, schon jetzt den Finger schmerzlich in die offene Stelle drücken.

Dessen Mahnwort ("Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.") fegte diese Woche wie Agent Orange durch den deutschen Blätterwald. Und wirklich, unsere Werte entblättern, besonders der Arbeitsethos unserer Kultur. Urheberrechtlich gehört der Gedanke vom drohenden "Untergang des Abendlandes" zwar dem düsteren, konservativen Revolutionär Oswald Spengler, der schon 1918 das Welken unserer Zivilisation prophezeit hatte – das stört den Außenminister aber nicht.
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Knödeln auf der Couch

Natürlich muss man dem Guido wie allen anderen Rückwärtsdenkenden zugestehen, sich an früher erinnern zu dürfen. Damals, als der aufgeblähte Sozialstaat in der Gesellschaft noch nicht das Couch-Syndrom hervorgerufen hat, galt noch das Wort des unerreichten Wilhelm Busch:

Enthaltsamkeit ist das Vergnügen
an Sachen, welche wir nicht kriegen.

Doch mit Ende der knödeldampfenden 50er Jahren gab es kein Halten mehr. Satt und zufrieden ließen die Deutschen den Kopf in den Schoß von Vater Staat sinken. Wenn wir nicht auf den Katastrophenpfaden Roms wandeln, wer dann?

Fette Bäuche mit Hartz IV

Erstaunlich ist natürlich, dass in Guidos Denken die Dekadenz von unten ausgeht. Die spätrömische Prasserei macht er ausgerechnet bei Hartz-IV-Empfängern aus. Historisch betrachtet müsste Rom dann nicht an zu großer Expansion und dem Einfall marodierender Barbaren, sondern an den sich die fetten Bäuche reibenden Bettlern zugrunde gegangen sein.

In Guidos politischem Imperium, das er mit der FDP erobern möchte, ist das natürlich letztlich irrelevant. Bleibt nur zu hoffen, dass die Partei die gedankliche Dekadenz ihres Vorsitzenden nicht aus den Augen verliert. Sonst erodiert die Machtbeteiligung der Liberalen schneller, als ein Monatssatz Hartz IV verprasst ist.

Mehr zum Thema in nw-news.de

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Kommentare
In den letzten Tagen weht in Presse und Politik ein kalter Wind in Richtung des Hr. Westerwelle, ausgelöst durch seine Hartz IV Kommentare. Nun mag man Hr. Westerwelle mögen oder auch nicht, aber in persönlichen Gesprächen mit Leuten aus den verschiedensten Gesellschaftsschichten stelle ich erstaunt fest: eigentlich sind alle seiner Meinung, nur seine Wortwahl hätte etwas gemäßigter sein können. Nun, manchmal muss man überspitzen und auch mal eckig und unbequem sein, um Dinge zu bewegen. Niemand, auch nicht Hr. Westerwelle, möchte, das arme Menschen unter Brücken schlafen müssen oder ähnliches. Tatsache bleibt aber, das jeder, der arbeitet, besser dastehen muss. Der oft erwähnte Mindestlohn würde da auch nicht helfen, denn erstens würde damit Arbeit teuer und würde in der Industrie noch mehr ausgelagert, zweitens würde, wenn z.B. ein Frisörbesuch doppelt so teuer würde, sich auch gleich jemand finden, der deswegen höhere Hartz IV-Bezüge fordert. Nein, grundlegend hat die FDP recht, die Lösung kann eigentlich nur sein, daß Steuern und Sozialabgaben den Lohn nicht so stark belasten dürfen, s.d. auch einfache Arbeiten sich lohnen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer! Dann würden auch die Chancen für gering Qualifizierte auf einen Arbeitsplatz steigen, denn - ein Großteil der Transferempfänger würde garantiert lieber Arbeit haben.


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