Die Geschichte lehrt: Die allermeisten Weltreiche haben sich nach ihrem dynamischen Aufstieg über kurz oder lang vor lauter Unbeweglichkeit wundgelegen. Nun ist der deutsche Sozialstaat zeitlich gesehen zwar noch ein sehr junges Imperium, aber es ist beruhigend, wenn die letzten Kämpfer der guten Sache, wie Guido Westerwelle, schon jetzt den Finger schmerzlich in die offene Stelle drücken.
Dessen Mahnwort ("Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.") fegte diese Woche wie Agent Orange durch den deutschen Blätterwald. Und wirklich, unsere Werte entblättern, besonders der Arbeitsethos unserer Kultur. Urheberrechtlich gehört der Gedanke vom drohenden "Untergang des Abendlandes" zwar dem düsteren, konservativen Revolutionär Oswald Spengler, der schon 1918 das Welken unserer Zivilisation prophezeit hatte – das stört den Außenminister aber nicht.
Knödeln auf der Couch
Natürlich muss man dem Guido wie allen anderen Rückwärtsdenkenden zugestehen, sich an früher erinnern zu dürfen. Damals, als der aufgeblähte Sozialstaat in der Gesellschaft noch nicht das Couch-Syndrom hervorgerufen hat, galt noch das Wort des unerreichten Wilhelm Busch:
Enthaltsamkeit ist das Vergnügen
an Sachen, welche wir nicht kriegen.
Doch mit Ende der knödeldampfenden 50er Jahren gab es kein Halten mehr. Satt und zufrieden ließen die Deutschen den Kopf in den Schoß von Vater Staat sinken. Wenn wir nicht auf den Katastrophenpfaden Roms wandeln, wer dann?
Fette Bäuche mit Hartz IV
Erstaunlich ist natürlich, dass in Guidos Denken die Dekadenz von unten ausgeht. Die spätrömische Prasserei macht er ausgerechnet bei Hartz-IV-Empfängern aus. Historisch betrachtet müsste Rom dann nicht an zu großer Expansion und dem Einfall marodierender Barbaren, sondern an den sich die fetten Bäuche reibenden Bettlern zugrunde gegangen sein.
In Guidos politischem Imperium, das er mit der FDP erobern möchte, ist das natürlich letztlich irrelevant. Bleibt nur zu hoffen, dass die Partei die gedankliche Dekadenz ihres Vorsitzenden nicht aus den Augen verliert. Sonst erodiert die Machtbeteiligung der Liberalen schneller, als ein Monatssatz Hartz IV verprasst ist.