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18.05.2010
Supernase Gottschalk kann’s nicht lassen
seitwärts - der Wochenrückblick von Johann Vollmer

Bielefeld. "Sechzig Jahre und kein bisschen weise, aus gehabtem Schaden nichts gelernt." Man sollte mehr alte Curd-Jürgens-Songs hören in diesen Tagen. Derzeit machen die beiden Speerspitzen der deutschen Fernsehunterhaltung nahezu gleichzeitig ihr sechstes Dezennium voll. Erst Hugo Egon Balder im März, jetzt Thomas Johannes Gottschalk, geboren am 18. Mai 1950 im beschaulichen Bamberg. Im Jahr 1950 hat der liebe Gott das Spaß-Füllhorn kräftig über dem gebeutelten Deutschland ausgeschüttet.

Der Thommy gehört längst zum Inventar deutscher Heime-ligkeit. Samstagsabends sitzt er mit uns im Wohnzimmer und erfüllt den wichtigsten Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens: Seht her, die Welt ist noch in Ordnung. Friede, Freude, Haribo. Die nachfolgenden Sendungen verschieben sich um mindestens 30 Minuten.

So war es immer. Für alle, die in den 80er Jahren aufwuchsen, gab es ja überhaupt nur zwei öffentliche Instanzen: Helmut Kohl und Thomas Gottschalk. Immerhin einen konnte man abwählen, als man genug von ihm hatte. Doch Gottschalk sendet und sendet und sendet.

Da hilft es auch nichts, dass die Zuschauerzahlen von "Wetten, dass . . . ?" beständig nach unten gehen. Die erfolgreichste Show der Welt ist in die Jahre gekommen und mit ihr die Spritzigkeit ihres Moderators. Als "Quotenhure" hat der sich selbst einmal bezeichnet. Doch offensichtlich zieht das schrill gekleidete "Freudenmädchen" Gottschalk alleine nicht mehr. Als Frischfleisch- und Frischzellenkur hat man ihm die Nervensäge Michelle Huntziker zur Seite gestellt. So stellen sich die Fernsehmacher Zuschauerbindung vor: einen gealterten Sunnyboy für die reiferen Damen und eine blonde Badenixe für die reiferen Herren.

Möglich ist das alles im ZDF, dem Jurassic Park für ausgediente Showdinos. Solange dort noch säckeweise Autogrammwünsche eingehen, wird er wohl bleiben dürfen, der Thomas. Und wir alle dürfen zusehen, wie er immer unantastbarer wird, einfach weil er schon ewig dabei ist. "Ich mache so lange, bis ich mein eigenes Verfallsdatum überschritten habe", hat er einmal angekündigt. Fragt sich nur, ob er es lesen kann. Verfallsdaten sind meistens auf der Packungsrückseite aufgedruckt.

Stattdessen wird es wohl bald schon stehende Ovationen geben, wenn man ihm in den kommenden Jahren die diversen Preise fürs Lebenswerk überreicht. Alles absehbar. Er muss einem leid tun.

Was war dieser Junge früher gut

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Denn was war dieser Junge früher gut.

So wie der junge Gottschalk ist wohl noch niemand durch die verschnarchte Fernsehlandschaft gefegt. Mit "Na so was" gelang dem frechen Radiomoderator von "Bayern 3" im Jahr 1982 der Durchbruch im TV. Endlich passierte hier mal was. Während Rudi Carrell im Ersten noch – ach wie lustig – Affen interviewte, schlug dieser gelockte Rotzlöffel im ZDF ein wie eine Bombe. Wer glaubt, dass der ermüdende Oliver Pocher oder die Ulknudel Stefan Raab erst die Dreistigkeit auf die Mattscheibe zauberten, der irrt. "Vorsicht", mahnte Gottschalk damals eine 60-jährige Artistin, "in ihrem Alter erkältet man sich schnell mal die Eierstöcke."

Man stelle sich die Empörung vor, zehn Jahre vor der Erfindung der Spaßgesellschaft. Dass es die "Supernase" Gottschalk zusammen mit Mike Krüger dann auch noch ins Filmgeschäft trieb, belebte immerhin die bis dato gruselige deutsche Filmkomödie. Die bescheidene Hollywoodkarriere im Anschluss wird Gottschalk mancher gestandene Schauspieler geneidet haben. Immerhin brachte der Charmebolzen aber ein etwas anderes Deutschlandbild über den großen Teich. Blonde Locken statt ausrasierter Nacken. Das war doch mal was.

Wer kann bei solchem Ruhm schon bescheiden bleiben? Gottschalk sicher nicht. Kritik- und beratungsresistent war er stets. Zugetraut hat er sich ohnehin immer alles. Seinem Ausflug ins Privatfernsehen hat Deutschland die erste von zahlreichen langweiligen Late-Night-Shows zu verdanken und zu allem Überfluss noch Heidi Klum beschert, die Gottschalk einst in seiner Sendung entdeckte.

Und so wird der Thommy weitermachen und vertraut dabei auf sein immer noch Millionen zählendes Publikum. Das altert mit ihm und freut sich auf die nächsten Zoten des Talkmasters. Curd Jürgens weiß schon, wie das alles enden wird: "Sechzig Jahre auf dem Weg zum Greise und doch sechzig Jahr’ davon entfernt."

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Gottschalk --- Hinkehrer, Rückenkehrer, Umkehrer, Rückkehrer, oder doch nichts anderes als Quotenfeger, Absahner und Verzettler? Diese Frage mag zum 60. Geburtstag (Glückwunsch dazu) gestattet sein. Denn: Wenn man seinen Werdegang bis heute konsequent beleuchtet, erleuchtet es in einem selbst, dass er immer das verfolgte, was seinem Portemonnaie am besten tat. Auch wenn er das nicht gern zugibt. Dann müsste er nämlich auch zugeben, das sein Werdelauf beim ZDF, bestehend aus Hinkehr, Abkehr und Wiederkehr, nur durch eine gehörige Gehaltsaufbesserung seitens des öffentlich-rechtlichen Senders zustande kam, bei der aufgrund des Volumens selbst die reichen gemeinen Privaten hilflos da standen. Obwohl er heute wieder dem privaten TELE 5 zugänglich ist und eigentlich kein (satt bezahltes) Werbeangebot ausschlägt. Die Werbeschiene ist in seinem Leben eine unaufhaltsame, stets dampfende Lokomotive. Sei es seinerzeit die Coop-Promotion mit seinem Bruder für den größten deutschen Briefbeförderer, oder das Engagement für den weltgrößten Burger-Bräter, bis hin zur immer noch aktuellen Gummibärchenbewerbung für einen Bonner Unternehmer, der all dem, ebenfalls seit Jahren, keinen Riegel vorschieben möchte. All das hat ihn (auch) zum Miles-and-More-König gemacht. Die vielen Termine ziehen natürlich die Vielfliegerei nach sich. Nötig geworden, weil er sich das beschaulich-ruhige Amerika (,,Dort kennt mich kaum einer’’) als zweiten Wohnsitz nahm, und das obwohl er gern ‘Deutscher’ ist. Wohl nur deshalb auch sein Kauf des Schlosses am Rhein, welches mit einem Millionenaufwand wieder in Schuss gebracht wurde und das er so gut wie nicht bewohnt, bzw. besser gesagt ‘besucht’. Wer sich soviel aufbürdet muss sich nicht wundern, sich irgendwann zu verzetteln. Da schwindet die Konzentration auf das Wesentliche, deutlich sicht- und hörbar bei den immer oberflächlicher werdenden Interviews auf dem Wetten Dass?-Sofa, in denen schon lange der früher gewohnte hintersinnige Pfiff fehlt. Teils so platt, dass sich kein Promi mehr das früher gewohnte ‘etwas mehr’ an Information entlocken lässt. Selbst seine aus seinen Anfängen bekannte, und damals oft erfolgreiche, verschmitzt-leicht-sexuelle Schiene verpufft heute. Ergo: Auch die Promis merken im Lauf der Jahre, das sie bei ihm wahrlich nichts besonderes mehr sind, sondern nur als solches hingestellt werden. Da sie aber brav und lieb lächelnd ihre Promotion für einen neuen Film oder einem neuem Buch durchziehen dürfen lassen sie sich natürlich gern zum Wettpaten oder zur Wettpatin machen. Auch wenn die Konsequenzen aus einer verlorenen Wette manch einem nicht passen. Selbst bei gewonnenen Wetten leiert Tommy den Promis mitunter gequält eine Wettschuld ab, was ihm nicht bei jedem Symphatie eingebracht hat. Fazit: Das Zugpferd Gottschalk lahmt und es wird Zeit, sich nach einem Fohlen umzusehen. Doch bis es soweit ist werden weiterhin, auch aus Mangel an vergleichbarem, Millionen die 2 auf der Fernbedienung drücken. All diese sind sicher schon sehnsüchtig auf seinen barfüssigen Auftritt im weißen Anzug, wenn er bald samstagpünktlich um Zwanziguhrfünfzehn die Stierkampfarena zu Mallorca betritt. Wetten dass?


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