Bielefeld. "Sechzig Jahre und kein bisschen weise, aus gehabtem Schaden nichts gelernt." Man sollte mehr alte Curd-Jürgens-Songs hören in diesen Tagen. Derzeit machen die beiden Speerspitzen der deutschen Fernsehunterhaltung nahezu gleichzeitig ihr sechstes Dezennium voll. Erst Hugo Egon Balder im März, jetzt Thomas Johannes Gottschalk, geboren am 18. Mai 1950 im beschaulichen Bamberg. Im Jahr 1950 hat der liebe Gott das Spaß-Füllhorn kräftig über dem gebeutelten Deutschland ausgeschüttet.
Der Thommy gehört längst zum Inventar deutscher Heime-ligkeit. Samstagsabends sitzt er mit uns im Wohnzimmer und erfüllt den wichtigsten Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens: Seht her, die Welt ist noch in Ordnung. Friede, Freude, Haribo. Die nachfolgenden Sendungen verschieben sich um mindestens 30 Minuten.
So war es immer. Für alle, die in den 80er Jahren aufwuchsen, gab es ja überhaupt nur zwei öffentliche Instanzen: Helmut Kohl und Thomas Gottschalk. Immerhin einen konnte man abwählen, als man genug von ihm hatte. Doch Gottschalk sendet und sendet und sendet.
Da hilft es auch nichts, dass die Zuschauerzahlen von "Wetten, dass . . . ?" beständig nach unten gehen. Die erfolgreichste Show der Welt ist in die Jahre gekommen und mit ihr die Spritzigkeit ihres Moderators. Als "Quotenhure" hat der sich selbst einmal bezeichnet. Doch offensichtlich zieht das schrill gekleidete "Freudenmädchen" Gottschalk alleine nicht mehr. Als Frischfleisch- und Frischzellenkur hat man ihm die Nervensäge Michelle Huntziker zur Seite gestellt. So stellen sich die Fernsehmacher Zuschauerbindung vor: einen gealterten Sunnyboy für die reiferen Damen und eine blonde Badenixe für die reiferen Herren.
Möglich ist das alles im ZDF, dem Jurassic Park für ausgediente Showdinos. Solange dort noch säckeweise Autogrammwünsche eingehen, wird er wohl bleiben dürfen, der Thomas. Und wir alle dürfen zusehen, wie er immer unantastbarer wird, einfach weil er schon ewig dabei ist. "Ich mache so lange, bis ich mein eigenes Verfallsdatum überschritten habe", hat er einmal angekündigt. Fragt sich nur, ob er es lesen kann. Verfallsdaten sind meistens auf der Packungsrückseite aufgedruckt.
Stattdessen wird es wohl bald schon stehende Ovationen geben, wenn man ihm in den kommenden Jahren die diversen Preise fürs Lebenswerk überreicht. Alles absehbar. Er muss einem leid tun.
Was war dieser Junge früher gut
Denn was war dieser Junge früher gut.
So wie der junge Gottschalk ist wohl noch niemand durch die verschnarchte Fernsehlandschaft gefegt. Mit "Na so was" gelang dem frechen Radiomoderator von "Bayern 3" im Jahr 1982 der Durchbruch im TV. Endlich passierte hier mal was. Während Rudi Carrell im Ersten noch – ach wie lustig – Affen interviewte, schlug dieser gelockte Rotzlöffel im ZDF ein wie eine Bombe. Wer glaubt, dass der ermüdende Oliver Pocher oder die Ulknudel Stefan Raab erst die Dreistigkeit auf die Mattscheibe zauberten, der irrt. "Vorsicht", mahnte Gottschalk damals eine 60-jährige Artistin, "in ihrem Alter erkältet man sich schnell mal die Eierstöcke."
Man stelle sich die Empörung vor, zehn Jahre vor der Erfindung der Spaßgesellschaft. Dass es die "Supernase" Gottschalk zusammen mit Mike Krüger dann auch noch ins Filmgeschäft trieb, belebte immerhin die bis dato gruselige deutsche Filmkomödie. Die bescheidene Hollywoodkarriere im Anschluss wird Gottschalk mancher gestandene Schauspieler geneidet haben. Immerhin brachte der Charmebolzen aber ein etwas anderes Deutschlandbild über den großen Teich. Blonde Locken statt ausrasierter Nacken. Das war doch mal was.
Wer kann bei solchem Ruhm schon bescheiden bleiben? Gottschalk sicher nicht. Kritik- und beratungsresistent war er stets. Zugetraut hat er sich ohnehin immer alles. Seinem Ausflug ins Privatfernsehen hat Deutschland die erste von zahlreichen langweiligen Late-Night-Shows zu verdanken und zu allem Überfluss noch Heidi Klum beschert, die Gottschalk einst in seiner Sendung entdeckte.
Und so wird der Thommy weitermachen und vertraut dabei auf sein immer noch Millionen zählendes Publikum. Das altert mit ihm und freut sich auf die nächsten Zoten des Talkmasters. Curd Jürgens weiß schon, wie das alles enden wird: "Sechzig Jahre auf dem Weg zum Greise und doch sechzig Jahr’ davon entfernt."