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18.02.2009
BIELEFELD: Kurz vor dem Ziel entgleist
Zwei Eurobahn-Triebwagen kollidieren nahe des Hauptbahnhofs / Keine Verletzten
VON JOHANNES PÖHLANDT

Ende einer Dienstfahrt | FOTO: WOLFGANG RUDOLF

Bielefeld. Heidi Auf der Landwehr hat das Unheil kommen sehen. "Die beiden Züge sind langsam aufeinander zugefahren. Mir war klar: Wenn nicht einer von beiden anhält, macht es bumm." Es hat bumm gemacht. Zwei Triebwagen der Eurobahn sind gestern um 10.30 Uhr nahe des Hauptbahnhofs kollidiert. Es wurde niemand verletzt, den Sachschaden schätzt die Eurobahn auf 150.000 Euro.

Heidi Auf der Landwehr wohnt in Münster und arbeitet in Bielefeld. Um 9.10 Uhr besteigt sie in Münster die Eurobahn 39923, die sie direkt nach Bielefeld bringen soll, planmäßige Ankunft 10.32 Uhr. Doch die Fahrt endet rund 300 Meter vor dem Bahnsteig des Zielbahnhofes abrupt. Der Personenzug kollidiert seitlich mit einem baugleichen Triebwagen, der zu diesem Zeitpunkt rangiert wird, und springt mit dem vorderen Teil aus den Gleisen. "Es ruckte kurz, dann ist der Zug übers Gleisbett gerumpelt", sagt Arne John aus Bielefeld, wie Auf der Landwehr einer der 44 Passagiere.

Warum die beiden Züge offensichtlich auf dasselbe Gleis zusteuern, ist noch nicht endgültig geklärt. "Nach derzeitigen Kenntnissen könnte es sein, dass ein Zugführer ein rotes Signal überfahren hat", sagt Christian Wloka vom Bielefelder Revier der Bundespolizei, der die Ermittlungen leitet.

Lebensgefahr auf den Gleisen

Bergung | FOTO: WOLFGANG RUDOLF

Nach NW-Informationen könnte der Zugführer des rangierenden Fahrzeugs ein Signal missachtet haben. Das würde erklären, warum eine Zwangsbremsung den Zusammenstoß nicht verhindert. Eine solche Bremsung wird bei Personenfahrten automatisch eingeleitet, wenn ein rotes Signal überfahren wird. "Bei Rangierfahrten ist das nicht unbedingt der Fall", erklärt Marco Vogel, Sprecher der Eurobahn. Er wundert sich, warum die beiden Lokführer die Kollision nicht vermeiden konnten: "Eigentlich hätte einer von beiden den anderen Zug sehen müssen."

Nach dem Unfall sehen die Passagiere durch die Scheiben zahlreiche Helfer. Trotzdem müssen die Fahrgäste 90 Minuten warten, bis sie den Hauptbahnhof erreichen. Über eine Rampe steigen sie in den ursprünglich leeren Zug um, der noch fahrbereit ist. "Bis wir den Unfall aufgenommen hatten, durfte der Tatort nicht verändert werden. Und die Passagiere über das Gleisbett zum Bahnsteig zu führen, wäre zu gefährlich gewesen", erläutert Wloka. Denn der Bahnverkehr ruht keineswegs. Lediglich zwei Gleise im Bahnhof sind gesperrt, Züge werden teilweise über die Gütertrasse umgeleitet. Die Verspätungen halten sich in Grenzen. Der entgleiste Triebwagen wird auf ein Hilfs-Drehgestell gehoben und am Abend mit einer Rangierlok nach Hamm gezogen.

Arne John ist zu diesem Zeitpunkt längst wieder bei seiner Freundin in Gütersloh. Er hat den nächsten Zug zurück genommen, da er seinen Termin bei der Kfz-Zulassungsstelle, wo er sein Auto anmelden wollte, verpasst hatte. Normalerweise braucht er für die Fahrt von Isselhorst-Avenwedde nach Bielefeld 10 Minuten, gestern sind es 102. John: "Wenn ich gelaufen wäre, wäre ich schneller gewesen."

Ein mulmiges Gefühl

NW-Sportchef Torsten Ziegler saß im Unglückszug
Augenzeuge

Bewusst gesetzte Pausen erhöhen beim Vorlesen die Aufmerksamkeit, sagte mein Deutschlehrer. Gestern, im entgleisten Zug vorm Hauptbahnhof, vertreibt eine unbewusst gesetzte Pause den ersten Schrecken unter den Reisenden. Da sagt der Lokführer durch, die Weiterfahrt verzögere sich auf unbestimmte Zeit (Pause), beziehungsweise, es werde eine Weiterfahrt nicht geben.

Das erste klingt wie für die normale Verspätung auswendig gelernt. Die Korrektur beinhaltet den Denkprozess: Normal ist gerade nichts. Im Gegenteil: 44 Reisende plus Chauffeur haben Glück gehabt. Der Zusammenstoß ist nur vorn im Zug zu spüren, kein Passagier stürzt, auch nicht, als die Eurobahn in Schieflage zum Stehen kommt.

Okay, die Warterei im Zug nervt. Termine platzen, während ringsum auf den Schienen Bundespolizei und Bahnbedienstete emsig fotografieren. Wir erfahren, dass der Zug zur Spurensicherung beschlagnahmt ist. Drinnen wir als Gefangene mit einem mulmigen Gefühl, weil keiner weiß, wann wir freigelassen werden. Doch leid tut mir nur der Zugführer, der bei der Aufnahme seiner Personalien sagt: "Mein erster Unfall (Pause) und hoffentlich mein letzter."



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