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27.05.2009
GÜTERSLOH
Keine Panik vor Pornos
Fachtagung der Pro Familia über Jugendliche, Sex und Pornografie
VON JAN RÖSSMANN

Sitzen geblieben: | FOTO: OBS/MAXIM

Gütersloh. Pornokonsum ist für Jugendliche heute normal. Über Handys oder das Internet verbreiten auch Zwölfjährige mühelos Sexfilmchen. Pädagogen sind beunruhigt und befürchten, dass Jugendliche sexuell verwahrlosen. Deshalb diskutierten jetzt 80 Erzieher von Wilhelmshaven bis Frankfurt im Kreishaus. Hauptreferent Gunter Schmidt wollte beruhigen. Seine These: Regelmäßiger Pornokonsum könne auch zu einem zivilisierten Umgang mit Sex und Erotik führen.

Die Panik um das Thema Sex ist nicht neu. An die so genannte 1.000-Schuss-Theorie erinnert sich der 70-jährige Gunter Schmidt noch gut. Um Jugendliche von der Selbstbefriedigung abzuhalten, behaupteten Pädagogen in der Nachkriegszeit, jeder Mann könne nur 1.000 Mal ejakulieren – danach sei Schluss. "So verteufelten viele Erwachsene die Masturbation ", sagt der Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung. Spätere enthüllten Studien, dass mehr als 80 Prozent der Deutschen onaniert. Schmidt meint: sobald wir zu wenig über ein Phänomen wissen, wird die Debatte unsachlich. So sei das auch mit der Porno-Panik.

Falsch sei, dass Pornografie den Sex von Jugendlichen stark beeinflusse. Sexuelles Verlangen werde bereits im Kleinkindalter entwickelt – durch die Beziehung zu unseren Eltern, zum eigenen Körper, zu den Geschlechterrollen. "Lovemap" nennen Forscher diese frühe Prägung. Einen sozial stabilen Jugendlichen prägen die expliziten Szenen demnach nicht besonders stark.

Kaum Studien über Pornografie

Doch der Sozialpsychologe weiß auch, dass er wenig weiß: "Es gibt noch viel zu wenig wissenschaftliche Studien über Pornografie." Und von denen, die es gibt, gefallen dem Hamburger viele nicht. So besagt eine Umfrage des Magazins Bravo, dass mehr als 74 Prozent der 13- bis 17-Jährigen bereits Kontakt mit Pornos hatten (siehe Kasten). Schmidt stört bereits die Forschungsfrage: "Das ist zu unpräzise. Jeder, dem ein Schulkamerad schon mal ein Nacktfoto auf dem Handy gezeigt hat, muss bejahen." Eine vergleichbare Umfrage aus den USA hält Schmidt für glaubwürdiger. Demnach suchen sogar unter den 16- bis 17-Jährigen nur 38 Prozent im Internet aktiv nach Pornos: "Das ist doch wenig", meint Schmidt: "In einem Alter, in dem die Jungen und Mädchen neugierig auf Sex sind."

Die Zuspitzung seiner These ist provokant: Früher sind junge Männer schon bei der nackten Hildegard Knef ausgerastet – heute seien die Jugendlichen gelassener: "Das kann auch als Ausdruck der Zivilisiertheit betrachtet werden", meint Schmidt.

Nach diesem Plädoyer beschäftigten sich die Pädagogen in Seminaren mit dem Thema: Konstantin Köwius aus Wuppertal stellte den Film "Geiler Scheiß" vor, in dem junge Erwachsene über ihre Erfahrungen mit Sexfilmen berichten. Inge Thömmes, Almuth Duensing und Ulrike Wehmeier von Pro Familia diskutierten mit Teilnehmern über die Bedeutung von Pornos für das sexuelle Verhalten von Mädchen. Sven Robert von Pro Familia Lippe zeigte den Pädagogen, was Jugendliche heute im Netz finden können. Und Jörg Lechthoff (Pro Familia Gütersloh) machte deutlich, wie Sozialarbeiter mit Jungen über Pornografie angemessen sprechen können.
    


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