Lemgo/Sanaa. Ihr humanitäres Engagement haben Anita G. (24) und Rita S. (26) mit dem Leben bezahlt: Die zwei im Jemen ermordeten deutschen Frauen besuchten seit drei Jahren die "Bibelschule Brake" in Lemgo (Kreis Lippe) und hatten als Praktikantinnen der niederländischen Hilfsorganisation Worldwide Services in einem Krankenhaus in der nördlichen Region Saada gearbeitet. Während Angehörige, Mitschüler und Lehrer den Schock noch verarbeiten müssen, schickte die Bundesregierung ein Expertenteam in den Jemen, um bei der Identifizierung der Leichen zu helfen.
Nach den anderen fünf deutschen Geiseln, die zwischenzeitlich bereits für tot erklärt worden waren, wird in der Region mit Hochdruck gesucht.
"Wir verlieren mit Anita G. und Rita S. zwei engagierte Studentinnen, die mit ihrer Liebe zu Gott und den Menschen ein Vorbild waren", heißt es in einer Stellungnahme der Schule. Laut Schulleiter Matthias Rüther hatten sich die jungen Frauen, die aus einer russlanddeutschen Baptistengemeinde im niedersächsischen Landkreis Gifhorn stammen, aufgrund ihres ausgeprägten sozial-diakonischen Engagements für ein Praktikum im Jemen entschieden.
Während des Picknicks verschleppt
Die Bibelschülerinnen waren am Freitag gemeinsam mit einer fünfköpfigen deutschen Familie, einem britischen Ingenieur und einer ebenfalls ermordet aufgefundenen koreanischen Krankenschwester während eines Picknicks verschleppt worden. Hirten hatten die Leichen der Frauen, die nach Auskunft von Beamten der Provinz Saada mit Pistolen und Dolchen umgebracht wurden, am Montag im Nuschur-Tal nahe der Ortschaft Akwan entdeckt. Ein Militärhubschrauber brachte die Leichen in die Hauptstadt Sanaa, wo sie zunächst obduziert und später in ihre Heimatländer überführt werden sollten.
Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier bestätigte nur, dass es sich bei den Toten um Deutsche handelt, und verhängte eine Nachrichtensperre. Auch die Hilfsorganisation Worldwide Services durfte keine Informationen zum Einsatz ihrer Lemgoer Praktikantinnen geben – um das Leben der restlichen Geiseln nicht zu gefährden, sagte ein Sprecher. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verurteile die Tat "auf das Schärfste".
Zu der Entführung und Ermordung der Frauen hat sich bislang niemand bekannt. Jemenitische Medien berichteten von einem Machtkampf zwischen Drogenschmugglern und Sicherheitskräften. Angeblich sollen die Ausländer von einem Drogenboss als Faustpfand entführt worden sein, um die Behörden zur Herausgabe einer beschlagnahmten Drogenlieferung zu zwingen. Als die Regierung darauf nicht einging, habe man zunächst die Frauen ermordet. Beobachter in Saada halten es aber auch für möglich, dass Extremisten der El Kaida für die Tat verantwortlich sind.
"Sie war ein nettes Mädchen"
Für die jungen Frauen aus Niedersachsen spielt diese Frage keine Rolle mehr. In ihrer Gemeinde regiert die Trauer. "Jeder hier kennt Rita. Sie war ein nettes Mädchen", sagt eine Nachbarin. "Rita wollte die Menschen immer mitreißen und sie begeistern, christlich zu denken. Als Christ gehört es ja dazu, dass man gibt und hilft. Da denkt man nicht über Gewalttäter nach." Auch Anita ist hier gut bekannt, "das war eine ganz Liebe. Rita und sie waren Cousinen, sie haben sehr viel zusammen gemacht."
Am Abend äußerte sich dann auch der Vater eines der Opfer. "Sie war ein Engel", sagte er der Neuen Osnabrücker Zeitung. Diejenigen, die seiner Tochter das angetan hätten, seien "skrupellose Verbrecher, die möchten, dass wir leiden". Er hoffe nun, dass die übrigen Geiseln mit dem Leben davonkommen werden. Er habe mit seiner Tochter einen Tag vor der Entführung zum letzten Mal am Telefon sprechen können. "Sie war sehr glücklich, den Menschen im Jemen helfen zu können."