Bielefeld. Der Ton des Briefes, den Eberhard Einsiedler, Vorsitzender des Hauptpersonalrats der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg, kürzlich seinem Chef geschrieben hat, war ungeduldig: "Herr Weise, pfeifen Sie Ihre Zahlenknechte zurück!", forderte Einsiedler. Jetzt erreichen der Widerstand gegen internen Druck und die Kritik am Führungsstil die Basis.
"In der Bundesagentur für Arbeit und in ihren Dienststellen herrscht Krieg", lautet der erste Satz eines Schreibens, das ein Mitarbeiter der Bielefelder BA anonym an diese Zeitung geschickt hat. "Interne Kritik gibt es nicht, alles und jeder wird sofort mundtot gemacht. Folgerichtig trägt dieses Schreiben auch keinen Absender", so die Begründung.
Wer auch immer den Brief verfasst hat – der Autor ist mindestens so schlecht auf seinen Arbeitgeber zu sprechen wie Hauptpersonalrat Einsiedler, der mit BA-Chef Frank-Jürgen Weise und dem von ihm eingeführten Controlling-System abrechnet. Er habe schon seit einiger Zeit den Eindruck, als wäre nicht die Arbeit "am und mit dem Kunden" das Kerngeschäft, sondern Controlling, Qualitätsmanagement und Steuerung.
"Sinn- und hilflosen Zahlenproduzenten"
Letzteres geschehe immer mehr zum Selbstzweck, schreibt Einsiedler unter dem Titel "Ist die BA noch steuerungsfähig? – Wenn ja, wie lange?". Teamleiter würden auf Druck der Regionaldirektionen zu "sinn- und hilflosen Zahlenproduzenten" degradiert, die nur noch damit beschäftigt seien, ein zahlenmäßig vorgegebenes Agenturergebnis und damit einen ordentlichen Rangplatz in der Hitliste der Agenturen zu erreichen."Es muss Schluss sein mit dem Zahlenfetischismus. Mit den zusätzlichen Belastungen der derzeitigen konjunkturellen Wirtschaftslage ist es aus meiner Sicht nur noch eine Frage der Zeit, bis die BA steuerungsunfähig ist", warnt Einsiedler, der vom Personalrat der BA Bielefeld und vom Sozialen Bündnis Paderborn öffentlich unterstützt wird.
Auf die zahlreichen Vorwürfe aus dem anonymen Schreiben reagiert Thomas Richter, Leiter der Agentur für Arbeit in Bielefeld, verständnislos. Weder seien die Gesprächszeiten zwischen Arbeitsvermittler und Kunden zu knapp bemessen, noch müssten Überstunden zur Bewältigung statistischer Dokumentationen geleistet werden. "Wir haben zwar viel Arbeit, und die Situation ist angespannt, aber es gibt keine Missstimmungen", kommentiert Richter das Schreiben.
Datensammelwahn auf die Spitze getrieben
Beim Sozialen Bündnis Paderborn verfolgt man die öffentliche Auseinandersetzung mit Spannung. "Nach uns vorliegenden Informationen wendet sich der Protest gegen die Folgen einer Vielzahl von Beratungs- und Umstrukturierungsprozessen, die durch externe Beraterverträge in der BA durchgeführt wurden", erklärt Sprecher Hans-Dieter Luerweg. Die BA habe den in allen gesellschaftlichen Bereichen anzutreffenden Beratungs- und Datensammelwahn auf die Spitze getrieben."Hier wird den Auswertungen des Computers und den daraus resultierenden Analysen von selbsternannten Fachexperten mehr vertraut als den Erfahrungen und Eindrücken langjährig erprobter und zuverlässiger Mitarbeiter. Der Blick auf das Schicksal der Betroffenen geht dabei völlig verloren." Die Folge sei ein Realitätsverlust gegenüber der Lebenswirklichkeit der Menschen.











