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28.07.2009
Schweinegrippe: Hausärzte halten den Ball flach
Deutlicher Unterschied zwischen tatsächlicher und gefühlter Bedrohung
VON PETER STUCKHARD

Fieber? | FOTO: DAK/WIGGER

Bielefeld. Die starke Zunahme der Fälle von Schweinegrippe in Deutschland ist auch auf eine veränderte Zählweise zurückzuführen. Wie das Robert-Koch-Institut dieser Zeitung bestätigte, gelten als "neue Fälle" auch solche Personen, die Kontakt zu zweifelsfrei Erkrankten hatten, ohne dass die Diagnose im Labortest gesichert worden wäre.

Bisher wurde auch Kontaktpersonen von Erkrankten ein Abstrich entnommen und im Labor untersucht. Insgesamt, so Carsten Tiemann vom RKI-Referenzlabor Labcon-OWL in Bad Salzuflen, liegt die Quote der positiven Testergebnisse, also der tatsächlich erwiesenen Schweinegrippenfälle, bei nur 10 bis 14 Prozent. Unterstellt man, dass diese Quote auch für die Nichtgetesteten gilt, dürfte die Zahl der Neuerkrankungen erheblich niedriger sein, als derzeit unterstellt wird.

Kein Wunder also, dass die tatsächliche Grippesituation in der Region sich deutlich von der gefühlten Bedrohung unterscheidet. Fakt ist, dass zum Beispiel im Städtischen Klinikum Bielefeld kein einziger Fall von H1N1-Grippe stationär behandelt wird. Dafür werden die Notfallambulanzen der Kliniken mit einer großen Zahl besorgter Patienten überlastet, die lediglich leichte Symptome zeigen.

Der Bielefelder Hausarzt Ulrich Weller empfiehlt allen, die jetzt im Sommer Grippesymptome empfinden und unsicher sind, als Erstes den Hausarzt anzurufen. Weller: "Darauf sind wir vorbereitet und haben auch eine Vorgehensweise abgesprochen." Der Arzt wird zunächst nachfragen, ob der Kranke direkt aus einem der Gebiete kommt, in denen die Krankheit vermehrt auftritt, zum Beispiel Mallorca. Die zweite Frage geht dahin, ob er Kontakt zu einer Person gehabt hat, die eindeutig positiv getestet worden ist, also sicher Schweinegrippe hat.

Ergibt sich aus den Antworten kein weiterer Verdacht, rät er den Patienten, zu Hause zu bleiben, aber die Angehörigen können ruhig das Haus verlassen. Weller: "Diese Fälle laufen als Sommergrippe durch, die werden nicht alle getestet."

Leitet sich aus der Vorgeschichte und den Krankheitsanzeichen des Patienten ein Verdacht ab, bitten die Hausärzte sie in die Praxis. "Aber", so Weller, "bitte nicht ins Wartezimmer setzen", wo schon andere gesundheitlich angegriffene Patienten sitzen. Man kann an einem Nebeneingang der Praxis schellen oder, wo es den nicht gibt, direkt in einen Nebenraum geführt werden. Der Arzt entscheidet dann im Einzelfall, ob er einen Labortest für notwendig hält.

Die Aussage, dass "leichte Verläufe mit Tamiflu behandelt werden", hält Weller in der Pauschalität für unzutreffend. "Tamiflu bekommen nur Patienten, die auf Grund von Vorerkrankungen besonders empfindlich und gefährdet sind." Auch bei Schwangeren sei die Gabe von Tamiflu kein Automatismus.

In den Untersuchungslabors gehen derweil die Lichter nicht aus. Bei Labcon OWL laufen derzeit 300 bis 350 Proben pro Tag durch die Maschinen. Das sind in der Sieben-Tage-Woche weit über 2.000 Proben. In einer normalen Influenzasaison sind es, so Laborchef Tiemann, fünf Proben pro Woche. Noch vor kurzem wurden, so ein realer Fall, aus einem 80-Passagiere-Bus, in dem es einen einzigen gesicherten Krankheitsfall gab, weitere 79 Labortests gefahren. Das ist jetzt vorbei, was auch etwas mit dem Geld zu tun hat: Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe vergütet die Labortests in einem begründeten Verdachtsfall, wenn sie vom Arzt veranlasst werden. Wer nur sicher sein will, muss den Test selbst bezahlen.

Die Gesundheitsämter sind dabei, die Strategie gegenüber der Seuche umzustellen von der Eindämmung (Containment) auf die Milderung (Mitigation) der Folgen. Michaela Pitz, Sprecherin des Kreises Paderborn, berichtet, dass nicht mehr alle Passagiere eines Mallorca-Fluges gesucht werden, wenn nur einer positiv getestet wurde. Pitz: "Die Erfahrung zeigt, dass das Risiko, sich im Flugzeug anzustecken, gering ist." Ruth Delius, Chefin des Bielefelder Gesundheitsamts, bestätigt, dass sich die Behörden darauf konzentrieren, das persönliche und familiäre Umfeld der Erkrankten sowie Risikogruppen und gefährdete Einrichtungen wie Schulen oder Kindertagesstätten zu schützen.

Die DAK schaltet am Mittwoch von 10 bis 18 Uhr eine Hotline zur Schweinegrippe unter der Telefonnummer 01802 676676 (sechs Cent aus dem Festnetz).
    


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