Wirtschaftsführer der Region beklagen bei Gespräch mit der Bundeskanzlerin die Kreditklemme
Bielefeld. Mitten in der heißen Wahlkampfphase keinen Wahlkampfauftritt in Ostwestfalen zu machen, kann sich wohl nur Bundeskanzlerin Angela Merkel leisten. Statt Kundgebung und Wortgeklingel suchte die CDU-Vorsitzende den Gedankenaustausch mit Spitzenvertretern der ostwestfälischen Wirtschaft. Die nutzten die Gelegenheit, der Kanzlerin ausführlich ihre Sorgen vorzutragen.
Doch Schwarzmalerei ist nicht der Ostwestfalen Ding. Zwar sei die Region von der Rezession auch hart getroffen, aber Familienunternehmen seien "oft robuster und durch solides Eigenkapital und vorausschauende Unternehmensführung besser in der Lage, eine Durststrecke zu überwinden", sagte IHK-Präsident Ortwin Goldbeck zur Begrüßung der Kanzlerin. Doch Sorgen gebe es auch in der Region: Wichtige Branchen wie Maschinenbau oder Automobilzulieferer und insgesamt die exportorientierten Betriebe seien zum Teil auf ein "deprimierendes Niveau" abgerutscht. Die Erwartungshaltung sei gedämpft, und das Niveau von Mitte 2008 "werden wir so schnell nicht mehr erreichen", erklärte Goldbeck der Kanzlerin.
Merkel habe interessiert zugehört und gezielt nachgefragt, berichteten Teilnehmer nach dem Unternehmergespräch, zu dem neben der IHK Ostwestfalen der Industrie- und Handelsclub OWL eingeladen hatte. "Bescheiden, aber klar" sei die Kanzlerin aufgetreten, sagt Clemens Tönnies, fleischverarbeitender Fabrikant aus Rheda-Wiedenbrück. "Mit ihr sind wir auf Dauer gut aufgestellt", fügt er noch hinzu.
Kritik der Gesprächsteilnehmer
Wo der Schuh wirklich schmerzlich drückt, berichtet die Kanzlerin nach Ende des 80- minütigen Gesprächs im streng abgeschotteten Kreis. "Wir haben ausführlich über das Thema Kreditklemme gesprochen", sagt sie und räumt ein, das dieses Thema "uns noch im Herbst beschäftigen wird". Dann verweist sie auf die Bürgschaftsprogramme der Bundesregierung. Zusätzlich wolle ihr Kabinett bis Ende August Vorschläge für eine Warenkreditversicherung vorlegen, fügt sie hinzu.
Wirklich problemlösend sei dies nicht, sagen Teilnehmer. Doch Modeunternehmer Gerhard Weber räumt ein, dass für die Kreditvergabe die Banken zuständig seien. Weber ärgert aber schon, dass seine Firma als börsennotiertes Unternehmen immensen Richtlinien unterworfen sei, und die Banken hätten machen können, was sie wollen.
Intern habe sie die Probleme keinesfalls kleingeredet, sagt Dienstleistungsunternehmer Jochen Willmann. Patentlösungen gebe es derzeit nicht, aber Ideen zu mehr Flexibilität. Etwa durch eine zumindest zeitlich begrenzte Aufweichung der Basel-II-Kriterien, die strenge Maßgaben bei der Kreditvergabe setzen, insbesondere sehr hohe Eigenkapitalanforderungen stellen.
Weiter am Bürokratieabbau arbeiten
Zuversicht, auch nach der Bundestagswahl als Bundeskanzlerin weiterarbeiten zu dürfen, deutet Merkel an, wenn sie den Zeitrahmen erweitert. "Wir müssen in der Zukunft sehen, dass wir nicht über die Unternehmens- und Erbschaftssteuer krisenverstärkende Effekte haben", sagt sie. Daran werde man in der nächsten Legislaturperiode arbeiten müssen. Aussagen, die die Unternehmer mit Freude gehört haben. Ebenso wie die Zusage, den Bürokratieabbau voranbringen zu wollen.
Eindruck hat bei Merkel der Optimismus der ostwestfälischen Unternehmer gemacht. Goldbeck: "Auch die Betriebe, die Auftragseinbrüche von über 30 Prozent oder mehr zu verzeichnen haben, sind nicht resigniert." Merkel nahm das auf: "Ostwestfalen ist ein starkes Stück Deutschland", sagte sie.