Schrift

25.08.2009
BIELEFELD
Korruption bei Doktorarbeiten: Einige Professoren zahlten Geldstrafen
Uni Bielefeld kontaktiert Staatsanwaltschaft
VON HUBERTUS GÄRTNER UND ELMAR KRAMER

Doktorhut gegen Geld | FOTO: NW

Bielefeld/Köln. In dem bundesweiten Skandal um Korruption bei Doktorarbeiten gibt es mittlerweile zahlreiche Reaktionen. Universitäten und Ministerien haben nach der Enthüllung der Neuen Westfälischen reagiert und Konsequenzen angekündigt. Wie ausführlich berichtet, sollen etwa 100 Professoren aus ganz Deutschland in den vergangenen Jahren regelmäßig Schmiergelder vom "Institut für Wissenschaftsberatung" in Bergisch Gladbach angenommen haben, damit sie teilweise ungeeignete Doktoranden bei deren Promotionen betreuten.

Die Ermittlungen sind nach Informationen der Neuen Westfälischen schon weit gediehen. So haben zahlreiche Hochschullehrer bereits Geldstrafen akzeptiert. Dies bestätigte gestern der Kölner Oberstaatsanwaltschaft Günther Feld auf Anfrage. Andere Verfahren seien wegen geringer Schuld und nach der Zahlung von Geldbußen eingestellt worden. Bei den Beschuldigten handelt es sich zumeist um Privatdozenten. Die strafrechtliche Verfolgung könne sich wegen der Verjährungsfristen nur auf die letzten fünf Jahre beziehen, sagte Oberstaatsanwalt Feld. Das "Institut für Wissenschaftsberatung" war etwa 20 Jahre am Markt und hatte sich als "Doktorfabrik" gerühmt.


Der Geschäftsführer des Instituts wurde bereits im vergangenen Jahr vom Landgericht Hildesheim wegen Bestechung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt – nun könnte er womöglich erneut angeklagt werden. Damals wurde vom Landgericht Hildesheim auch ein Juraprofessor wegen Bestechlichkeit zu einer Haftstrafe verurteilt, weil er für etwa 60 Promotionen 150.000 Euro vom "Institut für Wissenschaftsberatung" erhalten hatte. Ausgehend von diesem Fall hat die Kölner Staatsanwaltschaft nun offenbar ein großes kriminelles Netzwerk aufgedeckt.

"Trio infernale"

Vermutlich ist das aber noch nicht alles. Manuel René Theisen, Professor für Betriebswirtschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München, schätzt, dass es ein Dutzend unlautere Promotionsberater in Deutschland gibt. Doktorväter, Beratungsinstitut und die Doktoranden bildeten dabei meistens ein "Trio infernale", sagte Theisen in einem Interview. Im konkreten Fall zahlten die Doktoranden etwa 20.000 Euro für Beratungsleistungen, Hilfe bei Recherchen und Suche eines Doktorvaters an das Institut in Bergisch Gladbach, das einen Teil der Summe verbotswidrig an die Professoren weiterleitete.Nach Ansicht der Kölner Staatsanwaltschaft werden die Doktoranden strafrechtlich kaum belangt werden können, weil sie von den Schmiergeldern an die Professoren womöglich nichts wussten. Doch damit sind sie nicht aus dem Schneider: Sollten die hohen Promotions-Qualitätsstandards "bei der Zulassung der Kandidaten oder bei der eigentlichen Prüfung vorsätzlich unterlaufen worden sein, gibt es klare Sanktionsmöglichkeiten", sagte NRW-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP).

Der Missbrauch eines akademischen Titels könne nach Hochschulrecht mit "bis zu einer halben Million Euro Bußgeld" sanktioniert werden. "Wer als Professor einen Titelerwerb gegen Geld ermöglicht oder erleichtert, kann über das strafrechtliche Verfahren hinaus den Beamtenstatus und seinen Titel als Hochschulprofessor verlieren; einem Privatdozenten droht der Entzug der Lehrbefugnis", so Pinkwart.

Der Universität Bielefeld, die zusammen mit zahlreichen weiteren Hochschulen als von dem Skandal betroffen genannt wurde, liegen nach Angaben ihres Sprechers Torsten Schaletzke entsprechende Informationen bislang nicht vor. Man habe nun selbst die Kölner Staatsanwaltschaft kontaktiert. "Sollte die Universität Bielefeld betroffen sein, werden wir selbstverständlich alles daransetzen, um die Sache schnell und sauber aufzuklären, und gegebenenfalls disziplinarrechtliche Konsequenzen ziehen", sagte Schaletzke.

Die Universität Hamburg, die auch betroffen sein soll, ist von den Ermittlungsbehörden bereits um Mithilfe gebeten worden. Das bestätigte die amtierende Präsidentin Gabriele Löschper. Eine weitere genannte Hochschule beginnt mit der Aufklärungsarbeit: Der Kölner Uni-Rektor Axel Freimuth erklärte, dass man den Vorwürfen nachgehen werde. Die in Köln bestehende Kommission für wissenschaftliches Fehlverhalten an der Uni werde beauftragt, sich mit der Sache auseinanderzusetzen.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft übte Kritik: "Es stellt sich in aller Schärfe jetzt die Frage, was wir am System ändern müssen, damit Nachwuchswissenschaftler auf ehrliche Art und Weise ihre Qualifikation erwerben können", sagte Ulrike Beisiegel, Sprecherin des Ombudsgremiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft, dem Hamburger Abendblatt.


  Das ist ein schwerer Schlag für den Wissenschaftsbetrieb in Deutschland: Bestechliche Professoren sollen jahrelang einen schwunghaften Handel mit Doktortiteln möglich gemacht haben.
    

 
 
    

Mehr zum Thema in nw-news.de

Schrift



Anzeige
Das könnte Sie auch interessieren
Soest/Paderborn
Drogenproduzent in Paderborn zu zehn Jahren Haft verurteilt
Weil ein Mann in Soest im großen Stil Drogen produziert hat, muss er nun für zehn Jahre hinter Gitter. In einer Lagerhalle in Rüthen, die der Mann zur Produktion der verbotenen Rauschmittel nutzte, fand die Polizei die NRW-weit zweitgrößte Menge Drogen der vergangenen zehn Jahre. mehr



OWL / NRW: Meistgeklickt heute vor ...

Anzeige

Anzeige
Fotos aus OWL
Stadtdirektor Willi Bonefeld feiert 90. Geburtstag
Stadtdirektor Willi Bonefeld feiert 90. Geburtstag
125 Jahre Kolpingfamilie
125 Jahre Kolpingfamilie
Lise-Meitner-Schule Partner des Volleyballsports
Lise-Meitner-Schule Partner des Volleyballsports
Hund bei Küchenbrand gerettet
Hund bei Küchenbrand gerettet
Arminia  - Hertha BSC 4:2 nach Elfmeterschießen
Arminia - Hertha BSC 4:2 nach Elfmeterschießen
Königsberger Klopse
Königsberger Klopse


Anzeige
Videos
Anzeige
Anzeige

Erwins Date

Auf der Suche nach einem Partner?

Finden Sie Ihren Partner in drei Schritten!

Regionale Wirtschaft
Deutsche Bank feiert den 100. Geburtstag des Kreditinstituts in Bielefeld
Bielefeld. Bielefelds Oberbürgermeister Pit Clausen brachte es auf den Punkt: "Wer in der Bankenwelt was auf sich hält... mehr

Espelkamp: Harting-Werk ist Fabrik des Jahres
Wie Produktion trotz des Rückgangs der Nachfrage, der Kostenvorteile von Billiglohnländern und der Verschiebung der Absatzmärkte als Erfolgsfaktor im... mehr

Blomberg: Vertrauliche Firmendaten entwendet
Das Weltunternehmen Phoenix Contact aus Blomberg im Kreis Lippe sieht sich mit einem pikanten Fall konfrontiert... mehr

Gütersloh: Bertelsmann investiert 5 Mio. Dollar in indischen Hochschul-Dienstleister
Bertelsmann baut sein Portfolio in Indien aus. Das internationale Medien- und Dienstleistungsunternehmen aus Gütersloh investiert in iNurture... mehr

Bielefeld: Rolf Demuth muss nicht in Haft
Rolf  Demuth, ehemaliger Schieder-Chef, bleibt ein freier Mann. Das hat das Oberlandesgericht Hamm entschieden und damit einer Beschwerde des 76 Jahre... mehr


Kultur
Gütersloh: Böckstiegel-Museum: Bester Entwurf aus Lemgo
Gütersloh (nw). Die 25-köpfige Jury hat getagt und entschieden: Das Lemgoer Büro "h.s.d.architekten" hat den besten Entwurf für ein neues Böckstiegel... mehr

Detmold: Klassik-Echo für Detmolder Kammerorchester "do.gma"
Detmold. Mikhail Gurewitsch ist soeben von der Gala zur Verleihung der "Echo Klassik"-Preise in München zurückgekehrt. Der Detmolder war als... mehr

Bielefeld: Die Farben des Jazz
Man könnte meinen, über das legendäre Jazzlabel "Blue Note" sei schon alles gesagt. Doch Rainer Placke, Bad Oeynhausener Jazzenthusiast... mehr

Bielefeld: Ein Priester gegen den Rest der Welt
Priester James Lavelle ist kein Heiliger. Zu seiner Berufung fand er nach dem Tod seiner Frau. Seine psychisch labile Tochter wirft ihm vor... mehr

Rödinghausen: Hertha-König-Preis für Angelika Klüssendorf
Der alle zwei bis drei Jahre verliehene Hertha-König-Literaturpreis geht an die Schriftstellerin Angelika Klüssendorf aus Rödinghausen.... mehr


Anzeige
Anzeige



Jobs bei der NW


Zeitungsdruck Rotationsdruck Rheinisches Format   NW Logistik